Corona-Impfungen in der Apotheke? Die heimischen Vertreter sehen das Thema eher skeptisch. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Sollen auch die Apotheker impfen? „Nein, das ist die Domäne der Ärzte“

Die Nachfrage nach Corona-Impfterminen ist enorm. Immer mehr Stimmen fordern deshalb, dass auch Apotheker Impfungen vornehmen sollen. Doch wollen die das überhaupt? Wir haben uns umgehört.

Es herrscht mal wieder Impfstau in Deutschland. Viele Menschen suchen derzeit nach Terminen für eine Boosterimpfung, um ihren Schutz gegen das Coronavirus aufzufrischen. Und auch die Nachfrage nach Erst- und Zweitimpfungen nimmt wieder zu. In vielen Arztpraxen sind die Impftermine mittlerweile schon bis Ende Januar ausgebucht. Und so mehren sich die Stimmen, dass doch auch Apotheker Corona-Impfungen vornehmen sollen, um die Impfkampagne zu beschleunigen.

„Jeder, der medizinisch verantwortbar eine Spritze halten kann, um eine Impfung zu geben, soll das in den nächsten Wochen tun“, forderte etwa FDP-Chef Christian Lindner am Sonntagabend (28.11.) in der TV-Sendung „Anne Will“. CSU-Chef Markus Söder sprach sich jüngst ebenfalls für Impfungen durch Apotheker und Pflegepersonal aus. Doch: Wollen und können die Apotheker das überhaupt leisten? Wir haben uns in Lünen und Selm umgehört.

Apotheken haben bereits alle Hände voll zu tun

„Wir sind schon kräftig involviert. Jetzt soll wieder alles übers Knie gebrochen werden. Das ist purer Aktionismus“, kommentiert Volker Brüning, Sprecher der Apotheken im Unnaer Nordkreis und Inhaber von vier Apotheken in Lünen und Selm, die Forderungen der beiden Parteichefs. Beschaffung, Lagerung und Verteilung der Impfstoffe an die Ärzte, das Durchführen von Corona-Tests, die Ausstellung von Impf- und Boosterzertifikaten – all das übernehmen die Apotheken bereits.

Apotheker Volker Brüning sieht keine schnelle Lösung für den derzeitigen Impfstau.
Apotheker Volker Brüning sieht keine schnelle Lösung für den derzeitigen Impfstau. © Arndt Brede © Arndt Brede

„Und jetzt haben wir auch noch eine Erkältungswelle. Der Betrieb läuft auf Hochtouren. Ich möchte sehen, welche Apotheke da noch großartige Kapazitäten hat“, gibt Brüning zu bedenken. „Wir werden jetzt wieder von außen ins Gespräch gebracht – dabei haben wir das nie gefordert.“

Und er geht noch weiter: „Für mich ist das Impfen ganz eindeutig Domäne der Ärzte“, sagt Brüning. Wenn es zum Beispiel zu Impfreaktionen komme, seien sie nun mal die Experten.

Hinzu käme das „Kleingedruckte“ – also die formellen Voraussetzungen, die in den Apotheken geschaffen werden müssten. „In unserem Land gibt es dann seitenweise Bestimmungen und Auflagen. Das ist ja auch gut“, betont Brüning.

Doch darüber hinaus müssten Mitarbeiter geschult werden, Erste-Hilfe-Richtlinien und Hygienevorschriften eingehalten werden, Aufklärungs- und Einwilligungsgespräche mit den Impf-Willigen geführt, Haftungsfragen geklärt und die ganzen Prozesse dann auch noch dokumentiert werden. Alles in allem also ein ganz schöner Berg an Mehraufwand. „Ich sehe deshalb im Moment keine schnelle Lösung für das Impfproblem“, sagt Brüning.

„Man hätte die Impfzentren nicht so schnell schließen dürfen“

Schuld an dem derzeitigen Impf-Stau hat für ihn eindeutig die Politik. „Man hätte niemals die Impfzentren so schnell wieder schließen dürfen. Es war doch klar, dass nach einem halben Jahr die Boosterimpfungen benötigt werden. Damit hätte man in den entsprechenden Altersgruppen schon im September starten können“, findet er.

Sein Kollege Dagobert Ullrich, Inhaber der Bären-Apotheke an der Münsterstraße und Sprecher der Lüner Apotheken, nimmt die politischen Entscheidungsträger um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hingegen ein wenig aus der Schussbahn. Denn schließlich hätten auch die Politiker sich auf Fachleute verlassen müssen. Und deren Erkenntnis seien damals schlicht noch nicht so weit gewesen, wie sie es heute sind.

Apotheker Dagobert Ullrich könnte in seiner Lüner Bären-Apotheke schon aus räumlicher Sicht kaum Corona-Impfungen durchführen.
Apotheker Dagobert Ullrich könnte in seiner Lüner Bären-Apotheke schon aus räumlicher Sicht kaum Corona-Impfungen durchführen. © Foto: Fröhling © Foto: Fröhling

„Im November zu sagen ,Wir hätten schon im Juli mit dem Boostern beginnen sollen‘ ist schwierig. Damals gab es noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission, weil die notwendigen Daten noch nicht vorlagen. Das ist eine rein wissenschaftliche Maßgabe, die auch der Herr Spahn hatte“, gibt Ullrich zu bedenken.

Infektionszahlen im Sommer: „Wir sind alle drauf reingefallen“

Vielmehr sei man im Sommer an einem Punkt gewesen, an dem man gedacht habe: Die Zahlen sind gut, wir haben wohl das Gröbste geschafft. „Aber im Rückblick muss man sagen: Das Gefühl war sehr trügerisch. Wir sind alle drauf reingefallen“, so Ullrich.

Was das Impfen in den Apotheken angeht, ist auch Dagobert Ullrich zurückhaltend. „Das Impfen ist im Prinzip eine urärztliche Angelegenheit“, sagt er. Und fügt hinzu: „In meiner Apotheke könnten wir das schon aus räumlichen Gründen kaum machen.“

Dennoch betont Ullrich: „Wenn wir eine Notfallsituation haben, sind wir sicherlich bereit einzuspringen. Dann wäre es auch sinnvoll, dass wir Apotheker impfen würden.“ Es gäbe schließlich kaum eine andere Berufsgruppe, die da könne.

Und noch in einem weiteren Punkt sind sich die beiden Apotheker einig: Dass in den umliegenden Arztpraxen gerade überragende Arbeit gemacht werde. „Die Kolleginnen und Kollegen tun was sie können. Sie sind sehr leistungsfähig“, sagt Brüning. Dagobert Ullrich schließt sich an. Die Medizinisch-technischen Assistenten seien das letzte Glied der Kette, müssten die Termine koordinieren – und alles wieder umwerfen, wenn weniger Impfstoff geliefert werde, als geplant. Ullrich sagt: „Sie leisten gerade enormes.“

Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
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Marc-André Landsiedel

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