Tattoostudio in Lünen: Neustart nach Corona-Pause - nur ein Kunde pro Tag

rnNach der Corona-Zwangspause

Individualität braucht Zeit - und die nimmt sich das Lüner Tattoostudio Himmelsblut in der Corona-Krise mit Gelassenheit. Auch wenn das bedeutet, nur einen Kunden am Tag haben zu können.

Lünen

, 03.06.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit einer Woche darf Esther Himmel wieder ihrem Beruf nachgehen - und das macht sie mit Leidenschaft. Die 41-jährige Bergkamenerin betreibt in Lünen ein Tattoo-Studio, und in dem alteingesessenen Laden steht seit jeher die künstlerische Ausgestaltung hoch im Kurs.

Der Löwe ist ein besonders ausdrucksstarkes Tattoo aus der Nadel von Esther Himmel.

Der Löwe ist ein besonders ausdrucksstarkes Tattoo aus der Nadel von Esther Himmel. © privat

Tätowierungen mit Geschichte

„Wir nehmen uns viel Zeit für die Details“, sagt Esther Himmel. Eine Vorlage aus dem Internet einfach zu kopieren und nachzustechen, das ist nicht ihre Welt. Die ausgebildete Grafik-Designerin mit ausgeprägtem Hang zur Malerei liebt Tattoos mit Geschichte, die individuell für den Träger erstellt werden, die an die Körperform und Muskulatur angepasst werden. Mit ihrer Körperkunst will Esther Himmel etwas ausdrücken, genau wie der Träger des Tattoos. „Das ist kein T-Shirt, was man anzieht und hinterher wegwirft. Ein Tattoo ist etwas Bleibendes“, erklärt Esther Himmel.

Leidenschaft für den Beruf wurde im März jäh gestoppt

Die Leidenschaft, mit der sie ihrem Beruf nachgeht, spiegelt sich im Namen ihres Geschäfts wider. „Herzblut“ hatte der eigentlich heißen sollen - doch es gab schon eine gleichnamige Kneipe und auch einen Buchtitel. Mit Blick auf ihren Nachnamen fiel ihr dann das Wortspiel „Himmelsblut“ ein. „Und das passt auch, denn ein paar Tröpfen Blut fließen beim Tätowieren ja immer“, erklärt sie lachend.

Seit 15 Jahren arbeitet sie nun im eigenen Studio - und der Laden lief. Bis zum 19. März. „Da kam das Ordnungsamt, erklärte, dass wir das Tattoo noch zu Ende bringen dürften, aber dann den Laden schließen sollten.“ Seitdem ist für Esther Himmel alles anders.

Auch Hunde-Köpfe sind ein mögliches Motiv.

Auch Hunde-Köpfe sind ein mögliches Motiv. © prviat

Full-Time-Job Familie statt Berufsausübung

Elf Wochen war das Studio komplett geschlossen, statt Kunden zu stechen, betreute Esther ihre sechs und elf Jahre alten Kinder, legte Beete im Garten an und wartete abseits des neuen Full-Time-Jobs darauf, wie sich die Corona-Sache entwickeln würde. „Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich beschwere mich nicht, das ändert ja doch nichts an der Situation. Aber ich bin jetzt doch sehr, sehr froh, die Tür wieder aufzusperren und das Licht im Laden wieder einschalten zu können.“

Jetzt ist alles anders

Auch wenn hinter den Türen alles anders ist. Der kleine Schnack mit den Kunden, die mal eben in den Laden kommen, die persönliche Beratung bei der Motivwahl, der Wohlfühlservice für die Kunden, um ihnen die Nervosität zu nehmen, der Drücker der Dankbarkeit am Ende der Behandlung: All das gibt es nicht mehr. „Es ist jetzt irgendwie geisterhaft. Wir schließen nach dem Kunden die Tür wieder ab, damit kein anderer hineinkommt. Und die Ideen und die Inspirationen durch den Austausch fehlen.“

Für Tiere und Florales schlägt das Herz von Esther Himmel besonders.

Für Tiere und Florales schlägt das Herz von Esther Himmel besonders. © privat

Die gesamte Organisation des Studios geriet durcheinander, weil die Termine der vergangenen elf Wochen nachgeholt werden müssen - neue Termine können erst wieder im September gemacht werden. Kleine Motive sticht Esther Himmel derzeit gar nicht, auch ein Nachstechen oder kleinere Korrekturen macht sie derzeit nicht. „Der Aufwand wäre zu groß. Wir müssen nach jedem Kunden alles desinfizieren, alle Türklinken, alles, was berührt wurde. Wir machen daher nur größere Projekte.“ Also einen Arm, einen Rücken - und dazu müssen die Kunden mehrmals wieder kommen.

Optimistischer Blick nach vorn

Doch nicht nur die Hygienevorschriften bei der Reinigung der Räume ließen in Esther Himmel die Entscheidung reifen, nur einen Kunden am Tag zu bedienen. Es hängt auch mit der Maskenpflicht zusammen. „Ich verteufel die nicht. Die sind wichtig, und kurz damit einkaufen zu gehen, ist auch kein Problem. Aber ich bekomme Atemprobleme, wenn ich die den ganzen Tag aufhaben muss.“ Idealbedingungen für die Berufsausübung herrschen daher derzeit nicht. Aber Esther Himmel macht alles, was möglich ist. Die Beratung hat sie auf Telefongespräche und E-Mails verlagert, den Laden hat sie nur für halbe Tage auf. Denn: „Gute Tattoos sind kein Fast Food“, sagt sie. „Individualität braucht Zeit.“

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