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So unterscheiden sich Barbiere vom Friseur

rnBarbershops erobern auch Lünen

In Großstädten gibt es den Trend schon lange. Allmählich erobert er auch Lünen. Barbershops wollen Männer als Kunden gewinnen. Die Barbiere sind mit ihrer Strategie offenbar erfolgreich. Eine echte Konkurrenz für das klassische Friseurhandwerk? Die Meinungen gehen auseinander. Wie im Barbershop rasiert wird, zeigt unser Video.

LÜNEN

, 13.06.2018 / Lesedauer: 6 min

Der Name lässt keine Zweifel an der Zielgruppe: „Männersache“ haben Mustafa Kurt und Ilker Göcmez ihren Barbershop in der Fußgängerzone Münsterstraße genannt. „Standardfriseure gibt es überall, wir wollten etwas für Männer tun, einen Ort schaffen, wo sie relaxen können“, sagt Filialleiter Kurt. Denn Gesichtspflege sei immer mehr Männern wichtig und Bärte lägen ohnehin im Trend. Die meisten Kunden, die an diesem Vormittag im Barbershop warten, sind in der Tat Bartträger.

Mustafa Kurt kocht Wasser auf und rührt darin den Rasierschaum an, der nach seinen Angaben aus der Türkei geliefert wird. Dann wird der Bart des Kunden eingeschäumt und Kurt zückt das Messer: „Die Klinge wird jedesmal gewechselt, das ist in Deutschland aus hygienischen Gründen so vorgeschrieben“, erläutert er.

Video: Eine Rasur beim Barbier in 4 Schritten:

„Rasieren kann man sich zuhause, aber richtige Bartpflege kriegen Sie nicht hin“, meint Kurt. Dann geht er dem Kunden mit dem Messer an die Kehle. Nach der Rasur endzündet der Barbier eine Mini-Fackel und schlägt die Flamme in Richtung der Ohren des Kunden. So werden die Ohrenhaare weggeflämmt. Nach diesem feurigen Intermezzo wird noch Öl in den Bart massiert - fertig ist die Bartpflege. Circa sechs Minuten hat die Prozedur gedauert

In der Türkei gelernt

Als 14-Jähriger habe er in der Türkei den Beruf des Barbiers erlernt, erzählt Kurt: „Wir haben Luftballons eingeseift und mit dem Messer den Schaum entfernt.“ 2007 sei er nach Deutschland gekommen. Heute ist er 25 Jahre alt. Der Barbershop, den er mit Friseurmeister Ilker Göcmez 2016 gegründet habe, sei der erste in Lünen gewesen.

„In der Türkei trinken die Männer Tee, entspannen, quatschen“, sagt er. Tee gibt es im Lüner Barbershop neben anderen Getränken zwar auch, aber mit dem Quatschen sei das so eine Sache. „Die Kunden haben in Deutschland weniger Zeit, nicht nur die deutschen, auch die türkischen.“ Durchaus gemischt sei die Kundschaft, und nicht alle wollten ihren Bart pflegen lassen. Der Haarschnitt sei genauso gefragt. „Jüngere Kunden kommen oft mit Fotos, wollen Frisuren wie Marco Reus oder Ronaldo oder die von Rappern“, berichtet Kurt. In echter Konkurrenz zu den etablierten Friseuren sehe man sich eigentlich nicht. „Was wir anbieten, bieten die anderen nicht an“, erklärt der Filialleiter.

Ludgerus Niklas, Geschäftsführer der Friseur-Innung Dortmund und Lünen, bestätigt den Trend zu Barbershops: „Er ist in Großstädten deutlicher zu spüren und kommt jetzt wohl auch in die Mittelzentren.“ Der Trend zum Barbershop sei eng verbunden mit dem Trend zum Bart. Niklas: „Der Bart hat seinen Platz in der Öffentlichkeit wieder gefunden. Dabei wird viel Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild gelegt. Barbershops pflegen diese besondere Kultur. Sie gelten als Reservate der männlichen Szene.“

„Beleben das Geschäft“

Aber graben sie damit den alteingesessenen Friseursalons das Wasser ab? Niklas bestreitet das: „Barbershops sind für Meisterbetriebe des Friseurhandwerks, die eine wesentlich größere Palette an Leistungen anbieten, keine Konkurrenz. Im Gegenteil rechnen wir damit, dass sie das Geschäft beleben.“ Zumal Friseur-Salons ihren Kunden „selbstverständlich“ auch Bartpflege und Rasur anböten.

Sheraz Hasan betreibt in der Lüner City zwei Friseurläden unter dem Namen „The Art of Hair“. Ja, sagt er, auch bei ihm könnten sich Männer den Bart pflegen lassen und ja, das werde auch verstärkt nachgefragt. Dennoch kann Hasan der These, wonach Konkurrenz das Geschäft belebt, nicht folgen: „In der Lüner Innenstadt haben wir zu viel Konkurrenz, es gibt zu viele Geschäfte“, glaubt der aus Syrien stammende Friseur.

Keine Online-Konkurrenz, aber...

In der Tat herrscht im Herzen der Stadt kein Mangel an Friseuren. 13 Läden plus Barbershop sind es allein im Bereich der Fußgängerzone. Ein Problem vieler anderer Geschäftsleute, nämlich die Online-Konkurrenz, haben sie zwar nicht. Schließlich kann das Internet weder Haare schneiden noch Bärte stutzen. Aber von einem Friseursalon zum nächsten sind es in der City oft nur wenige Schritte. Der Kunde hat also die freie Auswahl.

„Ist doch gut“, meint Feridun Kosan, Friseurmeister und Inhaber von „Reyna Hair Concept“ in der Marktstraße, „ich bin glücklich, wenn sich die Friseure mal was einfallen lassen“. Mit den Barbershopläden habe er überhaupt kein Problem und zu viele Salons in der City gibt es seiner Ansicht nach auch nicht. „Mein Eindruck ist, alle haben gut zu tun.“

Kosan selbst ist mit seinem Salon umgezogen, auf die andere Seite der Marktstraße. Als die Bäckerei Kanne im früheren Hertie-Haus neu eröffnete, nutzte Kosan die Chance und wurde Nachfolger von Kanne. Jetzt belegt er mit seinem Salon zwei Etagen, hat deutlich mehr Platz. „Unten wird geschnitten, oben bieten wir zum Beispiel Maniküre und Pediküre“, erläutert er.

„Zu schlecht bezahlt“

Susanne Schulz, Geschäftsführerin von „Primavera“ in der Cappenberger Straße, sieht die Probleme nicht in der großen Zahl der Friseursalons in der City: „Das Problem ist, dass unsere Dienstleistung im Vergleich zu anderen Handwerkern zu schlecht bezahlt wird“, meint sie.

So unterscheiden sich Barbiere vom Friseur

„Wenn sich alle einig wären, dass Dienstleistung kosten muss, ginge es allen besser.“ Das sagt Susanne Schulz, Geschäftsführerin des Salons „Primavera“. © Marta Jankowski


Jeder versuche Kosten zu sparen und beim Dienstleister seien es nunmal die Personalkosten. Sie selbst habe die Bedienplätze in ihrem Geschäft von 10 auf 6 reduziert und bilde nicht mehr aus. „Wenn sich alle einig wären, dass Dienstleistung kosten muss, ginge es allen besser“, erklärt Susanne Schulz und hegt Zweifel an einem fairenn Wettbewerb: „Es gibt Friseure, die beschäftigten Mitarbeiter offiziell auf 450-Euro-Basis. Diese Mitarbeiter werden absehbar in der Altersarmut landen“, sagt Susanne Schulz.
Bartpflege wie die Barbershops anzubieten, mache für sie keinen Sinn: „Das gehört zwar zur Ausbildung, wurde aber jahrelang nicht nachgefragt, wir sind darauf nicht mehr geschult. Bei einer Bartfpflege oder Rasur käme bei mir ein Preis heraus, den keiner zahlt.“

So unterscheiden sich Barbiere vom Friseur

Dirk Twieling in seinem Salon in der Lange Straße. Der Friseurmeister ist schon seit 34 Jahren im Geschäft. © Peter Fiedler


Im Friseurhandwerk NRW gilt ein Tarifvertrag: Auszubildende verdienen danach zwischen 480 Euro monatlich im ersten Ausbildungsjahr und 715 Euro im dritten. Angestellte bekommen, je nach Qualifikation zwischen 1539 und 2412,81 Euro.

„Belegschaft kleiner geworden“

Friseurmeister Dirk Twieling ist seit 34 Jahren mit seinem Salon in der Lange Straße im Geschäft und Mitglied im Vorstand der Friseur-Innung Dortmund und Lünen. Er stimmt seiner Kollegin Susanne Schulz zu, dass des Preisniveau zu gering sei. Über Hintergründe des Preis-Wettbewerbs will er sich nicht äußern. Ganz generell sei der Wettbewerb „schon schwieriger geworden“, so Twieling. „Die Zahl der Geschäfte in der Innenstadt ist gewachsen, die Belegschaft ist kleiner geworden, denn die Zahl der Kunden wird ja insgesamt nicht größer.“ Auch Barbershops seien Wettbewerber. Bartpflege biete er in seinem Salon auch an, sagt Twieling: „Die Nachfrage ist gestiegen.“

So unterscheiden sich Barbiere vom Friseur

Memiş Kurt, Gründer des "Old School-Barbershops" in der Jägerstraße in Lünen-Süd, sammelt Geldscheine seiner internationalen Kundschaft als Souvenirs. „Ein Zeichen für Multikulti" sagt er. © Peter Fiedler

Emre Safa hat sich im Barbershop „Old School“ in der Jägerstraße in Lünen-Süd von Memiş Kurt den Bart pflegen lassen. Dass hier Männer unter sich sind, sei für ihn nicht wichtig, sagt der Kunde. Wichtig sei etwas anderes: „Er macht es gut, er weiß, was er tut“, lobt Safa den Barbier. Memiş Kurt (nicht verwandt mit „Männersache“-Filialleiter Mustafa Kurt) war vorher Angestellter in einem Friseurladen und gründete im Alter von erst 22 Jahren den Barbershop.

Damensalon direkt nebenan

„Ich wollte raus aus dem Standard und einen Laden im Ami-Stil einrichten“, erzählt er. Bewusst habe er sich Lünen-Süd ausgesucht. „In der Stadt machen sich die Läden gegenseitig kaputt“, meint er. Bei Kurt beginnen die Preise bei 8 Euro für die Nassrasur und 12 Euro für den Trockenhaarschnitt. „Da habe ich bewusst tief gestapelt. Wir sind in Lünen, nicht in Düsseldorf“. Der Gründer gibt zu, nach der Gründungsphase noch in den roten Zahlen zu stecken. Mit der Geschäftsentwicklung sei er aber zufrieden. Vor wenigen Wochen gründete er gleich noch einen Damensalon direkt nebenan. Diese Strategie verfolgt auch Turanlarʼs Barbershop in der Münsterstraße 62, der dritte im Bunde der Lüner Barbershops. Auch dort gibt es eine Tür weiter einen Damensalon. Zwei der drei Lüner Barbiere wollen also offenbar nicht auf das weibliche Kundenpotenzial verzichten...

  • Barbier (italienisch barbiere, französisch barbier von spätlat. barbarius, Bartscherer, von lat. barba, Bart) ist ein Handwerksberuf.
  • Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurden im Bereich der Körperpflege, Wundheilung und Krankenpflege tätige Personen wie Bartscherer, Badeknechte und Krankenpfleger als Barbiere oder Balbierer bezeichnet.
  • Wie der Bader pflegte der Barbier vorwiegend die Behaarung von Männern. Ihm oblagen auch Zahnextraktionen, Aderlässe und Klistiere (Quelle: Wikipedia)
  • Laut Friseur-Innung Dortmund und Lünen braucht es in der Regel eine Meisterqualifikation, um einen Barbershop zu führen. Der Inhaber muss nicht Friseurmeister sein, er muss aber einen Meister beschäftigen.
  • Ausnahmegenehmigungen seien möglich, wenn Friseurleistungen „nur in einem eng begrenzten Rahmen“ ausgeführt werden. „An Barthaare darf jeder ran, an Haare nur der ausgebildete Friseur“, erklärt Ludgerus Niklas, Geschäftsführer der Friseur-Innnung.
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