Tagespflege: Soziale Kontakte, strukturierter Tagesablauf und Entlastung für Angehörige

rnSerie „Wenn die Eltern älter werden“

Anfangs war Elke Feller skeptisch. Was sollte sie mit Mitte 50 in einer Tagespflege? Inzwischen ist die Lünerin begeistert von dem Angebot. Auch, weil es ihren Mann bei der Pflege entlastet.

Lünen

, 15.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Leben von Elke Feller und ihrer Familie änderte sich drastisch im Jahr 2013. Ein geplatztes Aneurysma hatte weitreichende Folgen. Die Lüner Rechtsanwältin und Mutter zweier Söhne ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Und auf Hilfe und Pflege. Die Söhne studieren in anderen Städten, also kümmert sich vor allem ihr Mann Arno um die heute 57-Jährige. Der Jurist und Lokalpolitiker muss seine Termine genau planen, damit er zwischendurch bei ihr zuhause sein kann. Das klappt meistens, aber wenn sich beispielsweise eine Gerichtsverhandlung zeitlich nach hinten verschiebt, kann es eng werden.

Mit 55 in die Tagespflege - unvorstellbar

„Meine Therapeutin hatte mir von der Tagespflege erzählt und meine Schwägerin, die in der Pflege arbeitet, hat uns auch dazu geraten“, erzählt Elke Feller. Das war vor gut zwei Jahren. Aber die damals 55-Jährige konnte sich vieles vorstellen - jedoch nicht, mit Mitte 50 eine Tagespflege zu besuchen.

Dann ließ sie sich aber doch dazu überreden, sich das Ganze mal anzusehen und einen Termin für ein Gespräch zu verabreden. Und stellte fest, dass dieses Angebot für pflegende Angehörige eine gute Entlastung bietet und die zu Pflegenden neue soziale Kontakte knüpfen können.

„Unsere Söhne haben sich auch umgeschaut, weil sie gemerkt haben, dass mir das Ganze über den Kopf wächst. Drei, vier Unterbrechungen am Tag, weil ich Elke helfen musste, waren Standard“, so Arno Feller. Der 64-Jährige hat sozusagen „24 Stunden Bereitschaft, sieben Tage die Woche. Und drum herum hab ich die Termine für Kanzlei und Politik gebastelt.“

Michael Wopker vor seiner Tagespflege am Waldemar-Elsoffer-Weg.

Michael Wopker vor seiner Tagespflege am Waldemar-Elsoffer-Weg. © Beate Rottgardt (A)

Elke Feller erinnert sich noch genau an den Tag, als sie das erste Mal in die Tagespflege Wopker kam: „Es war der 19. Januar 2018. Sturmtief Friederike feghte gerade durch Lünen.“ Eigentlich wollte einer ihrer Söhne sie begleiten, doch der kam wegen des Sturms nicht aus Münster nach Lünen - die Bahn fuhr nicht. Also begleitete eine Bekannte die Lünerin zum Erstgespräch mit Leiterin Verena Radig, die ihr erklärte, wie alles abläuft und die Einrichtung zeigte. „Ich hab dann direkt für eine Woche später einen Probetag vereinbart“, so Elke Feller.

Annette Goebel

Annette Goebel © Beate Rottgardt

Zum Thema „Tagespflege“ sagt Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit: Tagespflege ist sicherlich einer der wichtigsten Bausteine zur Entlastung pflegender Angehöriger. Ob nur für einen Tag in der Woche oder mehrere – der Besuch einer Tagespflege bringt sowohl den pflegenden Angehörigen Zeit, um Dinge zu tun, die für sie selbst wichtig sind oder auch eigene Termine in Ruhe wahrnehmen zu können. Für die Pflegebedürftigen selbst ist der Besuch oft eine willkommene Abwechslung, die Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen und den Tag mit anderen gemeinsam zu gestalten.

Sie bekennt - sie war vor diesem Tag ganz schön aufgeregt: „Aber das geht mir immer so, wenn etwas Neues auf mich zukommt, schon seit dem Kindergarten.“ Mit einem Tag pro Woche fing es an. Die Zweifel, die Skepsis wichen schnell der Erkenntnis, sich in der Tagespflege wohlzufühlen. Mittlerweile ist Elke Feller nicht nur an einem Tag in der Woche zu Gast.

Tagesstruktur ist wichtig

Für Elke Feller ist es durchaus wichtig, dadurch eine Struktur für den Tag zu bekommen - „man versumpft sonst“. Und für ihren Mann „macht es das Ganze einfach leichter, ich kann so freier Termine planen.“ Auch für seine Tätigkeit als stellvertretender Bürgermeister.

Für Elke Feller sind die anderen Gäste in der Tagespflege inzwischen „mein Club“.

„Ich bin mit Abstand die Jüngste. Die nächst Älteren sind Ende 70 und dann haben wir auch einige Gäste, die 80 plus und sogar über 90 sind, also meine Elterngeneration und älter. Ich bin sehr froh, dass ich den Schritt gewagt habe, weil ich so tolle Menschen kennengelernt habe“, so die Lünerin. Wie einen 93-Jährigen, der locker ihr Vater sein könnte, und für den sie „noch ein junges Mädchen“ ist. „So unterschiedlich ist die Sichtweise, für meine Söhne bin ich eher schon alt.“ Der 93-Jährige ist jemand „den ich sofort als Zeitzeugen in Schulen schicken würde, weil er so viel zu erzählen hat.“

Gruppe hat überschaubare Größe

Gemeinsam Musik hören oder auch selber singen, Sitzgymnastik und Zeitungsrunde - jeden Tag gibt es Programm für die Gäste der Tagespflege. „Ich finde es sehr angenehm, dass die Gruppen eine überschaubare Größe haben.“

Ihr Leben hat sich seit der Erkrankung komplett geändert. Früher arbeitete sie mit ihrem Mann in der gemeinsamen Kanzlei, engagierte sich in der Schulpflegschaft. Jetzt hat sie zwangsläufig viel Zeit, könnte sich mit Freundinnen treffen. „Aber die sind alle berufstätig, haben tagsüber keine Zeit.“

Michael und Marion Wopker im großen Gemeinschaftsraum der Tagespflege.

Michael und Marion Wopker im großen Gemeinschaftsraum der Tagespflege. © Beate Rottgardt (A)

Nicht nur deshalb genießt sie die Gespräche mit den älteren Herrschaften in der Tagespflege. „Es wird dort immer auch frisch gekocht und sogar Gemüse selbst angebaut. Dass es so einen grünen Außenbereich gibt, finde ich auch gut.“

Ihr Mann weiß seine Frau dort in besten Händen. Auch das macht es ihm leichter, die Zeit, die er so gewonnen hat, sinnvoll einzusetzen. Wie wichtig soziale Kontakte sind, hat er auch bei seiner mittlerweile verstorbenen Mutter gesehen, „Sie hat 84 Jahre in dem Haus gelebt, in das sie als Zweijährige mit ihren Eltern eingezogen ist. Als es nicht mehr ging und sie in ein Pflegeheim kam, ist sie dort richtig aufgeblüht.“ Das Sprichwort vom alten Baum, den man nicht mehr verpflanzen soll, stimmt also nicht immer.

Pflegeversicherung finanziert Besuch in Tagespflege

Finanziert wird der Besuch in der Tagespflege über die Pflegeversicherung. Eine bestimmte Anzahl von Tagen wird so je nach Pflegegrad finanziert. Außerdem zahlt die Familie einen Eigenanteil.

Arno und Elke Feller sind froh, dass sie sich trotz aller Vorbehalte doch vor zwei Jahren entschlossen hat, die Tagespflege auszuprobieren. Arno Feller: „Das hat ganz erhebliche positive Auswirkungen. Für mich sind diese Tage einfach stressfreier, weil ich nicht mehr Angst haben muss, dass ich nicht bei Elke sein kann, wenn sie mich braucht.“

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Auf Wunsch wird die Hin- und Rückfahrt von zu Hause zur Tagespflege mit einem Fahrdienst organisiert. Infos zum Thema Tagespflege und Finanzierung bekommt man hier:
  • Pflegestützpunkt Lünen – Beratung für gesetzlich Versicherter ALLER Krankenkassen, Arndtstraße 4 (im Haus der Knappschaft), Ansprechpartner: Falko Lange, Tel. (02306) 70 03 - 92, E-Mail: psp-luenen@kbs.de oder falko.lange@kbs.de
  • Compass Pflegeberatung – Beratung für Versicherte privater Krankenkassen, Tel. (0800) 101 88 00, zuständige Beraterin für Lünen: Stephanie Schuh, Tel. (0221) 93 332 229, E-Mail: stephanie.schuh@compass-pflegeberatung.de, www.compass-pflegeberatung.de
Das sind die Lüner Tagespflege-Einrichtungen:
  • Tagespflege Lünen, AWO, Marie-Juchacz-Straße 1 (Mitte), Tel.: (02306) 3 06 70 - 41, E-Mail: tp-luenen@awo-rle.de www.awo-rle.de
  • Caritas Tagespflege Am Christinentor, Neuberinstraße 2 (Mitte), Tel. (02306) 70 04 -10 50, E-Mail: staubach@caritas-luenen.de www.caritas-luenen.de
  • Evangelisches Altenzentrum Lünen, Tagespflege Klöterheide, Bebelstraße 200 (Lünen-Süd), Tel. (02306) 9 44 77-77, E-Mail: tagespflege-luenen@diakonie-ruhr.de www.diakoniedortmund.de
  • Tagespflege „An der Lippe“, Birgit Rückert, Merschstraße 20 (1. OG) (Mitte), Tel. (02306) 97 86 981, E-Mail: tagespflege@pflegedienst-rueckert.de www.pflegeleistungen-rueckert.de
  • Tagespflege Brambauer der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Amselweg 2–4 (Brambauer), Tel. (0231) 9 87 23 77, E-Mail: tp-brambauer@awo-rle.de www.awo-rle.de
  • „Tagespflege Wopker“, Waldemar-Elsoffer-Weg 1 (Mitte), Tel. (02306) 76 49 510, E-Mail: radig.verena@wopcare.de www.pflegebüro-wopker.de


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