Traumberuf Fahrlehrerin in Lünen: „Als Frau musste man schon Eier in der Hose haben“

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Nicht einmal jeder zehnte Fahrlehrer in Deutschland ist weiblich. Zwei Frauen der Fahrschule Europa erzählen, wie sie zu ihrem Traumberuf kamen - trotz merkwürdiger Blicke im Straßenverkehr.

Lünen

, 08.12.2019, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nora Wittler lacht: „Als ich damals als zierliches blondes Mädchen aus dem großen Lkw gestiegen bin…da haben alle erst einmal blöd geguckt.“ Die 32-jährige ist eine von insgesamt fünf Fahrlehrerinnen bei der Fahrschule Europa.

Dass hier gleich fünf von insgesamt 16 Fahrlehrern Frauen sind, ist ungewöhnlich. Denn bundesweit liegt die Frauenquote bei Fahrschulen laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bei gerade einmal neun Prozent.

Mit Wissen und Können durchboxen

Der Beruf als Fahrlehrer ist also eine absolute Männerdomäne. „Als Frau hat man es da nicht immer einfach gehabt“, erzählt auch Vildan Öz-Aytekin. Aber mit Wissen und Können habe sie sich in ihrem Beruf durchgeboxt: Als immer noch aktive Krankenschwester und zweifache Mutter ist sie nun auch seit fünf Jahren Fahrlehrerin.

„Damals musste man als Frau schon Eier in den Hosen haben“, bestätigt auch Nora Wittler, wenn sie sich an ihre Ausbildung und ihren Lkw-Führerschein zurückerinnert. Heute sei dies aber anders, was auch mit der vereinfachten Ausbildungssituation zu tun hat.

Denn bis vor knapp zwei Jahren mussten Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer einen Führerschein für jede Fahrzeugklasse haben – das heißt, auch für einen LKW und ein Motorrad. „Ich glaube, das hat viele abgeschreckt“, sagt Vildan Öz-Aytekin.

Ulrich Wibbeke, Geschäftsführer des Verkehrsinstituts Düsseldorf und Bielefeld, kann dies ebenfalls bestätigen. „Es gab ein allgemeines Hemmnis, bei Männern und vor allem bei Frauen, weil es auch einfach teuer war“, sagt er. Die Fahrlehrerbranche hatte schlicht keinen Nachwuchs mehr.

Frauenquote in Lehrgängen niedriger als erhofft

Seit dem 1. Januar 2018 hat sich die Ausbildung geändert. Mittlerweile reicht ein einfacher Führerschein der Klasse BE aus, also der Anhängerführerschein. Und das lockt mittlerweile auch viele junge Frauen an, doch nicht so viele, wie Ulrich Wibbeke es sich gewünscht hätte.

„Ich hatte mit einer Quote von 40 Prozent in den Fahrlehrer-Lehrgängen gehofft. Stattdessen sind circa 25 Prozent Frauen in den Lehrgängen, was großartig ist. Aber es ist auch noch Luft nach oben“, meint er.

Die Zukunft lässt also hoffen – und das ist auch gut so. Denn die Nachfrage an Frauen in der Branche ist gestiegen. „Wir Frauen kommen in bestimmten Situationen besser mit den Schülerinnen und Schülern klar“, sagt Nora Wittler.

Viele wünschen sich extra Frauen

Manche Schülerinnen fragen beispielsweise extra Frauen als ihre Fahrlehrerin an – sei es aus religiösen Gründen oder einfach, weil sie sich mit einer Frau im Auto wohler fühlen.

„Manche finden es entspannter, mit Frauen fahren zu lernen. Vielleicht, weil wir schon so einen beruhigenden Sing-Sang in der Stimme haben“, so Vildan Öz-Aytekin. Auch Fahrschülerinnen, die schlechte Erfahrungen mit männlichen Fahrlehrern gemacht haben, wenden sich an die beiden Frauen und ihre drei Kolleginnen.

Oftmals nur Männer als Lehrer

Doch nicht nur bei der Fahrschule Europa wird die Nachfrage an Fahrlehrerinnen immer größer. Auch die Fahrschule „Die 2“ wünscht sich, bald wieder Fahrlehrerinnen zu haben. Momentan arbeiten dort nämlich nur Männer.

Genau so sieht es bei der Fahrschule „DEE’s“ aus. „Das ist eigentlich total schade, wir würden gerne Frauen einstellen, weil es viele Mädchen gibt, die lieber mit Frauen fahren“, erzählt Elisa Roth von „DEE’s“. Doch das Angebot ist gering. „Es ist einfach schwer, jemanden zu finden“, so Roth.

Pädagogisch geprägter Beruf

Dabei sei der Beruf Fahrlehrerin eigentlich ein Beruf, der gut zu Frauen passt, findet Ulrich Wibbeke. Er sei flexibel und damit gut mit der Familie zu vereinbaren. Außerdem ist der Beruf sehr pädagogisch, etwa die Hälfte der Ausbildungsstunden haben mit Pädagogik zu tun.

„Viele Leute glauben, der Beruf sei technisch, mit den ganzen Bremsen, Motoren und Leuchten. Das stimmt aber nicht“, sagt der Geschäftsführer. Die Technik in Autos habe sich über die Jahre komplett geändert und wird heute auch kaum in Fahrschulen unterrichtet. „In meinem Auto lese ich den Ölstand schließlich auch digital ab“, scherzt Wibbeke.

Aktzeptanz in der Gesellschaft wird größer

Die Emanzipation kommt also langsam in den Fahrschulen an, das sieht auch Vildan Öz-Aytekin. Zwar passiere es, dass manch andere Autofahrer neugierig in Fahrschulautos schauen und verdattert gucken, wenn eine Frau auf der rechten Seite sitzt.

Doch je mehr Frauen in der Branche tätig sind, desto größer wird auch die Akzeptanz in der Gesellschaft. Der Beruf wird für Frauen prominenter – und öffnet so neue Denkweisen und macht andere wiederum zunichte.

„Rollenbilder sollte es in unserem Beruf eigentlich gar nicht mehr geben“, findet Nora Wittler.

Frauen fahren anders als Männer - nicht schlechter

Frauen seien oft vorsichtiger und vorausschauender als Männer. „Sie überlegen, was passiert, wenn sie jetzt mit Handy am Steuer fahren, und haben auch öfter Kinder im Auto, für die sie die Verantwortung übernehmen“, erklärt Vildan Öz-Aytekin.

Beide Frauen haben sich teils über Umwege zu ihrem Traumberuf in die Männerdomäne vorgekämpft und es scheint, als bekämen sie bald noch mehr Unterstützung.

Als letzten Tipp können sie jungen Mädchen nur eines mitgeben: „Wenn Fahrlehrerin euer Traum ist, dann müsst ihr euch trauen und euch nicht von irgendwem einschüchtern lassen!“

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