Leben mit Diabetes: Christopher Reinartz (29) hat sich seine Diagnose tätowiert

rnInsulintherapie

Erholsam sollten die Ferien sein. Doch Christopher Reinartz blieb müde. Was er nicht ahnte: Er war akut in Lebensgefahr. Zuhause kam er in die Klinik. Die Diagnose veränderte seinen Alltag.

Lünen

, 09.03.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Nachhinein erkennt Christopher Reinartz, dass es lange vorher Anzeichen der Erkrankung gab. Er hatte Lust auf literweise süßen Eistee, obwohl er eigentlich ein Wassertrinker ist. Nachts wurde der Lüner bis zu zwölfmal wach. Tagsüber war er erschöpft. „Der Stress“, dachte Christopher Reinartz. Es war Diabetes Typ 1.

Das ist die seltene Form der Zuckerkrankheit. Sie trifft etwa zehn Prozent der bundesweit sieben Millionen Diabetes-Patienten. Die Betazellen der Bauchspeicheldrüse produzieren kein Insulin mehr. Weitaus mehr, etwa 90 Prozent, haben Diabetes Typ 2. Früher wurde er „Alterszucker“ genannt, doch an dieser Störung des Zuckerstoffwechsels erkranken auch 20-Jährige. Der Zucker, der nach dem Essen ins Blut gelangt, soll Zellen mit Energie versorgen. Als Türöffner braucht er den Schlüssel Insulin, erläutert Dr. Kerstin Wellner-Wielowiejski. Wenn dieser Schlüssel durch Veränderungen an dem Schloss der Körperzellen nicht mehr passt, zirkuliert der Zucker im Blut und kann nicht verarbeitet werden.

Zwei Fachärzte an der Münsterstraße 30: Dr. Kerstin Wellner-Wielowiejski (M.) arbeitet als Internistin und Diabetologin in der neu eröffneten Diabetologischen Schwerpunktpraxis zusammen mit Hausarzt Dr. Arne Krüger als Praxisinhaber. Diabetesberaterin Merve Cevik übernimmt die Schulungen der Diabetes-Patienten

Zwei Fachärzte an der Münsterstraße 30: Dr. Kerstin Wellner-Wielowiejski (M.) arbeitet als Internistin und Diabetologin in der neu eröffneten Diabetologischen Schwerpunktpraxis zusammen mit Hausarzt Dr. Arne Krüger als Praxisinhaber. Diabetesberaterin Merve Cevik übernimmt die Schulungen der Diabetes-Patienten © Quiring.-Lategahn

Kerstin Wellner-Wielowiejski (56) ist Diabetologin in der seit Oktober eröffneten Diabetologischen Schwerpunktpraxis an der Münsterstraße 30. Sie sagt: „Die Krankheit trifft immer mehr Menschen.“ Beim Typ 2 Diabetes spielen Übergewicht und Bewegungsmangel eine Rolle. Um gefährliche Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Schädigungen an Gefäßen zu vermeiden, sei eine frühzeitige und individuelle Behandlung der Diabetes-Patienten wichtig.

Christopher Reinartz, der an Typ 1 Diabetes erkrankt ist, hat sich nach der Diagnose gefragt: „Warum ich?“ Er, der abends beim Bierchen gerne mal eine große Tüte Haribo verdrückt oder zwischendurch für Curry-Wurst-Pommes schwärmt? Geht jetzt gar nichts mehr? Sein Alltag hat sich komplett verändert. Einfach drauflos naschen, das war einmal. Dauerhafte Kontrolle, festgehalten in einem Tagebuch, bestimmt jetzt sein Leben: „Man gewöhnt sich dran.“

Sich auch mal was gönnen

Christopher Reinartz ist ein offener Mensch. Auch mit seiner Krankheit geht er offen um. Im Restaurant mal die Nadel ´rausholen und spritzen, das ist für ihn kein Ding. „Dann kann ich mir auch mal was gönnen.“

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Diabetes ist eine komplexe Krankheit. Ein bis zweimal pro Woche diagnostiziere Hausarzt Dr. Arne Krüger (45) sie während einer Routineuntersuchung. „Oft ein Zufallsbefund“, sagt er. Denn erhöhter Blutzucker tut nicht weh. Müdigkeit, großer Durst und Hautentzündungen können Hinweise sein. Arne Krüger hat mit Kerstin Wellner-Wielowiejski die Diabetologische Schwerpunktpraxis eröffnet. Er sei froh, die Patienten an die Spezialistin weiterleiten zu können. Auch Ärzte aus der Umgebung weisen Diabetes-Patienten der Schwerpunktpraxis zu. „Sie gehen anschließend wieder zurück zu ihren Hausärzten“, erklärt Wellner-Wielowiejski.

Schulungen in der Praxis

Die Behandlung ist umfangreich. Denn nicht nur Diagnostik und Therapie gehören dazu, die Betroffenen müssen lernen, mit der Erkrankung umzugehen. Sie werden quasi zu Experten in eigener Sache. Dafür organisiert Ernährungs- und Diabetesberaterin Merve Cevik (24) in der Praxis Schulungen. Es geht um Ernährung, Insulintherapie oder praktische Tipps für den Alltag. Weil Merve Cevik türkische Wurzeln hat, kann sie „kultursensibel“, wie sie es nennt, auch auf die Ernährung von Patienten mit Migrationshintergrund eingehen.

Gewohnheiten zu verändern, ist nicht leicht, weiß sie. „Wir versuchen, den Patienten die Last zu nehmen. Sie müssen nicht ihr ganzes Leben umkrempeln, aber ein paar Dinge ändern“, erklärt Kerstin Wellner-Wielowiejski. Im April wird eine weitere Ernährungsberaterin in der Praxis beginnen.

Informationen nutzt auch Christopher Reinarzt. Der Abteilungsleiter eines Fuhrparks hat über seine Krankheit viel gelesen. Als er aus der Klinik kam und erstmals selbst verantwortlich war, „war das die pure Belastung.“ Die Zeichen des Körpers richtig deuten, die Werte im Blick haben. Wann wird es gefährlich? Anfangs kam er alle drei Tage in die Praxis, inzwischen alle drei Monate.

Den Zuckerwert immer im Blick

Morgens und abends spritzt der 29-Jährige Verzögerungs-Insulin, dazu mehrfach zwischendurch in Abhängigkeit von Blutzuckerwert und geplanter Mahlzeit auch kurzwirksames Insulin. Ohne Insulin-Pen und Traubenzucker verlässt Christopher Reinartz nie das Haus. Inzwischen setzt er auf Technik. Sie erleichtert sein Leben. Ein Sensor am Arm misst über einen Fühler Glukose im Gewebe. Das Gerät überträgt die Werte auf sein Handy. So hat der Diabetiker seinen Zuckerwert immer im Blick. Ein Warnton ertönt, sollte es zu einer Über- oder Unterzuckerung kommen. Wenn Christopher Reinarzt die Daten freischaltet, kann Kerstin Wellner-Wielowiejski über eine sichere Leitung die Werte in der Praxis sehen und telefonisch beraten. Die Technik hilft Chrisopher Reinarzt auch, einfacher mobil zu sein. Vor jeder Autofahrt muss er den Blutzucker messen. „Vorher war das jedes Mal ein Pieks, jetzt schaue ich einfach aufs Handy.“

Die Diagnose trägt Christopher Reinartz auf seinem Arm.

Die Diagnose trägt Christopher Reinartz auf seinem Arm. © Quiring-Lategahn

Der Lüner hat sein Leben umgestellt und auch das Rauchen aufgegeben. „Mich gegen die Krankheit zu wehren, bringt ja nichts.“ Er habe gelernt, wie der Körper reagiere. Deshalb sei auch mal ein Bierchen abends drin. Nur an Cocktails traue er sich nicht `ran. Falls der Lüner mal in eine Notlage kommt, sind Helfer sofort im Bilde: Dort, wo der Puls kontrolliert wird, hat er sich tätowieren lassen: „Diabetes Typ 1“. Das bleibt er ein Leben lang.

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