Strafen für Schulverweigerer: Lüner Pädagoge schlägt Alternativen zum Arrest vor

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Was der Volksmund als „Schwänzen“ bezeichnet, heißt bei Psychologen „Schulverweigerung“. Ein Lüner Lehrer nennt es „Schulvermeiden“. Gut zehn Prozent der Lüner Schüler sind betroffen.

Lünen

, 23.12.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kunibert Kampmann ist seit fast 40 Jahren Lehrer, leitet heute das Förderzentrum Nord in Lünen. Ende Januar geht er in Pension. Aber vorher möchte der engagierte Lüner Pädagoge gerne noch erreichen, dass künftig weniger Kinder und Jugendliche durchs Raster fallen und „Schulvermeider“ werden oder bleiben.

Nach einer Projektarbeit von Mitarbeitern der Stadtverwaltung, bei der das Verhalten von 1277 Schülern weiterführender Schulen untersucht wurde, sind 10,81 Prozent von ihnen Schulverweigerer. Das liegt etwas über dem bundesweit geschätzten Durchschnitt von 10 Prozent.

„Oft kann ein Wechsel zwischen Schule und Schulsozialarbeit etwas bringen, wenn berücksichtigt wird, welches Pensum an Unterricht ein Kind schafft und wie viel Kontakt mit Schulsozialarbeitern nötig ist“, sagt Kampmann.

Die Grenzen flexibel halten, damit könne man „eine ganze Menge Schüler erreichen, die sonst durchs Raster fallen“, ist Kampmann überzeugt. Für ihn bedeutet die viel beschworene Inklusion „ein System, das dem Kind das bietet, was es benötigt“. Dabei müsse jedoch man Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen und deren Möglichkeiten machen.

Fernbleiben vom Unterricht ist ein großes Thema

Klar ist - der Hauptgrund, warum beispielsweise die Schulpsychologen des Kreises Unna zu Rate gezogen werden, war im vergangenen Schuljahr der so genannte „Absentismus“, also das Fernbleiben vom Unterricht. Dabei waren die Ursachen vielschichtig, so Andreas Hunke, der Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle für den Kreis Unna. „Sie reichen von Angststörungen bis zu familiären Belastungen, die so schwer sein können, dass Schüler nicht mehr in die Schule kommen“, so Hunke im Kreis-Ausschuss für Bildung und Kultur.

Ordnungsgeld, Sozialstunden und am Ende Arrest

Unterschiede gibt es auch darin, wie Bezirksregierungen und Schulen in NRW auf „Absentismus“ reagieren. Das sieht der Gesetzgeber vor: Wenn ein 14-Jähriger einfach nicht oder nur noch sporadisch zur Schule kommt, kann zunächst ein Verfahren gegen den (eingeschränkt strafmündigen) Schüler und dessen Eltern eingeleitet werden. Dann wird ein Ordnungsgeld festgesetzt. Kampmann: „Wenn nicht gezahlt wird, werden Sozialstunden fällig.“ Leistet der Jugendliche auch die nicht ab, droht Wochenendarrest, beispielsweise in der Jugendarrestanstalt am Lüner Amtsgericht.

Ein weiteres Problem sind Eltern, die ihr Kind unterstützen, wenn es nicht zur Schule geht und ihm entweder Entschuldigungen schreiben oder das Ordnungsgeld bezahlen.

Strafen für Schulverweigerer: Lüner Pädagoge schlägt Alternativen zum Arrest vor

Kunibert Kampmann ist noch bis Ende Januar 2020 der Schulleiter des Förderzentrums Nord. Dann geht er nach vier Jahrzehnten als Lehrer in Pension. © Foto: Fröhling

Es gibt auch Schüler, die zwar zur Schule gehen, aber mit dem Lernen längst abgeschlossen haben. Entweder sitzen sie dann nur ihre Zeit ab, beteiligen sich aber weder am Unterricht, noch kümmern sie sich um Hausaufgaben. Oder sie kommen einfach zwei Stunden zu spät oder gehen zwei Stunden früher. Dann stellt man nach einiger Zeit fest, dass so 100 Fehlstunden zusammen gekommen sind. Kampmann: „An 90 Schultagen im Halbjahr kommen etwa 500 Unterrichtsstunden zusammen. Wenn dann ein Kind 100 Stunden gefehlt hat, war das rein rechnerisch pro Woche ein ganzer Tag.“

Andere Schulvermeider stören permanent den Unterricht, damit sie nach Hause geschickt werden. Das könne auch schon bei jüngeren Schülern in der fünften Klasse passieren, so Kampmann. Warum Kinder und Jugendliche sich der Schule verweigern - diese Gründe reichen von Mobbing und Ängsten bis zu Gewalt zuhause oder Überforderung der Eltern.

Eltern sollten sich fachliche Unterstützung holen

„Eltern haben Anspruch auf Hilfen zur Erziehung, können sich jederzeit ans Jugendamt wenden und müssen auch keine Angst davor haben, dass das Kind aus der Familie geholt wird“, rät Kampmann, sich Unterstützung zu holen.

In der Schule können Kinder, wenn sie es annehmen wollen, beispielsweise einmal in der Woche mit dem Schulsozialarbeiter Bilanz ziehen und Ziele für die kommende Woche vereinbaren. Zu Schulsozialarbeitern baue das Kind ein anderes Vertrauensverhältnis auf als zu Lehrern, denn sie geben ja auch keine Noten: „Und müssen auch uns Lehrern nicht alles sagen, was der Schüler ihnen erzählt“, so Kampmann. Bei Ängsten wegen Mobbing können Patenschaften älterer Schüler helfen. Kampmann: „Wichtig ist ein emotionaler Zugang. Wenn ein Kind um 10 Uhr statt um 8 Uhr kommt, sollte man nicht schimpfen, sondern sagen: ,Wie gut dass du noch kommst.‘“

Netzwerke sind wichtig

Der langjährige Schulleiter ist davon überzeugt, „dass andere Formate in den Schulalltag kommen müssen, um die Zahl an Schulvermeidern zu senken.“ Wichtig seien Netzwerke - aus Schule, schulpsychologischer Beratungsstelle, Jugendamt und eventuell der Polizei. Aber auch, dass bei Schülern, bei denen man befürchten muss, dass sie in die Schulvermeidung abrutschen, die Jugendhilfe und die Schulentwicklungsplanung parallel laufen. In Lünen sei die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen sehr gut, so Kampmanns Erfahrung.

Kinder und Jugendliche sollen vormittags in der Schule gefördert werden und sich nicht am ZOB rumtreiben, weil sie keinen Bezug zur Schule haben, sagt Kampmann. „Wir haben bei uns Kinder, für die Schule nicht so ihr Ding ist, da wäre es sinnvoll, gemeinsam andere Wege zu finden.“

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