Sexismus-Kritik entzündet sich an Werbeplakat des City-Rings Lünen

rnShopping-Kampagne

Ein Plakat, mit dem der City-Ring geworben hat, sorgt für Diskussionen. Handelt es sich hier um Sexismus oder doch um einen gelungenen Gag? Ein Marketing-Experte hat dazu eine klare Meinung.

Lünen

, 19.11.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Comic-Zeichnung hatte zwei Wochen lang Autofahrer in Lünen begrüßt, die über die Borker und die Dortmunder Straße nach Lünen gefahren sind. Das Bild zeigt eine Frau mit euphorischem Gesichtsausdruck, die in der einen Hand zahlreiche Einkaufstaschen hält und mit der anderen Hand ihren verschmitzt lächelnden Mann hinter sich herzieht. Den Mann umwehen grüne Scheine, auch er trägt zwei Einkaufstaschen. „Lünen - einkaufen in meiner Stadt!“ steht dazu in einer Sprechblase neben dem Paar.

Das Ziel der Botschaft ist klar: Gerade in der Corona-Pandemie will der City-Ring die Kaufleute in der Innenstadt und in ganz Lünen unterstützen. Da im „Lockdown light“ die Geschäfte nicht schließen müssen, besteht zumindest theoretisch die Chance auf ein Weihnachtsgeschäft - wenn auch die Geschäftsleute selbst skeptisch sind und unter anderem die Schließung der Gastronomie kritisieren, die zu einem Rückgang der Kundenfrequenz in der Innenstadt führen würde.

So nachvollziehbar die Absicht hinter dem Plakat sein mag, so unverständlich ist für einige - vor allem weibliche - Betrachter die Wahl des Motivs: „Die Frau als hysterische Shopping-Tante, der Mann als lässiger Geldgeber, der ihr mal was gönnt“ lautet einer von mehreren Kommentaren, die unsere Redaktion zu dem Thema erreicht haben. „Sieht so das moderne Rollenverständnis der Stadt und des City-Rings aus?“, fragt eine andere Nutzerin. Für eine weitere Betrachterin ist das Plakat „Sexismus pur“, und selbst ein männlicher Nutzer fragt sich: „Meinen die das ernst, oder ist das eine Karikatur?“

Plakat wurde von einer Frau gestaltet

Die Botschaft ist sogar sehr ernst gemeint, wie City-Ring-Vorsitzender Helmut von Bohlen im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt. „Wir sind ein Verein, der die Kaufleute unterstützt, und der deshalb Werbung für Shopping in Lünen macht.“ Dass das Plakat für einige Menschen sexistisch oder frauenfeindlich wirke, kann er nicht nachvollziehen: „Zum einen lag und liegt das nicht in der Absicht des City-Rings. Und zum anderen kann man das da gar nicht hineininterpretieren.“

Von Bohlen betont, dass es sich bei dem Bild um einen Comic handelt. „Es geht hier um Spaß, und zwar um Spaß beim Einkaufen.“ Wenn man diese Szene als Motiv nicht wählen dürfe, müsse er sich schon fragen, was als nächstes kommt: „Da ist kein Schwarzer drauf abgebildet - heißt dass also, das keine Schwarzen in Lünen willkommen sind? Und müssen wir demnächst ,der, die, das‘ über die Plakate schreiben?“

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Von Bohlens Vorstandskollege Claus Gerdel betont, dass das Plakat sogar von einer Frau gestaltet worden sei. „Der gesamte Vorstand hat es für gut befunden und steht weiter dazu.“ Dass das Plakat für rund zwei Wochen zu sehen war, hatte mit dem abgesagten Kinofest zu tun: „Die eigentlich geplante Werbung konnte nicht laufen, also musste kurzfristig etwas Neues her.“ Die Comic-Szene sei aus einer Vorlagensammlung genommen und dann auf Lünen getextet worden. „Nichts liegt uns ferner, als damit irgendwen zu diskriminieren.“

Stereotype in der Werbung üblich

Rückendeckung erhält der City-Ring von Professor Hartmut Holzmüller. Der Lehrstuhlinhaber für Marketing an der Technischen Universität Dortmund hatte vor knapp einem Jahr die Image-Umfrage für die Stadt Lünen betreut und spricht hier von der „Lünener Krankheit“: „Wenn jemand etwas macht, und sei es noch so gut gemeint, wird das erst einmal kritisch beäugt.“ Er selbst habe sich beim Anblick des Plakats gefreut: „Endlich macht mal jemand was.“

Den Sexismus-Vorwurf sieht er nicht als gerechtfertigt an: „Seximus bedeutet Diskriminierung, in dem zum Beispiel ein ungleicher Status aufgrund des Geschlechts unterstellt wird.“

Davon könne bei dem Plakat kaum die Rede sein: „Es wird hier natürlich ein Stereotyp verwendet: Männer sind beim Einkauf zurückhaltender.“ Die Verwendung solcher Stereotypen sei im Bereich Marketing eine weit verbreitete Technik: „Ich kann in der Werbung keine Geschichten erzählen, kein Wenn und Aber. Folglich führt kein Weg an solchen Stereotypen vorbei.“

Als Beispiel nennt der Experte die Darstellung von Großeltern und Enkeln in der Werbung - gerade in der Vorweihnachtszeit: „Da wird immer die Botschaft von Harmonie und Gelassenheit transportiert. Ich kenne genug Großeltern, die drei Kreuze machen, wenn die Enkel wieder weg sind.“ Die Frage bei den Stereotypen sei, wie extrem man sie anwendet - und ob sie zum Beispiel eine Abwertung bestimmter Personen signalisieren. „Davon sind wir hier jedoch deutlich entfernt.“

„Würde das morgen wieder schalten“

Neben dem Logo des City-Rings findet sich übrigens auch das Logo der Stadt Lünen auf dem Plakat. Letztere hat jedoch weder mit der Gestaltung noch mit der Buchung etwas zu tun: „Das ,Mein Lünen‘-Signet ist in der Form, wie es auf dem Plakat dargestellt ist, dem City-Ring zur Nutzung überlassen“, teilt Pressesprecher Benedikt Spangardt mit.

Unterdessen hoffen Helmut von Bohlen und der City-Ring-Vorstand, dass die Lünerinnen und Lüner - und nicht nur die - der Botschaft folgen und die Läden in der Stadt unterstützen. „Es ist eine schwierige Zeit, und da sollte man nicht noch unnötige Diskussionen führen.“ Zu dem Plakat stehe er nach wie vor, so der City-Ring-Vorsitzende: „Ich würde die Werbung morgen wieder schalten.“

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