Neben dem Online-Handel setzt der interkommunale Wettbewerb um Kunden den örtlichen Einzelhändlern zu. Allein können die das Problem nicht lösen. Dazu braucht es die Unterstützung der Stadt.

Lünen

, 04.02.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es war im Oktober 2018, da forderte Heinz-Herbert Dustmann, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund (IHK), die Kommunen auf, „kommunale und regionale Einzelhandels- und Zentrenkonzepte aufzustellen, zu aktualisieren und umzusetzen“.

Im Kern geht es laut Dustmann darum, angesichts des wachsenden Onlinehandels die „Balance zwischen den Expansionswünschen der großflächigen Handelsbetriebe und der Sicherung gewachsener Handelsstrukturen in den Zentren zu halten“. Stichwort attraktive Innenstädte.

Genau aus diesem Grund hat die Stadt Lünen Ende vergangenen Jahres das Dortmunder Planungsbüro Junker+Kruse mit der Fortschreibung des zuletzt 2014 in Teilen modifizierten Masterplans Einzelhandel beauftragt. Dafür nimmt die Verwaltung rund 39.000 Euro in die Hand.

Stadt Lünen arbeitet an Masterplan für den Einzelhandel

Stadtplaner Thomas Berger © Fiedler

„Im Rahmen der geplanten Fortschreibung sollen die Bausteine ‚Innenstadt‘, ‚Nahversorgung’ und ‚Fachmärkte‘ zusammengefasst und inhaltlich verknüpft werden“, sagt Lünens Stadtplaner Thomas Berger. Ein erster Entwurf des für das ganze Stadtgebiet geltenden Masterplans 2019 soll im Mai dieses Jahres dem Stadtentwicklungsausschuss vorliegen. In den Folgemonaten soll dann über den Entwurf auf Expertenebene diskutiert und abschließend dem Rat im Dezember dieses Jahres zur Abstimmung vorgelegt werden.

Bestandsaufnahme durchgeführt

Um die örtliche Einzelhandelssituation bewerten und einordnen zu können, haben Mitarbeiter des beauftragten Planungsbüros in den ersten Januarwochen eine Bestandsaufnahme vor Ort durchgeführt und mit Einzelhändlern gesprochen. Zeitgleich hat sich unsere Redaktion mal auf den Weg gemacht und geguckt, was es so für Läden in der City gibt:

„Auf Basis der erhobenen Daten werden Zielaussagen und Empfehlungen zur künftigen Steuerung der Einzelhandels- und Zentrenentwicklung in der Stadt formuliert“, sagt Lünens Technischer Beigeordneter Arnold Reeker:

„Damit wollen wir auch die Aufenthaltsqualität in der City weiter steigern. Bestes Beispiel dafür ist doch der neu gestaltete Marktplatz und die vom Bauverein umgebaute Hertie-Immobilie zu einem attraktiven Wohn- und Geschäftshaus mitten im Herzen der Stadt.“

Stadt Lünen arbeitet an Masterplan für den Einzelhandel

Lünens Technischer Beigeordneter Arnold Reeker © Linnhoff

Wie wichtig ein gut funktionierender und vor allem florierender Einzelhandel für die Lippestadt und ihre Menschen ist, wird nicht zuletzt durch die Aussage von Uwe Quitter deutlich. Der Stadtkämmerer sagt: „Der Einzelhandel ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor für Lünen. Natürlich im Hinblick auf das Gewerbesteueraufkommen, aber auch im Hinblick auf die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen.“

Interkommunaler Wettbewerb

Weil das nicht nur für Lünen, sondern für jede Stadt gilt, wird der interkommunale Wettbewerb um die schwindende Zahl der Kunden immer härter. „Der größte Gegner für die Einzelhändler in den Innenstädten ist aktuell noch nicht der Online-Handel, sondern die Einkaufsstraße in der Nachbarstadt“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Wer überleben wolle, dürfe die Wünsche der Kunden nicht ignorieren.

Nach einer aktuellen IFH-Studie ist den Verbrauchern vor allem das Ambiente der Innenstädte und die Vielfalt des Einzelhandelsangebots wichtig. „Wer mit einer historischen Altstadt oder einer in Jahrhunderten gewachsenen Stadtsilhouette punkten kann, hat es immer einfacher“, sagt IFH-Handelsexperte Boris Hedde.

Aber auch Innenstädte, die nicht mir Historie glänzen könnten, hätten Möglichkeiten, ihre Attraktivität deutlich zu steigern. „Das Ambiente einer Stadt und das Einzelhandelsangebot in der Fußgängerzone kann man nicht von jetzt auf gleich verändern. Aber die Themen Erlebnis und Kundenfreundlichkeit sind für die Verbraucher fast genau so wichtig - und hier können die Städte schnell sehr viel tun“, meint Hedde. Er ist überzeugt, dass auch kleinere Städte ihre Besucherzahlen deutlich steigern können, „wenn sie Events und gastronomische Erlebnisse bieten und das Einkaufen für die Kunden so bequem wie möglich machen“.

Kinofest und Lünsche Mess

Laut eines IHK-Reports aus 2016 gibt es solche Events bereits in Lünen - und das nicht erst seit gestern: „Am südlichsten Bogen der Lippe gelegen verfügt Lünen über gesellige Dynamik und Lebensqualität, die beispielsweise durch zahlreiche - auch überregionale - Veranstaltungen unterstrichen wird. Jeden November wird die Lippestadt zum wahren Mekka der Filmbranche. Mit dem Kinofest für den Deutschen Film verfügt die Stadt über ein wahres Glanzlicht im kulturellen Leben. Ein weiterer Veranstaltungshöhepunkt für Besucher und Touristen bildet ebenso das viertägige Stadtfest ‚Lünsche Mess‘“.

Außerdem steht in dem Report, dass Lünen trotz der Nähe zur starken Dortmunder City eine hochattraktive Einkaufsinnenstadt mit einem sehr breiten Angebot und hoher Aufenthaltsqualität biete.

Stadt Lünen arbeitet an Masterplan für den Einzelhandel

Augenoptiker-Meister Thomas Göcke © Storks

Dem stimmt Thomas Göcke, Augenoptiker-Meister und seit 1996 Geschäftsführer von „Optiker Schnurbusch“ mit Sitz an der Münsterstraße, zu: „Ich liebe Lünen, das ist so eine tolle Stadt, die leider von vielen schlecht geredet wird.“ Lünen, sagt der 53-Jährige weiter, sei wirklich attraktiv: „Wir haben Parkplätze, saubere Zugangswege, tolle Geschäfte.“

Was nicht heißen soll, dass in Lünen die (Einzelhandels-)Welt in Ordnung ist. „Wir hier in Lünen sind anders, wir müssen viel mehr unternehmen, um Besucher und Kunden hierher zu locken“, sagt Göcke: „Das gilt für jeden Einzelhändler genau so wie für die Stadt.“

Von der Stadt wünscht er sich nicht nur eine Lösung der Verkehrsproblematik, sondern auch „ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl“ bei der Umsetzung der Gestaltungssatzung: „Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass eine gewisse Grundordnung da sein muss, man kann es aber auch übertreiben. Es muss nicht alles bis ins letzte Detail geregelt sein.“

Wenn das von der Stadt in Auftrag gegebene Einzelhandelskonzept genau so werde wie die Gestaltungssatzung, dann sehe er schwarz, sagt der Augenoptiker-Meister weiter: „Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, rechts oder links, das Ganze muss flexibel gestaltet sein.“

Lippe als Besuchermagnet

Außerdem, meint Göcke, sollte sich die Stadt mal Gedanken darüber machen, die Lippe nachhaltig zu bewirtschaften. „Welche Stadt hat schon einen Fluss, mit dem sie wuchern kann? Wenn ich die Lippe schön gestalte, kann ich damit bestimmt auch Besucher aus dem Umland anziehen, die dann im günstigsten Fall auch noch hier einkaufen.“

Dann sagt er noch mit einem leichten Grinsen: „Wenn die Leute, die im Rathaus arbeiten, in ihrer Mittagspause und Freizeit durch Lünen gehen und hier einkaufen würden, dann bräuchten wir kein Gutachten. Das Geld ließe sich besser investieren.“

Ungeachtet dessen sei es im Alltagsgeschäft so, dass „es sich kein Einzelhändler erlauben kann, die Hände in den Schoß zu legen. Jeder einzelne muss für sich schauen, wie er Kunden bindet und neue gewinnt. Da gibt es kein Geheimrezept - mal abgesehen von Kundenfreundlichkeit und einem attraktiven Warenangebot“.

Ideenreichtum gefragt

Dass es im Einzelhandel unlängst schwerer geworden ist Geld zu verdienen und Ideenreichtum gefragt ist, weiß auch Helmut von Bohlen, Inhaber des gleichnamigen Immobilienunternehmens und Vorsitzender des 85 Mitglieder zählenden „City Ring Lünen“.

Stadt Lünen arbeitet an Masterplan für den Einzelhandel

Helmut von Bohlen, Inhaber von Bohlen Immobilien, ist Vorsitzender des City-Rings Lünen. © Fiedler

„Wenn ich als Einzelhändler erfolgreich sein will, muss ich auch etwas dafür tun“, sagt von Bohlen. Als Beispiel nennt der 52-jährige Geschäftsmann die regelmäßig stattfindenden verkaufsoffenen Sonntage in der City. Da würde er sich von einigen Teilnehmern mehr Engagement wünschen: „Es reicht nicht, einfach die Tür aufzumachen und darauf zu warten, dass die Leute reinkommen. Da muss mehr passieren. Zum Beispiel in Form einer ausgefallenen Schaufensterdekoration, durch besondere, anlassbezogene Angebote, oder einem Glas Sekt oder Orangensaft zur Begrüßung der Kunden.“

Grundsätzlich, sagt von Bohlen, sei es um den Einzelhandel in Lünen aber gar nicht so schlecht bestellt im Vergleich zu anderen Städten in der Region - trotz geringerer Kaufkraft und hohen Transferleistungen in der Lippestadt. „Und mit dem Onlinehandel hat die ganze Branche zu kämpfen. Da muss jeder Händler zusehen, wie er damit umgeht.“

Dass die Verwaltung den Masterplan Einzelhandel fortschreiben lässt, begrüßt von Bohlen: „Ein lebendiger Einzelhandel ist essenziell für die Attraktivität einer Innenstadt.“ Eine attraktive Innenstadt, sagt der Immobilienexperte weiter, „sorgt auch unterstützend für den Zuzug neuer Mitbürger, die von unseren hier ansässigen Unternehmen dringend als Arbeitskräfte benötigt werden“.

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