So arbeitet ein Gerichtsvollzieher aus Lünen

Reportage

Hausbesuche, freundliche Distanz und viele, viele Geschichten - der Job eines Gerichtsvollziehers birgt viele Tücken und ist auch fachlich anspruchsvoll. Wir haben Bernd Sakowski, einen Lüner Gerichtsvollzieher, einen Tag lang bei der Arbeit begleitet.

LÜNEN

, 09.09.2017, 05:23 Uhr / Lesedauer: 5 min
So arbeitet ein Gerichtsvollzieher aus Lünen

Wenn Schuldner zum Gerichtsvollzieher kommen, müssen sie ihr gesamtes Vermögen und ihr Einkommen offenlegen.

Sieben Gerichtsvollzieher sind im Bereich des Lüner Amtsgerichts unterwegs, dazu gehören Lünen, Selm und Werne. Ein anspruchsvoller Beruf ist das, bei dem juristische Fachkenntnis und Durchsetzungsfähigkeit genau so gefragt sind wie Empathie und Verständnis – zumindest in gewissem Maße. Besuche im Büro und unterwegs bei den Schuldnern zeigen, welche Herausforderungen den Gerichtsvollziehern im Alltag begegnen.  

Dauert ein Telefonat mal länger, steht Bernd Sakowski auf und guckt aus den hohen Fenstern seines Büros an der Dortmunder Straße, 2. Etage. Von dort sieht er das Stadthotel und daneben die hellen Fassaden des Stadtquartiers am Park. Ein Projekt, über 20 Millionen Euro schwer, dessen Geschäftsführer Anfang des Jahres Insolvenz anmelden mussten: Überschuldung. Wie passend. Bernd Sakowski ist Gerichtsvollzieher.

Er ist „für Gläubiger und Schuldner im Einsatz“, so steht es in der Berufsbeschreibung auf dem Justizportal des Landes NRW. Also für den, der die Schulden angehäuft hat – und den, der sein Geld gerne wieder haben möchte. Sakowski und mit ihm sechs weitere Gerichtsvollzieher des Amtsgerichts Lünen sind dann im Einsatz, wenn Gläubiger vor Gericht einen sogenannten „vollstreckbaren Titel“ erwirkt haben. Er muss Vermögensauskünfte einholen, Schriftstücke zustellen, den Strom abstellen, Einrichtung pfänden oder Autos und auch mal eine Wohnung räumen lassen.

So laufen die Sprechstundentermine ab:

Bernd Sakowski wird im August 60. Er trägt Karohemd, Jeans, graue Haare und Brille. Erst war er Justizbeamter im mittleren Dienst, hat sich 1986 zum Gerichtsvollzieher weiterbilden lassen und seitdem viel erlebt. Gerichtsvollzieher, das weiß er, sind manchmal auch das Feindbild der Schuldner, werden immer wieder verbal, ab und zu auch tätlich, angegriffen. Er bleibt deshalb auf Abstand, behält die Menschen im Auge – und rät auch dem Reporter, bei Terminen immer hinter ihm zu bleiben.

Im Gespräch mit den Schuldnern bleibt er fast immer gelassen. Auch beim ersten Besucher der Sprechstunde an diesem Freitagmorgen, kurz nach 9 Uhr. Ein junger Mann sitzt in Sakowskis Büro, etwa 30 Jahre alt, er trägt ein ungebügeltes Hemd, Jeans und „Adiletten“. Der Mann redet viel und hastig, er ist nervös – gegen ihn liegt ja auch ein Haftbefehl vor. Er hat Schulden, hatte eine Gastwirtschaft, ist damit gescheitert und hätte dem Gerichtsvollzieher eigentlich längst Auskunft über sein Vermögen erteilen müssen. Hat er aber nicht. Dann kam der Haftbefehl und jetzt sitzt er hier in Sakowskis Büro: „Ich kann nicht mehr“, sagt er und erzählt: dass er bei seiner Mutter wohnt, wo sein Name herkommt und dass er mal Schlosser gelernt hat. Sakowski lässt ihn ausreden. Fragt dann aber bestimmt nach: „Wieviel Geld haben Sie dabei?“ 2,30 Euro sind in seinem Portemonnaie, das ist alles.

Sakowski fragt alles ab, was sich zu Geld machen ließe: Auto? Einrichtung? Job? Der junge Mann verneint alles. Selbst sein Konto, eigentlich geschützt, ist schon vom Finanzamt gepfändet worden. Monatlich fließen dort die Hartz-IV-Bezüge des Jobcenters ein. Kontostand jetzt: 0 Euro. Kontoauszüge, Sozialversicherungsnachweis, der Mann hat alles dabei, muss aber länger suchen. „Ach du“, sagt er zu sich selbst. Und dann: „Ich beeile mich!“

Sakowski gibt ihm die Zeit, auch wenn die nächsten Schuldner draußen warten. „Wer für eine Vermögensauskunft zu mir kommt, macht sich finanziell komplett nackig“, sagt er. Eine unangenehme Sache. Denn wem Sakowski Zahlungsunfähigkeit bescheinigt, für den wird vieles schwieriger: Mietverträge, Handyverträge, sogar Arbeitsverträge. Arbeitgeber befürchten, dass jemand, der selbst wenig hat, auch schneller in die Kasse greift. Am Ende weiß Sakowski, dass der Mann im Prinzip nichts mehr hat. Immerhin auch keinen Haftbefehl gegen sich. Den hebt der Gerichtsvollzieher nämlich auf. Was er jetzt machen könne, fragt der Mann. Sakowski schickt ihn zur Schuldnerberatung.

Diese Geschichten hat Sakowski schon erlebt:

In all den Jahren hat Sakowski Geschichten für einen ganzen Abend gesammelt. Zum Beispiel die von dem Auftrag in der Dortmunder Nordstadt, wo er seinen Dienst begonnen hat. Dort musste er einem Kampfsport-Vize-Europameister einen Besuch abstatten. Erzählt wird auch von einem Fall in Gahmen. Ein Mann versteckte sich monatelang vor den Gerichtsvollziehern. Ein Nachbar verriet schließlich, dass der Mann immer aufs Dach klettere und sich hinter dem Kamin verstecke. Auch dort war er beim nächsten Mal aber nicht. Der Gerichtsvollzieher kam schließlich mit Verstärkung. Polizeihunde fanden den Mann im Keller. Er war in den Öltank gekrochen. Sich verstecken hilft aber nicht. Sakowski: „Wer den Kopf in den Sand steckt, dem knirschen nachher die Zähne.“

Dass Schuldner nicht zu Hause sind oder zumindest nicht öffnen, passiert auch an diesem regnerischen Morgen gleich mehrmals. Rund 15 fährt Sakowski auf einmal ab. „Sonst lohnt es sich nicht“, sagt er. Im Jahr bearbeitet er zwischen 1300 und 1800 Fälle. Die hohe Frequenz bedeutet aber auch: Viel Zeit hat er nicht. Sakowski hastet im Nieselregen geduckt von Autotür zu Haustür und zurück, die Aktentasche unter dem Arm. Bleibt die Tür geschlossen, schmeißt er schnell einen schon vorbereiteten Brief mit einem Termin ein. Der erste Besuch, das ist gesetzlich vorgeschrieben, muss unangekündigt sein.

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Ein älterer Herr, graue Haare, ist schließlich da. Mehrere Hunde begrüßen Sakowski zuerst. Der Mann lebt in einem schön renovierten, alten Haus, hohe Fenster, weiträumig, hochwertig ausgestattet, ein moderner Kamin steht an der Wand. Mit seiner Firma ist er gescheitert, mit den Gläubigern hat er eine Ratenzahlung vereinbart – dann aber nicht mehr gezahlt. Er wird jetzt wohl Insolvenz anmelden und als zahlungsunfähig anerkannt werden. Sein Privatbesitz würde dann nicht angetastet.

Unterwegs im Auto kann Sakowski zu fast allen Häusern Geschichten erzählen. Eine verwahrloste Villa, in der ein mittlerweile verarmter, einsamer Mann lebt. Eine Frau, die ihm als besonders unhöflich in Erinnerung geblieben ist. Eine Großfamilie, die ganz zahm geworden ist, seit er einmal mit der Polizei vor der Tür stand. Er war schon in vielen Häusern und kennt deren Bewohner.

Der nächste Schuldner wohnt in einer kleinen, sauberen Drei-Zimmer-Wohnung. Erst zerbrach die Ehe, dann folgte das finanzielle Ende. Das passiert häufig, sagt Sakowski: „Eine Scheidung muss man sich auch leisten können.“ In der Wohnung ist nichts pfändbar. Fernseher, Einrichtung, Küche – alles Grundbedarf und nicht besonders viel wert. Sakowski sieht sich die Einrichtung kurz an, der Mann erzählt, von sich und seinem Sohn. Sakowski hört zu, wahrt aber auch Distanz. Aus Prinzip: „Mir ist lieber, die sagen ,Sie Arschloch‘ als ,Du Arschloch‘“. Nicht alle Erlebnisse kann er allerdings einfach so wegschieben. Was er so sieht und hört, „davon nimmt man manches schon mit nach Hause“, sagt Sakowski. Wenn er zum Beispiel gemeinsam mit Mitarbeitern des Jugendamts Kinder aus Familien holen muss: das geht nahe.

Man dürfe nicht vergessen, meint Sakowski später, zurück an der Dortmunder Straße, dass der Job immer auch eine soziale Komponente habe. Zu vielfältig sind die Gründe, die die Menschen heute in den finanziellen Ruin treiben: „Die Welt ist kompliziert geworden.“ Deswegen gibt der Gerichtsvollzieher jedem eine Chance. „Auch eine zweite. Aber dann kommt die Verhaftung und die ziehe ich dann auch durch.“ Wer nicht reagiert, der landet nämlich irgendwann in der JVA.

Manchmal muss der Gerichtsvollzieher durchgreifen

Sakowski kann nicht nur verständnisvoll, er kann auch streng. Immer dann, wenn er das Gefühl hat, dass die Schuldner versuchen, ihn zu veräppeln. Das klappt eigentlich nie. Auch dem nächsten Schuldner im Büro habe er schon „Druck gemacht“, sagt Sakowski. Er war ihm lange auf den Fersen, besucht die Schuldner wenn es sein muss auch abends. Oder am Wochenende. Viele, sagt Sakowski, rechnen dann nicht mehr mit ihm. Das ist seine Chance. Jetzt ist der Mann aber ins Büro gekommen, mit über 3000 Euro im Portemonnaie. Einen 500-Euro-Schein muss er erst noch in kleinere Scheine wechseln gehen. Er ist etwa Mitte Vierzig, trägt lange Haare und einen Blaumann. Dass er lange gesucht wurde, ist ihm bewusst: „Steckbriefe an Bäume pinnen – das macht ihr nicht mehr, oder?“ Sakowski bleibt freundlich und hebt auch dessen Haftbefehl am Ende auf. Beim Herausgehen rät Sakowski ihm noch, wie er den Schufa-Eintrag löschen lassen kann. Der Mann im Blaumann winkt ab. Wie das geht, weiß er bereits. Es ist nicht das erste Mal.

Im Jahr treibt Sakwoski für die Gläubiger über 200.000 Euro bei. Über 5000 Euro sind nach diesem Vormittag in Sakowskis schwarzer Brieftasche. Große Scheine, kleine Scheine und Kleingeld. „Stimmt so“, sagt ein Mann, der eine vereinbarte letzte Rate nie bezahlt hat und jetzt endlich gekommen ist, nachdem der Haftbefehl im Briefkasten lag. Sakowski guckt kurz hoch – und gibt dem Mann dann sein Wechselgeld.

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