So ist die Situation der Flüchtlinge in Lünen

Interview mit Stadt-Vertretern

Wie viele Flüchtlinge leben in Lünen? Für wie lange? Woher kommen sie? Ist eine Zeltstadt wie in Selm-Bork denkbar oder gar ein Containerschiff als Unterbringung wie in Hamburg? Zwei Vertreter der Stadt geben im Interview die Antworten auf diese und weitere Fragen.

LÜNEN

, 27.08.2015, 06:42 Uhr / Lesedauer: 3 min
So ist die Situation der Flüchtlinge in Lünen

Die Flüchtlinge bei der Registrierung.

Redakteur Torsten Storks sprach mit zwei Vertretern der Stadt Lünen: Horst Müller-Baß, Erster Beigeordneter, und Fachdezernent Ludger Trepper. 

Herr Müller-Baß, Herr Trepper, wie viele Flüchtlinge leben zurzeit in Lünen?

Müller-Baß: Momentan sind es 835 Flüchtlinge. Da sind die 153 in Wethmar vorübergehend untergebrachten Flüchtlinge noch nicht eingerechnet.

Wie viele von den 835 Flüchtlingen sind Kinder?

Trepper: Unter diesen derzeit 835 Flüchtlingen sind 70 Kinder.

Sind darunter auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?

Müller-Baß: Ja. Insgesamt haben wir sieben dieser Kinder. Sechs sind bei Verwandten, ein Kind ist in einer Betreuung untergebracht.

Woher kommen die Flüchtlinge überwiegend?

Trepper: Aus Syrien und Eritrea. Viele kommen auch vom Westbalkan.

Was bedeutet die jüngste Prognose der Bundesregierung von 750.000 Flüchtlingen in diesem Jahr für Lünen?

Müller-Baß: Wir haben unsere Flüchtlinge ja in unterschiedlichen Situationen untergebracht. Zum Beispiel in Notunterkünften, mit denen wir dem Land Amtshilfe leisten. Dazu zählt die ehemalige Hauptschule in Wethmar mit 153 Plätzen und ab Oktober die Jugendherberge am Cappenberger See mit 144 Plätzen. Daneben haben wir ja die Unterkünfte...

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Herr Müller-Baß, wie wirkt sich die jüngste Prognose der Bundesregierung für Lünen aus?

Müller-Baß: Wir denken, dass wir dieses Jahr mit unseren Kapazitäten hinkommen. Für 2016 müssen wir neu denken.

Wie hoch sind die Kapazitäten für 2015?

Müller-Baß: Nach der jüngsten Prognose gehen wir davon aus, dass wir am Ende des Jahres 770 Flüchtlinge unterbringen müssen. Das müssten wir auch schaffen, weil wir bis dahin von 100 Rückführungen ausgehen. In unseren Berechnungen spielen auch die Notunterkünfte in der Hauptschule Wethmar und der Jugendherberge Cappenberger See eine Rolle, die ja auf unser Kontingent angerechnet werden.

Wo könnten in Lünen weitere Flüchtlinge untergebracht werden?

Müller-Baß: Wir suchen zurzeit nach geeigneten Immobilien. Mehr möchte ich im Augenblick nicht dazu sagen. Wir sind dabei, dies mit der Politik abzustimmen.

In Selm wurde eine Zeltstadt aus dem Boden gestampft, in Dortmund sollen Flüchtlinge künftig in Tragluft-Hallen und Wohnschiffen untergebracht werden. Ist das auch für Lünen denkbar?

Müller-Baß: Ich will es mal so sagen: Wir wissen nicht, was von der Bezirksregierung noch an Anforderungen auf uns zukommt. Unser Ziel sind keine Zeltstädte, Wohnschiffe oder dergleichen. Unser Ziel ist es, dass wir in kleineren Einheiten denken. Es geht ja auch um die Frage der Akzeptanz in der Bevölkerung und um die Frage der Integration. Trepper: Wir bereiten uns für sämtliche Anforderungen vor – auch wenn wir andere Präferenzen haben. Wir präparieren uns für verschiedene Eventualitäten.

Auch für Wohnschiffe auf der Lippe?

Müller-Baß und Trepper (lachen): Die Lippe ist nicht beschiffbar.

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Wie hoch sind die Kosten für Flüchtlinge und wie finanzieren Sie die Maßnahmen?

Müller-Baß: Im Schnitt rechnen wir über den Daumen mit 10 000 Euro pro Flüchtling im Jahr. Das sind die Kosten für die Unterkunft und die Leistungen, die dahinter stehen. Zu einem Drittel werden diese Kosten vom Land erstattet, den Rest tragen wir. Das gilt nicht für die Notunterkünfte in Wethmar und künftig am Cappenberger See. Die Kosten für die dort untergebrachten Flüchtlinge trägt zu einhundert Prozent das Land.

Notunterkunft, Erstaufnahme-Einrichtung: Die Begriffe gehen oft durcheinander: Welchen Status hat Wethmar, welchen Status hat die Jugendherberge am Cappenberger See?

Müller-Baß: Ich versuche es mal ganz einfach: Erstaufnahme-Einrichtungen sind Dortmund und Unna. Da bekommen die Flüchtlinge Papiere, da werden sie einem Gesundheitscheck unterzogen. Danach werden sie landesweit auf Kommunen verteilt. Was wir hier in Lünen haben, sind keine Erstaufnahme-Einrichtungen.

Was denn?

Müller-Baß: Sie müssen sich das so vorstellen: Die Erstaufnahme in Dortmund ist an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen und hat mit der ehemaligen Hauptschule in Wethmar sozusagen eine Zweigstelle von der Bezirksregierung Arnsberg bekommen. Die Flüchtlinge werden in Wethmar nur vorübergehend untergebracht. Und bald auch am Cappenberger See. Damit will das Land, will die Bezirksregierung Obdachlosigkeit unter den Flüchtlingen vermeiden. Mittlerweile gehört Wethmar zur Erstaufnahme in Unna, die Jugendherberge am Cappenberger See von Oktober an ebenfalls.

Ist es richtig, dass die Flüchtlinge dort so lange untergebracht werden, bis die Erstaufnahme-Einrichtung in Unna wieder Luft hat, die Flüchtlinge ordnungsgemäß zu registrieren?

Trepper: Genau so ist es. Natürlich registrieren auch wir die Leute. Allerdings in einem abgespeckten Verfahren. Schließlich sollen sich die Menschen im Stadtgebiet frei bewegen können. Die eigentlich Prozedur findet aber später in der regulären Erstaufnahme-Einrichtung statt.

Die Stadt plant ja den Bau von drei neuen Flüchtlingsunterkünften. Damit sollen die alten mittelfristig ersetzt werden. Bleibt dafür noch Zeit?

Trepper: Das ist für uns ein wichtiges Projekt, das nach wie vor Priorität hat. Müller-Baß: An dem Plan hat sich nichts geändert. Allerdings werden wir wohl größer denken müssen.

Das heißt?

Müller-Baß: Bislang hatten wir den Neubau von drei Unterkünften mit je 40 Plätzen ins Auge gefasst. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Monate überlegen wir jetzt, vier Einrichtungen mit je 50 Plätzen zu bauen. Darüber werden wir uns mit der Politik beraten.

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