Impressionen von den Proben am Freitag für den Stream der Aufführung "Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da". Am Samstag feierte das Stück im Hilpert-Theater Premiere. © Günther Goldstein
Theater-Stream

„Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da“: Eindrucksvolle Premiere im Hilpert-Theater

Die erste Online-Aufführung in der Geschichte des Hilpert-Theaters hat am Samstag stattgefunden. Das Stück „Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da“ feierte Premiere - und zwar eindrucksvoll.

In seiner über 60-jährigen Geschichte hat das Heinz-Hilpert-Theater schon viele Premieren erlebt. Am Samstag (27. Febraur) gab es eine ganz besondere. Zum ersten Mal wurde eine Aufführung per Internet-Stream übertragen. Für die Zuschauer gab es ein Theaterereignis der besonderen Art.

Es gehört schon Mut dazu, in Zeiten, wo alle Welt von Corona spricht, ohne einen besonderen Jahrestag an eine historische, von Menschen verursachte Katastrophe ungeheuren Ausmaßes zu erinnern. Das artENSEMBLE THEATER präsentierte den von Jürgen Larys und Susanne Hocke in Szene gesetzten Augenzeugenbericht des Japaners Shigemi Ideguchi nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf die Stadt Hiroshima. Unterstützt wurde dieses Projekt von Kulturbüro Lünen, dem Kultursekretariat des Landes NRW und dem Theaterförderverein Lünen.

Die Vorbereitungen für den ersten Livestream aus dem Heinz-Hilpert-Theater hatten schon am Tag vor der Auffführung begonnen.
Die Vorbereitungen für den ersten Livestream aus dem Heinz-Hilpert-Theater hatten schon am Tag vor der Aufführung begonnen. © Günther Goldstein © Günther Goldstein

Zu Beginn zeigt die Kamera den schwach mit einem Blauschimmer beleuchteten Bühnenraum und die durch weiße Kieselsteine abgegrenzte Spielfläche. Im Hintergrund erzeugt eine Frau im Kimono (Susanne Hocke) fremdartige musikalisch-akustische Klänge. Dann betritt Jürgen Larys als Shigemi Ideguchi, exotisch hell geschminkt, in zerfetzter Kleidung und verwundet mit schleppend schwankenden Schritten die Spielfläche. Von diesem Augenblick an erlebt der Zuschauer alle Schrecken des Atomwaffenabwurfs hautnah, wobei der Begriff „Atombombe“ erst nach mehr einer Stunde zum ersten Mal fällt.

Leid wird für die Zuschauer nachempfindbar

Larys versteht es durch seine Vortragsweise, durch sein Spiel, seine Gestik und Mimik die schrecklichen Bilder, die fruchtbaren Eindrücke und die Leiden des Protagonisten in erschütternder Weise den Rezipienten an den Bildschirmen nahe zu bringen. Er lenkt den Blick auf die vielfach verletzten Menschen, bei denen sich die Haut vom Leibe schält, auf tote Kinder, die am Brunnen festgeklebt sind und auf die unzähligen Toten am Wege. Er lässt die Zuschauer den Verwesungsgeruch spüren und die Pein des Betroffenen als Folgen der Verstrahlung nachempfinden. All das Schreckliche wird durch die musikalischen Einlagen von Susanne Hocke und die von ihr vorgetragenen Zwischentexte nur geringfügig erträglicher.

Wenn auch die Idee Streamings aus der Corona-Not geboren wurde, so ergab sich für die Zuschauer bei aller Schrecklichkeit der Inhalte doch ein Theaterereignis von hohem künstlerischem Rang. Vor allem, weil die Möglichkeiten von Theater und Film optimal kombiniert wurden. Denn das erwähnte beeindruckende Geschehen auf der Bühne wurde vom Lüner Kulturpreisträger Michael Kupczyk und seinem Team meisterhaft eingefangen. Während die Zuschauer im Theater immer nur einen Blick auf das Gesamtgeschehen haben, konnten sie jetzt durch Großaufnahmen die Ausdruckskraft und Mimik von Jürgen Larys oder auch die Maskenwirkung aus nächster Nähe erleben.

„Tolle schauspielerische Leistung“

So fand die Darbietung auch viel Zustimmung bei Besuchern, die normalerweise im Zuschauerraum sitzen. Horst Häger, Theaterdauergast in normalen Zeiten, urteilte: „Im Vergleich zum direkten Besuch auf der Studiobühne war es eine gelungene, perfekte Aufführung, auch am Bildschirm. Susanne Hocke und diesmal ganz besonders Jürgen Larys bestachen mal wieder mit einer tollen schauspielerischen Leistung. Aber man kennt sie ja nicht anders. Der Bildschirm hat das Stück nicht entwertet, es kam sehr ergreifend und zum Nachdenken rüber.“

Gaby Feik fand die Tontechnik bei den Passagen von Susanne Hocke für verbesserungswürdig und Thematik für sich als sehr anstrengend. Jochen Otto stellte besonders die Botschaft des Stückes heraus: „Es ist bedauerlich, dass auch 75 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki die Lager mit Atombomben und atomare Waffen immer noch gefüllt sind.“ Alle drei äußerten übereinstimmend den Wunsch, dass unser Lüner Theater bald wieder für Live-Aufführungen geöffnet ist.

Das Stück „Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da“, übersetzt von Rima Ideguchi, ist noch bis zum Montagabend kostenlos unter www.luenen.de/theater-stream abrufbar.

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