Unternehmer soll Angestellte ausgebeutet haben

Anklage: Millionen hinterzogen

Erst hatte er sie angelockt, dann ausgebeutet: Mit Tränen in den Augen berichteten mehrere junge Polen unserer Redaktion, was ihnen im März 2014 in Lünen mit einem dubiosen Unternehmer widerfahren war. Jetzt könnten die Polen so etwas wie Genugtuung empfinden: Der Mann dürfe bald auf der Anklagebank sitzen.

LÜNEN

, 17.04.2016, 13:10 Uhr / Lesedauer: 1 min

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Unternehmer Steuer- und Abgabenhinterziehung und Betrug in über 200 Fällen vor. Der Schaden, der Sozialversicherungen, dem Staat und der Berufsgenossenschaft entstanden ist, soll sich auf circa 1,6 Millionen Euro belaufen. Die Klage liegt beim Landgericht, ein Verhandlungstermin steht nach Angaben eines Sprechers noch nicht fest. Laut Landgericht sind vier Personen angeklagt, 37 bis 65 Jahre alt. Der Unternehmer gilt als Haupttäter. Die angeklagten Taten beziehen sich auf einen Zeitraum vom 25. Mai 2009 bis 11. Januar 2015.

Der Zoll ermittelte

Die Ermittlungen führte der Zoll. Bei der Jahrespressekonferenz des Hauptzollamtes Dortmund am Donnerstag wurde der Lüner Fall als Beispiel für erfolgreiche Arbeit erwähnt. Jörg Helmig, Sachgebietsleiter Finanzkontrolle Schwarzarbeit: „Der Bauunternehmer hat nach unseren Ermittlungen gezielt Arbeitskräfte in Polen angeworben.“ Was dann passierte, beschreibt Helmig so: Der Angeklagte habe den polnischen Arbeitern vermittelt, er bringe sie zum Einwohnermeldeamt. Stattdessen jedoch sei er zur Gewerbemeldestelle gegangen. Ohne es zu wissen, so Helmig, habe jeder Pole ein Gewerbe angemeldet.

Opfer menschenunwürdig behandelt

Formell waren die Polen somit keine Beschäftigten, auf deren Löhne Sozialabgaben und Steuern fällig gewesen wären, sondern Subunternehmer. „Wir konnten aber nachweisen, dass sie in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis standen“, sagt Helmig. Scheinselbständigkeit also. Der Zoll, der nach einer anonymen Anzeige ermittelte, hat laut Helbig noch andere Feststellungen getroffen: „Die Arbeiter waren menschenunwürdig untergebracht.“

Mehr als zehn Menschen hätten auf Pritschen auf engstem Raum in einer Wohnung am Feuerbachweg gelebt, berichteten die Polen im März 2014 gegenüber unserer Redaktion. Von Gewaltandrohungen berichteten sie ebenfalls. Der Feuerbachweg, bestätigte der Landgerichtssprecher, ist in der Anklageschrift aktenkundig. Jörg Helmig vom Zoll sagt, man habe beim Unternehmer eine scharfe Waffe und Munition gefunden.

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