"Terror": Lüner Publikum stimmt für unschuldig

Im Heinz-Hilpert-Theater

Darf man ein Passagierflugzeug abschießen, um Zehntausende Menschen zu retten? Spätestens seit der Film "Terror" im Fernsehen zu sehen war, beschäftigt diese Frage die Nation. Am Dienstagabend entschied das Lüner Theaterpublikum über die Schuldfrage - und zeigte sich weniger drastisch als die Fernsehzuschauer.

LÜNEN

, 19.10.2016 / Lesedauer: 3 min
"Terror": Lüner Publikum stimmt für unschuldig

Der Gerichtssaal war der einzige Handlungsort beim Schauspiel "Terror" von Ferdinand von Schirach.

Darf ein Mensch andere, unschuldige Menschen töten, um dadurch eine wesentlich größere Anzahl zu retten? Gibt es so etwas wie einen „übergesetzlichen Notstand“, in dem er sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen darf und nach den eigenen Moralvorstellungen bzw. Gewissensentscheidungen handeln darf?

Mit dem Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach beschäftigte diese Frage am Montagabend Millionen von Fernsehzuschauern und sie beschäftigte auch am Dienstag das Publikum im Heinz-Hilpert-Theater.

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Dabei hatten die Ausstrahlung des Fernsehfilms am Vortag und der begleitende Medienrummel der Aufführung im Lüner Theater nicht geschadet. Sie hatte im Gegenteil viele Zuschauer für die Thematik sensibilisiert und die Diskussionen eher bereichert.

Wobei die Zuschauer unterschiedlich vorgingen: Die meisten hatten auf die Fernsehfassung verzichtet, um sich unvoreingenommen der Thematik zu stellen. Andere hatten das Stück vor dem Bildschirm verfolgt, um einen Vergleich ziehen zu können. Wieder andere hatten es aufgezeichnet, um später den Vergleich zu ziehen.

Was dem Publikum in der Lüner Aufführung geboten wurde, war hochkarätiges Theater, das seine Spannung aus dem Inhalt des Schauspiels und der Präsentation durch das von der Konzertdirektion Landgraf zusammengestellte Ensemble schöpfte.

Drastische Beispiele

Einziger Handlungsort war der Saal eines Strafgerichts. Johannes Brandrup spielte den Vorsitzenden Richter überzeugend mit allen Facetten, mal als Verantwortlichen für den geordneten Ablauf im Sinne der Prozessordnung, mal als Technokraten, dann wieder als Abwägenden mit menschlichen Zügen, kurz als Prototyp des Strafrichters. Annett Kruschke war die unbestechliche Staatsanwältin, die allein auf dem Boden des Rechts argumentierte und dabei durch drastische Beispiele ihre Argumentationen untermauerte.

Ihr Gegenpol war Christoph Schlemmer als Verteidiger, als Parteiischer für den Angeklagten, moralisch argumentierend, an Emotionen appellierend und dabei rhetorische Kniffe einsetzend. Erschütternd war das Auftreten von Tina Rottensteiner als Nebenklägerin, die die Gefühle der Ehefrau eines Geopferten dem Publikum näherbrachte.

Diskussionen mit hohem Geräuschpegel

Peter Donath als Vorgesetzter des Angeklagten brachte überzeugend rüber, wie die eigentlichen Entscheidungsträger sich aus der Verantwortung gestohlen hatten. Brillant war Christian Meyer als Angeklagter Kampfflieger Lars Koch, der zu seiner Gewissensentscheidung stand, egal, ob er Schuld auf sich geladen hatte oder nicht und dabei nicht um Verständnis buhlte.

Eine entscheidende Rolle kam den Zuschauern zu. Sie bestimmten in diesem interaktiven Theaterstück den Urteilsspruch und damit den Ausgang der Handlung. Selten wurde in der Pause so intensiv und auch kontrovers diskutiert, selten war der Geräuschpegel im Foyer so hoch wie an diesem Abend.

246 (69 Prozent) stimmten für „nicht schuldig“, 112 für „schuldig“. Damit war die Freispruchquote deutlich niedriger als bei der Fernsehabstimmung (87 Prozent). „Ich habe mich eindeutig für nicht schuldig entschieden“, meinte Zuschauer Friedhelm Höhner aus Lünen, „man soll Prinzipien, auch wenn sie in der Verfassung festgelegt sind, nicht totreiten. Auch sie wurden ja nur von Menschen gemacht.“

"Großes Theaterereignis"

Staatsminister a.D. Wolfram Kuschke hatte sich während der Aufführung umentschieden und für „schuldig“ plädiert: „Man darf Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufrechnen. Wo soll man die Grenze setzen? Das Prinzip „Schutz der Menschenwürde“ darf nicht angekratzt werden.“

Einigkeit herrschte bei der Bewertung der Aufführung: „Der Abend hat mir gezeigt, wie spannend Theater auch für junge Leute sein kann“, meinte Teresa Kleine-Frauns. Und Gerlinde Wittler, seit 1958 Stammgast in Reihe 3 Platz 9, urteilte: „Das war ein ganz großes Theaterereignis.“

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