Unkraut zum Anziehen: Landwirt Schulz-Gahmen baut Brennnesseln an

LÜNEN Unkraut vergeht nicht - diese Binsenweisheit scheint bei der Brennnessel zu stimmen. Sturm, Regen, Dürre, das macht ihr nichts. Und das freut Carl Schulz-Gahmen: Der Landwirt aus Lünen baut im großen Stil Brennnesseln an. Für Kleidung.

von ddp

, 25.07.2008, 09:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
Unkraut zum Anziehen: Landwirt Schulz-Gahmen baut Brennnesseln an

Brennnessel-Bauer Carl Schulz-Gahmen.

Jedes einzelne Pflänzchen allerdings muss von Hand eingesetzt werden - 16 000 Brennnesseln pro Hektar. Schulz-Gahmen hat gleich neun Hektar der Nessel überlassen. „Wenn man aber weiß, wie man sie anzufassen hat, brennt es auch nicht“, sagt der Landwirt. Bis zu drei Meter hoch werden die Züchtungen. „Und sie kommen gänzlich ohne Pestizide und Fungizide aus“, unterstreicht der Bauer den ökologischen Aspekt. Rund 15 Prozent Faseranteil kann die Nutzpflanze vorweisen, die originäre Nessel am Wegesrand bringt es nur auf drei Prozent. Die Renaissance der Brennnessel als Rohstoff-Lieferant ist vor allem der Hamburger Universität zu verdanken. Dort wurden die Pflanzen kultiviert und verwahrt. Als Faser-Lieferant wurde die Nessel in Deutschland während des Ersten Weltkrieges neu entdeckt. Baumwolle kam von außen nicht mehr ins Land, da half man sich selbst. „Und im Zweiten Weltkrieg war das nicht anders“, erläutert Schulz-Gahmen. Drei bis vier Tonnen wird der Bauer im Herbst pro Hektar ernten. In Lüchow wird es von dem Stoffkontor Kranz weiterverarbeitet. „Aus der Ernte pro Hektar gewinnen wir rund 300 Kilo Fasern, daraus entstehen 1500 Kilo Garn. Damit können 6000 Meter Stoff gewebt werden, genug für ungefähr 3000 Jeans“, rechnet Heinrich Kranz, Vorstand des Familienunternehmens, vor.

Der Anbau lohnt sich also für Schulz-Gahmen, und so kann er auch die zweifelnden Blicke seiner Kollegen ertragen. „Natürlich haben die mich am Anfang schräg angeguckt. Vor allem, weil ich ja noch nicht mal ein richtiger Landwirt bin“, erinnert sich der Lünener. Als Maschinenbau-Ingenieur war er in Dortmund bei Hoesch tätig. Nach der Schließung des Stahlwerks übernahm Schulz-Gahmen als Landwirt den familieneigenen Hof und brachte exotische Ideen mit. Er baute Photovoltaik-Anlagen aufs Dach, hat eine eigene kleine Biogas-Anlage, eine Schnapsbrennerei und jetzt riesige Brennnessel-Felder. Im Sommer werde auch gerne mal „ein Bett im Kornfeld“ aufgeschlagen, erzählt der Landwirt. Das passiert bei Brennnesseln nicht mehr. „Das ist eine richtige Oase für Hasen, Rehe und andere Tiere. Hunde nämlich schrecken bei Brennnesseln auch zurück“, weiß der innovative Landwirt.

„Wir bekommen sehr viele Nachfragen von interessierten Bauern“, sagt Catharina Kranz, die Schwester des Firmenchefs. Das Unternehmen sei stolz, weltweit das einzige Unternehmen zu sein, das aus dem „Unkraut“ einen verwertbaren Faserbrei erstellen kann. In einem geheimen und geschützten Vorgehen, werde die Faser rein biologisch von Störfaktoren getrennt. „Als wir 1999 mit eigenen Feldern angefangen haben, hat die ganze Firma geholfen, die Setzlinge einzupflanzen“, erinnert sich Kranz. Mittlerweile stehen auf 300 Hektar die großen Gewächse. Ist das Garn erst gesponnen, geht es zur Weberei in den Schwarzwald. Dort entstehen Bekleidung, Bettwäsche und Vorhänge für ganz Europa.

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