Scherben bringen Glück

Nordlünen Auf inzwischen 100 Jahre Betriebsgeschichte kann die Lüner Glashütte zurückblicken. RN-Redakteur Günther Goldstein stöberte zum Geburtstag in den Archiven.

13.07.2007, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Begonnen hat alles mit dem Mut der Gründer, den Vettern Hermann Schulze-Berge und Otto Schulz. Als Techniker (Schulze-Berge) und Bankkaufmann (Schulz) brachten sie ihr Wissen 1897 zuerst in eine Glasschleiferei ein. Der steigende Absatz machte schließlich den Bau einer eigenen Glasschmelze notwendig. So wurde 1907 die "Lüner Glasmanufactur GmbH" gegründet.

Erster Hafenofen

Für den ersten Hafenofen musste Personal aus Schlesien angeworben und in Nordlünen untergebracht werden. 1908 startete die Produktion mit Beleuchtungsgläsern, bald wurde auf Getränke- und Milchflaschen um gestellt. Nach einer Pause im ersten Weltkrieg ging es mit der Fertigung von Grubenlampen weiter, die alte Facettenschleiferei wurde stillgelegt. In den 30er Jahren kamen erste große Umwandlungen. Die Produktion wurde halbautomatisch und mit ihr kamen die Einmachgläser Marke "Westfalia" und später "Küchenglück". 1942 stehen bereits zwei Wannenöfen zur Verfügung und die Hütte firmiert nun als "Lüner Glashüttenwerke". Mit rund 400 Beschäftigten zählt man zu den größten Arbeitgebern des Kreises Lüdinghausen.

1952 tritt mit Dr. Wilhelm Potthoff (Foto) ein Mann in die Geschäftsleitung ein, der das Unternehmen in seinen 51 Jahren Tätigkeit weit nach vorne bringen soll. Nach vier Amtsjahren beendet er die Mundblasfertigung, an ihre Stelle treten Automaten, 100 Mundbläser verlieren ihre Stellen. Dieser Einschnitt öffnet aber die Türen zu einer ständigen Produktionssteigerung. Rund um die Uhr spucken nun die Maschinen Verpackungsgläser aus. Die alten Renner der Hütte verschwinden aus dem Programm. Einkochen ist nicht mehr in, Glaskonserven prägen das Bild in den Geschäften. Und viele von ihnen ziert ein kleines "LG" auf der Unterseite. Obst- und Gemüseernte sowie Saftproduktion diktieren das Aussehen des wachsenden Betriebsgeländes an der Döttelbeckstraße. Mal stapeln sich die Paletten in gigantische Höhen, dann schleppen zahllose LKW die Gläser in alle Himmelsrichtungen. Umweltauflagen zwingen die Hüttenleitung zum Handeln. 1988 wird der 85 Meter hohe Schornstein errichtet, 1989 geht die Kraft-Wärme-Kopplung mit den Stadtwerken in Bet rieb. Die Wiedervereinigung nutzt Potthoff 1994 zur Gründung des Tochterbetriebes in Drebkau. "Lüner Glas" ist eine fest Größe in der Branche, eine Lüner Spedition trägt den Namen auf ihren LKW weit herum. Die Ruhr Nachrichten wählen ihn zum Manager des Jahres 1994.

Verkauf

Ein Jahr nach seinem goldenen Dienstjubiläum als Chef der Glashütte muss Potthoff 2003 die schmerzliche Entscheidung treffen, das Familienunternehmen an einen Konzern zu verkaufen. Millionenschwere Investitionen in neue Schmelzwannen sind nicht mehr zu schultern. Der Betrieb an der Döttelbeckstraße geht an die Londoner Rexam. Das bleibt nur kurz so. Im März 2007 wird bekannt, dass die Verpackungsglassparte von Rexam an die Ardagh Glass Group in Dublin verkauft worden ist. 218 Mitarbeiter hoffen auf Investitionen in ihre Hütte.

"Glück und Glas, wie leicht bricht das" sagt ein Sprichwort. Zu wünschen sei der 100-Jährigen, dass ihr das Glück hold bleibt und viel Glas bricht. Denn dann muss in Lünen viel neues produziert werden.

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