Das eigene Kind ist für alle Eltern etwas Besonderes. Doch manche Kinder brauchen besondere Aufmerksamkeit. Ihre überdurschnittlichen Fähigkeiten zu erkennen, ist jedoch nicht immer einfach.

06.05.2019, 11:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

An der Gottfriedschule und der Matthias-Claudius-Schule für Grundschüler gibt es eine besondere Lehrerin. Katja Jacob (44) ist zusätzlich noch Echa-Coach - Spezialistin für Hochbegabtenförderung. „ECHA“ steht für „European Counsil for High Ability“ also in etwa „Europäischer Rat für Hochbegabte“. Jacob unterstützt Eltern, Kinder und andere Lehrer bei der individuellen Förderung von hochbegabten Kindern.

An den beiden Grundschulen gibt es insgesamt 19 hochbegabte Schülerinnen und Schüler. Zwischen den beiden Schulen gibt es einen Raum, den Katja Jacob für die Hochbegabten-Gruppen nutzt. „Jedes Kind ist jedoch individuell zu betrachten und zu behandeln“, erklärt die 44-Jährige.

Zur Identifizierung von überdurchschnittlich begabten Kindern gebe es mehrere Möglichkeiten wie Schuleingangsdiagnostik, Kooperationen mit Kindergärten und Hinweise von Lehrern selbst. Bei Auffälligkeiten im Kindergarten sei es manchmal sinnvoll, die betroffenen Kinder vorzeitig einzuschulen. Auch Eltern würden Auffälligkeiten an ihren Kinder beobachten. Wenn sich ihre Kinder zurückzögen, sie viele Flüchtigkeitsfehler machten und bei schwierigen Aufgaben keine Probleme auftauchten oder die Kinder psychosomatische Beschwerden zeigten, sind das Anzeichen dafür, dass sie möglicherweise unterfordert seien.

Auch häufiges Stören des Unterrichtes könne ein Indiz sein. „Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Störenfriede hochbegabt sind“, klärt Katja Jacob auf. „Teilweise können manche Kinder bereits am ersten Schultag bis 100 zählen oder schon lesen. Oft haben diese Kinder sich das aus Langeweile selbst beigebracht“, verrät die Grundschullehrerin.

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Ebenso hätten viele überdurchschnittlich begabte Kinder ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Sie sorgen sich häufiger als andere Kinder. Wenn dann Eltern und Lehrern solche Kriterien aufgefallen sind, sei es in der Regel hilfreich, zur Bestätigung einen IQ-Test zu machen. Oft begleitet die engagierte Grundschullehrerin die Familien.

Umgang in der Schule

Wurde eine überdurchschnittliche Begabung bei einem Kind festgestellt, gibt es an den beiden Grundschulen eine Forderstunde für solche Kinder. Einmal pro Woche bekommen sie dort gemeinsam Aufgaben, die anspruchsvoller sind. Dort haben sie auch die Möglichkeit, sich auf gleichem Niveau auszutauschen. „Allein diese eine Stunde in der Woche motiviert die Schüler und bietet ihnen einen intellektuellen Ansporn, den sie in der restlichen Zeit vermissen“, erzählt die 44-Jährige.

Des weiteren bekommen diese Kinder eine Fordermappe mit Übungen, die dem Potenzial der Kinder gerecht werden. Diese Aufgaben können die Schüler lösen, wenn sie im eigentlichen Unterricht unterfordert sind. Das „Drehtür-Modell“ bietet Hochbegabten außerdem die Chance, bestimmte Fächer in höheren Klassen zu besuchen. Einige Kinder besuchen beispielsweise Matheklassen, die eine Jahrgangsstufe weiter sind.

Sind die Kinder auch weiterhin unterfordert und das in mehreren Bereichen, gibt es noch die Möglichkeit, eine Klasse zu überspringen. Dies erfolgt allerdings erst nach genauen Überlegungen aller Beteiligten und auch nur, wenn das Kind einverstanden ist. Um sicher sein zu können, dass es das Richtige für jedes Kind ist, gibt es eine vierwöchige Testphase mit Probeunterricht.

Für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler bieten Gottfried-und Matthias-Claudius-Schule Fordergruppen für Viertklässler an. Diese sollen auf den Unterrichtsstoff an Gymnasien vorbereiten.

Hochbegabung nicht nur Freude

Doch ein hochbegabtes Kind zu haben, sei nicht immer nur eine Freude. „Diese Kinder haben spezielle Bedürfnisse und müssen oft soziales Verhalten erlernen, da sie sich häufig durch ihre Verhaltensweisen selbst ausgrenzen“, stellt Katja Jacob klar.

Eine Schülerin habe sich beispielsweise sehr viele Gedanken im Unterricht gemacht, weil sie unterfordert war. Sie habe viel geweint und über mögliche bevorstehende Veränderungen nachgedacht, statt sich auf das Jetzt und Hier zu konzentrieren. Die Grundschullehrerin habe dann das Mädchen in eine höhere Klasse begleitet. Dort angekommen, habe das Mädchen durch die anspruchsvolleren Aufgaben nicht mehr die Zeit gehabt, sich permanent zu sorgen. Die Mutter des Mädchens habe ihr Kind kaum wiedererkannt.

Selbst Eltern sollen häufig Schwierigkeiten haben, ihre Kinder zu verstehen. So würden bestimmte Regeln, die Eltern aufstellen, von ihren Kindern nicht befolgt. Das täten sie nicht aus Trotz, sondern weil sie diese Regeln nicht verstehen und sie somit für sie nicht gelten. „In solchen Fällen ist es sinnvoll, sich mit seinem Kind zusammen zu setzen und gemeinsam neue, für das Kind nachvollziehbare, Regeln aufzustellen“, gibt Katja Jacobs betroffenen Eltern mit auf den Weg.

Die 44-Jährige hilft nicht nur Schülern und Eltern der beiden Grundschulen, sie bietet auch private Beratungsstunden für Eltern und Kinder an.

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