Wer in den Ferien verreist, bezahlt am meisten. Da liegt es nahe, Kinder ein paar Tage eher aus der Schule zu nehmen und vorher zu starten. Ein Phänomen, das auch die Lüner Schulen kennen.

von Kristina Gerstenmaier, Ulrich Breulmann

Lünen

, 01.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Das ärgert Eltern: Sobald Schulferien sind, steigen die Preise für Flüge und Unterkünfte. Außerdem sind die Autobahnen voll. Wer ein, zwei Tage früher startet oder später zurückkommt, kann viel Geld sparen und die langen Staus vermeiden. Da könnte man doch die Kinder kurz vor den Ferien, wenn dort sowieso nicht mehr viel läuft, aus der Schule nehmen, oder?

Kann man, darf man aber nicht. Wenn man es trotzdem tut, begeht man eine kostspielige Ordnungswidrigkeit. Denn in Deutschland gilt Schulpflicht.

„Bei Beurlaubungen vor und nach den Ferien muss nachgewiesen werden, dass die Beurlaubung nicht den Zweck hat, die Schulferien zu verlängern“, antwortet das Schulministerium auf Anfrage. Wer keinen triftigen Grund nachweisen kann – etwa weil das Kind krank (Attest) oder ein naher Angehöriger gestorben ist (Nachweis)– riskiert bis zu 1000 Euro Bußgeld.

Zahl der Fälle steigt

Viele lassen sich davon nicht abschrecken, die Zahl verhängter Bußgelder steigt. Im Regierungsbezirk Arnsberg kletterte sie von 2015 bis 2018 von 1639 auf 2841. 2019 zählte die Bezirksregierung bereits 506 Schulpflichtverletzungen, die meisten davon (133) an Gesamtschulen. Für die Grund-, Haupt- und Förderschulen ist der Landkreis Unna zuständig. Hier liegen auch Zahlen ausschließlich für Lünen vor: 2017 zählte das Landratsamt 20 Ferienverlängerungen, 2018 49 und 2019 bisher (Stand 24. Juni) 17.

„Bei uns sind es zwei bis drei Fälle pro Jahr, bei denen wir ein Bußgeld beantragen“, erzählt Reinhold Bauhus, Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule. Darauf kämen 15 bis 20 Anträge auf vorzeitige Beurlaubung, „die wir in aller Regel, aber nicht immer, ablehnen. Der Einzelfall zählt“, sagt Bauhus.

Kein Trend in Lüner Schulen

An der Realschule Altlünen, sieht Hermann-Josef Wittmann, entgegen des Trends im Regierungsbezirk, keine Steigerung der Vergehen: „Jedes Jahr gibt es ungefähr zwei Fälle, bei denen Schüler, ohne einen Antrag zu stellen, einfach aus der Schule fernbleiben“, sagt Wittmann. „Diese Zahl ist in den zehn Jahren, seit ich Schulleiter bin, immer gleich geblieben.“ Das größere Problem als die Sommerferien, seien übrigens die verlängerten Wochenenden, die gerne mal auf eine Woche ausgedehnt werden. Neben dem Antrag müssten Eltern auch die Gründe in Form einer Einladung, Krankenberichts oder Todesanzeige nachweisen. „Und unsere Sekretärin kann das dann im Zweifel auch übersetzen“, warnt Wittmann. Dann dürften die Schüler ausnahmsweise und auch nur einmalig ein bis zwei Tage vorher vom Unterricht fernbleiben. Besonders ausländische Eltern, die ihre Familien für günstigere Preise besuchen wollen, sind dazu geneigt, ihre Kinder schon vor den Ferien aus der Schule zu nehmen.

Zwei Tage = 640 Euro

„Sobald ein Attest vorliegt, bin ich raus, dann sind mir die Hände gebunden, auch wenn Zweifel bestehen“, erzählt Matthias Flechtner, Schulleiter der Leoschule. Bisher hatte er eine Anfrage für die Sommerferien auf dem Schreibtisch, die er aber ablehnen musste. In den neun Jahren seiner Schulleiterschaft gab es lediglich ein Bußgeldverfahren. „Das ist so teuer, dass es sich nicht lohnt“, glaubt er.

Die maximale Höhe von 1000 Euro hat das Land festgelegt, Details regelt, je nach Schulform, die Bezirksregierung bzw. das Landratsamt. So wird pro Fehltag für jedes schulpflichtige Kind und jedes Elternteil in Arnsberg ein Bußgeld von 80 Euro fällig. Für eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern wären das bei zwei Fehltagen 640 Euro. Für die Grund-, Haupt- und Förderschulen werden in Unna die Erziehungsberechtigten (sowohl Mutter als auch Vater) zur Kasse gebeten. Sie zahlen jeweils pro Tag 80 Euro plus 20 Euro Verwaltungsgebühr und 3,50 Euro Zustellungsnachweis. Theoretisch kann auch für Schüler ab dem 14. Lebensjahr diese Gebühr erhoben werden. „Das ist aber bislang im Kreis Unna nicht durchgezogen worden, unter anderem weil die Jugendlichen in Abhängigkeit zu ihren Eltern stehen, die die Ferienverlängerung ja veranlasst haben“, erklärt Kreis-Pressesprecherin Constanze Rauert.

Peter Feldmann, der einen neunjährigen Sohn auf der Leoschule und eine elfjährige Tochter auf dem Stein-Gymnasium hat, bringt auch ohnehin kein Verständnis für ein solches Vorgehen auf. „Es geht ja nicht Urlaub über alles und ich habe auch kein Grundrecht auf billigen Urlaub. Mein Kind soll gut erzogen und mit Grenzen aufwachsen. Wir zum Beispiel fliegen in den Herbstferien ins Ausland und fahren in den Sommerferien an die Ostsee. Dann haben wir dieses Problem nicht.“

„Schulschwänzen ist kein Kavaliersdelikt“

Und auch Schulministerin Yvonne Gebauer findet klare Worte: Eltern sollten Vorbilder sein, das Verlängern der Ferien sei gesetzeswidrig: „Schulschwänzen vor den Ferien ist kein Kavaliersdelikt.“ Im Übrigen weist sie eine verbreitete Einschätzung zurück: „Es ist nicht so, dass in vielen Schulen unmittelbar vor den Ferien kaum noch guter Unterricht stattfindet. Häufig werden gerade die Tage vor den Ferien für spannende Projekte und Schulveranstaltungen genutzt, die junge Menschen auf vielfältige Art bilden.“

Bevor ein Bußgeld verhängt wird, gibt auch die Bezirksregierung den Eltern Gelegenheit zur Stellungnahme. Dann greift das Bußgeld aber ohne erneute Verwarnung sofort.

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