Ein Haus am Ufer der Ahr. Es ist eines der Orte, die besonders vom Hochwasser betroffen waren. Christian Lüdke aus Lünen betreut Hochwasser-Opfer und -Retter. © picture alliance/dpa
Flutkatastrophe

Trauma-Experte aus Lünen betreut Flutopfer: „Das ist unvorstellbar“

Christian Lüdke aus Lünen ist Trauma-Experte. Er betreut Hochwasser-Opfer und -Retter. Die Geschichten, die er hört, sind traurig. Und dennoch gibt es auch gute Nachrichten.

Die Geschichten, die Christian Lüdke von Menschen aus den betroffenen Flutgebieten gehört hat, sind unendlich traurig.

Da ist zum Beispiel der junge Mann, der bei den Überschwemmungen Mitte Juli mit seiner Mutter aus dem Haus gespült wurde. Er hielt sich an einem Gartenzaun fest und sie fest an der Hand. 20 Minuten lang schaffte er es. Dann verließen ihn die Kräfte. Er musste sie loslassen und sie wurde davon gespült. Später dann die Gewissheit: Die Mutter war ertrunken. Der Sohn überlebte.

„Das ist unvorstellbar, diese Menschen haben alles verloren, außer ihrem eigenen Leben“, sagt Lüdke über die Flutopfer. Der Mann aus Lünen ist Psychotherapeut und hat sich auf den Bereich Trauma-Therapie spezialisiert. Zusammen mit seinem Team betreut er derzeit 38 Menschen. Die meisten von ihnen kommen aus den Gebieten, die die Flutkatastrophe besonders hart getroffen hat. Zehn von ihnen haben in den Flutgebieten geholfen. Sie sind zum Beispiel Notfallsanitäter und -Sanitäterinnen oder Feuerwehrleute. Was die Helfer angeht, so kommen sie teilweise auch aus der Region.

Dinge geleistet, die über das Normale hinaus gehen

Doch was sagt man einem Menschen, der so Schlimmes erlebt hat, wie das oben beschriebene Szenario? Zunächst einmal bleibe einem nur zu sagen, dass es einem unendlich leid tut, sagt Lüdke im Gespräch mit unserer Redaktion. Dann sei es wichtig, den Betroffenen eventuelle Schuldgefühle zu nehmen. „Diese Menschen haben Dinge geleistet, die weit über das Normale hinausgehen“, sagt Christian Lüdke. Nun gehe es darum, sie zu trösten, zu stabilisieren und aufzuklären.

Zum Beispiel darüber, dass alle die Symptome des Traumas, die sie gerade erleben, völlig normal sind. Immer wieder sehen sie zum Beispiel belastende Erinnerungsbilder, erklärt Christian Lüdke. Haben Flashbacks, die sich so anfühlen, als wären sie wieder in der Situation. Sehen Berge voller Schutt. Oder sie hören Geräusche, die sie auch in dem Moment des Erlebens gehört haben. Sie zeigen Vermeidungsverhalten, leiden unter Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit. Doch all das ist normal, sagt Lüdke. „Diese Symptome sind eine völlig normale Reaktion auf eine verrückte Situation“, erklärt er. „Das ist normal. Es ist nicht normal, wenn Menschen vor unseren Augen ertrinken.“

Christian Lüdke ist Trauma-Experte. © Privat © Privat

Was diese Reaktionen angeht, mache es auch gar keinen Unterschied, ob man nun ein Helfer oder eine Helferin gewesen sei oder unmittelbar von den Auswirkungen der Flut betroffen. „Die psychischen Belastungen sind dieselben“, so der Psychotherapeut. So habe es zum Beispiel nach dem schweren Zugunglück im niedersächsischen Eschede eine Studie gegeben, bei der sich auch Einsatzkräfte beteiligten. Dort war 1998 ein ICE entgleist, 101 Menschen hatten bei dem Unglück ihr Leben verloren. Bei der Studie zeigte sich, so erzählt es Christian Lüdke, dass die Helfer genauso belastet waren, wie die Betroffenen selbst.

Wertschätzung durch schnelle Hilfe ist wichtig

In der Therapie gehe es nun darum, das Sicherheitsgefühl zurückzugewinnen. Denn wer etwas erlebt hat, das eigentlich unvorstellbar schien, der leide unter dem Gefühl von Kontrollverlust. „Dazu gehört auch, dass Politiker eine Soforthilfe ankündigen oder der Arbeitgeber verspricht, dass man seinen Job nicht verliert“, sagt Lüdke. Oder auch eine Aktion von großen Versicherungen in Deutschland: Sie haben ihren Versicherten, die direkt betroffen waren, eine Hotline für Soforthilfe geboten.

Christian Lüdke und sein Team sind Teil dieser Hilfe. „Das habe ich in dieser Form selten erlebt“, sagt Lüdke. Beim Tsunami-Unglück am Zweiten Weihnachtstag 2004 habe es eine ähnliche Form der Hilfe schon einmal gegeben. Der Psychotherapeut weiß aus seiner Erfahrung, dass nur etwa 10 Prozent der Betroffenen dieses Angebot vielleicht wahrnehmen werden. Allerdings würden viele allein das Angebot als große Wertschätzung empfinden, sagt Lüdke. Zu wissen, dass es da sei, helfe schon.

Bessere Heilprognosen nach Naturkatastrophen

Immerhin gebe es aber auch – wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt davon reden kann – gute Nachrichten: „Es gibt Studien darüber, die belegen, dass Betroffene von Naturkatastrophen eine bessere Heilprognose haben, als andere Betroffene von traumatischen Erlebnissen“, sagt der Trauma-Experte. Nur zwei Prozent von ihnen würden, so die Studien, psychische Erkrankungen davontragen. Das liege daran, dass Naturkatastrophen etwas seien, wogegen man nichts tun kann, während man bei traumatischen Ereignissen wie Amok-Läufen stets nach einem Grund suche.

„Viele nehmen ein traumatisches Ereignis auch als Anlass, ihr Leben zu überdenken“, sagt Lüdke. Statt 60 Stunden zu arbeiten, würden sie andere Prioritäten setzen. Das gilt natürlich nicht für alle. Was aber gilt: „Das Leben, das sie später führen, muss nicht schlechter sein“, sagt Lüdke, „es ist nur anders.“

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
Zur Autorenseite
Sabine Geschwinder

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