Auch an der Cappenberger Straße stehen unzählige neue Tempo-30-Schilder teils in kurzen Abständen (siehe Hintergrund). © Landsiedel
Verkehr

Tempo 30 für Lärmschutz in Lünen: „Wollen die Autofahrer nicht ärgern“

Die neuen Tempo-30-Regeln auf sechs Straßen polarisieren. Es gebe viel Kritik, aber auch Zustimmung, erklärt Lünens Technischer Beigeordneter. Weitere Maßnahmen gegen Lärm sind ab 2022 Thema.

„Es hat uns nicht gewundert, dass es Proteste geben würde. Schließlich ist es eine große Veränderung“, sagt Arnorld Reeker, Technischer Beigeordneter, zur aktuellen Debatte um die neuen Tempo-30-Limits in Lünen. Das habe es bei Einführung entsprechender Tempolimits auch an der Jägerstraße, der Moltkestraße und auf Teilen der Münsterstraße gegeben.

Die Intensität des Echos in Sozialen Medien und auch der Presse im aktuellen Falle habe aber schon überrascht, führt Reeker weiter aus. Und: „Es gibt auch viele positive Rückmeldungen der Anwohner.“ Sowohl in der Vergangenheit, als auch in Bezug auf die sechs neuen Hauptverkehrsstraßen, an denen seit dem 4. Oktober nur noch 30 anstatt 50 km/h gefahren werden darf. Eben die stünden aber oft nicht in der Zeitung oder auf Facebook.

Anlass genug für die Stadtverwaltung am Freitag (22.10.) beim Pressegespräch über offene Fragen rund um das Thema Lärmschutz, den Aktionsplan der Stadt und Tempo 30 zu sprechen.

Schonfrist für Temposünder ist vorbei

Dabei betont Reeker erneut, dass es klare rechtlich Vorgaben von EU und Bund gibt, laut denen Städte verpflichtet sind, ihre Bürger vor Lärm zu schützen (Bundesimmissionsschutzgesetz). „Wir waren ein bisschen spät dran“, sagt Reeker, genau wie viele andere Städte.

Beim Pressegespräch im Rathaus erklärten Technischer Beigeordneter Arnold Reeker und Lena Hansmeier vom Fachbereich Stadtplanung, Umwelt, Bauordnung, warum die Schilder im Zuge des Lärmaktionsplans der Stadt Lünen aufgestellt werden mussten. Mit Protest habe die Verwaltung gerechnet.
Beim Pressegespräch im Rathaus erklärten Technischer Beigeordneter Arnold Reeker und Lena Hansmeier vom Fachbereich Stadtplanung, Umwelt, Bauordnung, warum die Schilder im Zuge des Lärmaktionsplans der Stadt Lünen aufgestellt werden mussten. Mit Protest habe die Verwaltung gerechnet. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Dazu gehört auch der Lärmaktionsplan, den Lünen – wie alle anderen Kommunen in der EU – aufstellen und auch umsetzen muss. „Wir wollen die Autofahrer nicht einfach ärgern“, so Reeker weiter. Zur Stufe III dieses Aktionsplans gehören auch die Tempo 30 Limits auf Borker Straße, Münsterstraße, Bebelstraße, Cappenberger Straße, Viktoriastraße und der Königsheide.

Die „Schonfrist“ für Autofahrer ist laut Verwaltung seit dem 11. Oktober vorbei. Seitdem wird an allen Straßen auch wieder geblitzt. Wie viele Temposünder seitdem in den neuen Tempo 30 Bereichen erwischt wurden, ließ die Stadt am Freitag unbeantwortet.

Berechnung statt Messung ist Standard

Der reine Unterschied zwischen Tempo 30 und Tempo 50 sei auf dem Papier auch größer als in der Realität. Wo fahre man schon durchgängig 50 km/h in der Stadt. Der Gewinn an Lärmreduktion sei in Studien aber deutlich belegt und in Teilbereichen der Münsterstraße, auf denen schon länger Tempo 30 gilt, auch spürbar. „Wir machen das auch nicht für die Hauptverkehrsstraßen, sondern für die Wohnbebauung daran“, erklärt Reeker.

Die Grundlagen lieferten Berechnungen eines unabhängigen Ingenieursbüros, in diesem Fall vom TÜV-Rheinland aus Köln. „Es wird dabei immer gerechnet“, führt Lena Hansmeier vom Fachbereich Stadtplanung, Umwelt, Bauordnung aus. Messungen, wie oft von Kritikern gefordert, seien nicht genormt und kaum vergleichbar. Zu viele unterschiedliche Faktoren (Wetter, Blätter auf der Straße, usw.) könnten eine Messung verfälschen. In Berechnungen könnten sie mit einfließen. Das Ergebnis: Mindestens 50 Prozent (teilweise bis zu 90 Prozent) der Anwohner sind tags und nachts einer Lärmbelastung ausgesetzt.

26 Schilder mit Tempo 30 stehen auf der Bebelstraße. Auf allen ist die Zahl 30 mit schwarzer Farbe übersprüht worden.
26 Schilder mit Tempo 30 stehen auf der Bebelstraße. Auf allen ist die Zahl 30 mit schwarzer Farbe übersprüht worden. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Der gesamte Lärmaktionsplan ist über Jahre in der Verwaltung erarbeitet, immer wieder politisch beraten und überprüft worden. „Das ist auch nichts, was hinter verschlossenen Türen stattfindet“, so Hansmeyer. Der komplette Lärmaktionsplan, genau wie Fragen und Antworten zu den neuen Tempolimits können auf der Homepage der Stadt (www.luenen.de) eingesehen werden. Auch politisch sei das Thema nicht unumstritten gewesen.

Der Vorschlag: Flüsterasphalt statt Tempo 30, sei aus verschiedenen Gründen verworfen worden. Die Wirkung entfaltet sich erst bei über Tempo 50 (dann werden Fahrgeräusche lauter als Motorengeräusche), die Kosten sind hoch und der Asphalt muss neu verlegt werden, was zu noch mehr Baustellen führen würde. Schlussendlich ging die Entscheidung für Tempolimits im Oktober 2020 durch den Rat (gegen die Stimmen der CDU). Eine Ablehnung wäre auf Dauer auch keine Option gewesen, aufgrund der rechtlichen Verpflichtung.

Stufe IV könnte LKW-Fahrverbote bedeuten

Und beendet sind die Maßnahmen zum Lärmschutz der Bevölkerung auch nicht. Die Stufe IV kommt. Neue Karten des LANUV (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen) gibt es im nächsten Jahr. Je nachdem, ob und wo Grenzwerte überschritten werden, könnten auf zwei Lüner Hauptstraßen, etwa der Münsterstraße, dann auch (Nacht-)Fahrverbote für LKW nötig werden. „Das muss wieder überprüft werden und das können wir auch nicht von heute auf morgen machen“, sagt Hansmeyer. So werde irgendwann hoffentlich ein Punkt erreicht, an dem die Grenzwerte für Lärm in Lünen nicht mehr überschritten werden.

Kontakt zur Bürgerinitiative „Pro Verkehrsfluss Lünen“, die sich in dieser Woche gegründet hat, gebe es bislang nicht. Auch die Unterschriften der Online-Petition gegen Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen (rund 2500 Unterschriften, Stand Freitag 22.10.) liegen der Verwaltung noch nicht vor.

Kosten für Vandalismus noch unklar

Die Kosten für die Reinigung der beschmierten Tempo-30-Schilder an der Bebelstraße werden von der Stadtverwaltung auf rund 1600 Euro geschätzt. Ob Schilder getauscht werden müssten, könne die Verwaltung noch nicht beurteilen, hieß es am Freitag. Die Reflexionsschicht auf den Schildern muss noch geprüft werden.

Eine Dummheit sei die Aktion nicht gewesen. „Das ist eine Straftat“, sagt Reeker. Den Schaden werden die Steuerzahler in Lünen bezahlen: von EU oder Bund gefördert werden Maßnahmen zum Lärmschutz nämlich nicht, erklärt Hansmeyer.

Über den Autor
Beruflicher Quereinsteiger und Liebhaber von tief schwarzem Humor. Manchmal mit sehr eigenem Blick auf das Geschehen. Großer Hang zu Zahlen, Statistiken und Datenbanken, wenn sie denn aussagekräftig sind. Ein Überbleibsel aus meinem Leben als Laborant und Techniker. Immer für ein gutes und/oder kritisches Gespräch zu haben.
Zur Autorenseite
Matthias Stachelhaus