Ärger über „Black Friday“: „Was willst du als Schuldner-Beratung dagegen machen?“

rnSchuldnerberatung

Die Zahl der überschuldeten Personen in Lünen hat zwar nur leicht zugenommen. Doch die Arbeit für die Schuldnerberater ist nicht weniger geworden, wie sie uns im Gespräch verraten haben.

Lünen

, 26.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sabine Otto, Ralf Zießow und Anke Bittner helfen Menschen, die in finanzielle Schieflage geraten sind - wenn diese Menschen denn auch Hilfe wollen. Insgesamt 868 sogenannte Beratungskontakte gab es im Jahr 2018. Bei fast 9700 überschuldeten Lüner Bürgern ist das eher überschaubar. Wir haben uns mit den Schuldnerberatern zum Interview getroffen.

Wie hat sich die Arbeit in der Schuldnerberatung verändert?

Anke Bittner: Ich habe definitiv mehr Kontakte mit der Obdachlosen-Übernachtungsstelle der Diakonie. Außerdem, als ich vor zehn Jahren in der Beratung angefangen habe, waren 10 bis 15 Gläubiger in einem Fall die Ausnahme. Heute ist das Standard.

Wie kommt man an 15 Gläubiger?

Ralf Zießow: Schalten Sie den Fernseher ein, oder gehen Sie ins Internet. Da haben Sie die Angebote. Onlinehändler zählen mittlerweile häufig zu den Gläubigern. Wobei Mietschulden und Versicherungen nach wie vor zu den drückendsten Schulden zählen.

Ist nicht eine gewisse Bonität der Kunden für solche Käufe erforderlich?

Ralf Zießow: Dann gäbe es wahrscheinlich keinen Umsatz mehr, weshalb mittlerweile auch negative Bonitäten kein Hindernis sind. Wenn ich die Schufa-Auskunft von einigen meiner Klienten sehe, frage ich mich, wie die überhaupt noch was kriegen konnten. Das scheint offensichtlich nur wenige Anbieter noch zu interessieren.

Warum?

Ralf Zießow: Ein mögliches Argument ist, dass ein Großteil der Kunden die Verträge ja bedienen kann. Die Verluste schreiben die großen Firmen ab - da nehmen die vielleicht sieben Prozent Ausfallquote in Kauf. Es ist mittlerweile so absurd, dass ein Telefonanbieter, der noch einen Vollstreckungsbescheid aus dem Jahr 2015 ausstehen hat, demselben Kunden bereits wieder einen neuen Vertrag gibt.

Wird man da nicht irgendwann wütend?

Ralf Zießow: Es gibt ja Möglichkeiten, sich zu schützen. Zum Beispiel das Pfändungsschutzkonto. Man muss den Leuten die Angst nehmen und erklären, dass die Situation zwar nicht schön, aber eben auch nicht aussichtslos ist. Das federt den ersten Ärger der Klienten ab.

Und Sie selbst?

Anke Bittner: Wir sind von der Professur her alle Sozialarbeiter, und die Frage von Nähe und Distanz ist unser Studieninhalt. Wir haben manchmal schon ganz schöne Dramen vor dem Schreibtisch sitzen - wenn eine Familie ihr Haus verlassen muss, ist beispielsweise auch Suizid ein Thema. Wenn ich da nie die professionelle Distanz hätte, könnte ich den Job nicht machen.

Sabine Otto: Ich finde in dem Arbeitsbereich die Freiwilligkeit gut. Wir haben keine Sanktionen - wir können unterstützen, aber die Leute müssen den Weg selber gehen. Sie dahin zu bringen, ist sicher auch nochmal eine Motivation für uns.
Wie lange muss ich auf eine Beratung warten?

Ralf Zießow: Wenn es ein Notfall ist, also zum Beispiel Obdachlosigkeit droht, klappt das meistens noch am selben Tag. Im Insolvenzfall haben wir eine Bearbeitungszeit von vier Wochen. Das ist noch gut, in anderen Städten können es auch mal sechs Monate oder mehr sein.

Gab es 2018 mehr zu tun als sonst?

Ralf Zießow: Bei der Qualität, also dass die Zahlen der Verbraucherinsolvenzen zurückgehen oder wenigstens stagnieren, liegen wir im Trend. Aber die Fälle werden komplexer, schwieriger. Da gehen auch gesellschaftliche Tendenzen nicht an uns vorbei - Beispiel Migration. Man versteht die Leute manchmal schlichtweg nicht, sie verstehen uns nicht. Die Menschen können teilweise übers Internet Verträge in der jeweiligen Sprache abschließen und Dinge kaufen - sich aber in der Beratung zu verständigen, ist schwierig.

Jetzt lesen

Also nur mit Sprachkurs zur Beratung?

Anke Bittner: Beraten wird auf jeden Fall, nur die Insolvenz selbst erfolgt ausschließlich, wenn die Sprache verstanden wird. Erschließen sich einem beispielsweise die Briefe nicht, verstreichen möglicherweise Fristen und der Verbraucher wird für die Insolvenz gesperrt. Natürlich ist es eine Anregung von uns, auch vor der Schuldnerberatung wenigstens einen Sprachkurs absolviert zu haben. Aber die Möglichkeit, solche Vorgaben zu machen, haben wir nicht.

Was kann man allgemein gegen steigende Verschuldung tun?

Ralf Zießow: Schauen Sie sich doch diesen Black Friday an. Jetzt kaufen und im Januar zahlen. Was willst du als Schuldnerberatung gegen solche Aktionen machen?
Anke Bittner: Man könnte noch ergänzen, dass mittlerweile viele Bankfilialen fehlen. Ich erinnere mich noch an früher, als in meiner Bank jemand hinterm Schalter stand, der kannte jeden einzelnen Kunden. Und der hat dann auch schonmal zu einem, auch laut, gesagt: „Du bist schon wieder hier? Erst gestern war doch deine Frau da.“ Das war auch so eine Art soziale Kontrolle - wenn ich heute online einen Kredit abschließen kann oder im Möbelhaus zu einem Kinderbett sofort eine Kreditkarte kriege, dann wird es ungleich schwieriger.

Gibt es keinen Austausch zwischen Ihnen und Kaufleuten oder Banken?

Ralf Zießow: Wenn ich fordern würde: Schafft den Black Friday ab, würde ich mich doch lächerlich machen.
Anke Bittner: Ich fände es schon toll, wenn man sich mal mit allen zusammensetzen könnte. Wir haben sicherlich Banken und Sparkassen, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten, und dann haben wir Banken, bei denen ich denke: Wir können noch so viel machen, das ist denen völlig egal.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt