Warum ein Verein Lünen 400.000 Euro kostet

Fragen und Antworten

Bis zu 400.000 Euro muss die Stadt Lünen für gemietete Container beim Verein BV Brambauer bis Ende 2017 zahlen. Container mit Umkleiden und Duschen, die eigentlich längst von einem Kabinenneubau abgelöst sein sollten. "Das sieht nach Fehlplanung aus", heißt es vom Bund der Steuerzahler. Wie konnte es dazu kommen?

BRAMBAUER

, 22.06.2016, 14:19 Uhr / Lesedauer: 4 min
In diesen Containern ziehen sich die Mannschaften des BV Brambauer und Gast-Teams derzeit um. Das Provisorium sollte längst einem Neubau gewichen sein.

In diesen Containern ziehen sich die Mannschaften des BV Brambauer und Gast-Teams derzeit um. Das Provisorium sollte längst einem Neubau gewichen sein.

Warum sind die Container nötig?

Bis August 2014 benutzten die Spieler des BV Brambauer Kabinen und Duschen in einem Gebäude neben der Turnhalle einer benachbarten Grundschule. Beides, sowohl Umkleiden als auch Turnhalle, sollten in einem Rutsch erneuert werden. Kostensparend gemeinsam abgerissen, sollten sie auch gemeinsam neu errichtet werden.

Seit August 2015 steht die Turnhalle der Grundschule. Vom Neubau für den Verein ist noch nichts zu sehen. Seit Abriss von Kabinen und Turnhalle ziehen sich Spieler des Vereins und Gastteams in den Containern um, duschen in Sanitärcontainern.

Was kostet das?

Im Monat kostet das rund 10.000 Euro - inklusive Miete für Elektrogeräte, Anlieferung, Wartung, Wasser und Strom. Bis Juni 2016 haben sich die Kosten auf circa 200.000 Euro summiert. 

Wer zahlt das?

Die Stadt Lünen. Zwar geht die Zentrale Gebäudebewirtschaftung Lünen (ZGL), ein Eigenbetrieb der Stadt, in Vorkasse, holt sich aber das Geld aus der Stadtkasse zurück. 

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Wie lange wird es so weitergehen?

Wahrscheinlich bis Ende 2017. Inzwischen hat der Verein seine Organisation gestrafft, Pläne für den Neubau liegen vor. Ein Bauantrag ist - Stand Juni 2016 - aber noch nicht gestellt.

Warum hat das so lange gedauert?

Die Stadt weist die Verantwortung von sich. "Wir hätten in 2015 fertig werden können", sagt Frank Knoll, Referent des Lüner Bürgermeisters. Zu Vereinsinterna beim BV Brambauer äußere man sich nicht, teilte die Stadt Lünen auf Anfrage mit. 

Dass es bei der Organisation des Neubaus im Verein Verzögerungen gab, hat offenbar drei Gründe. Sie alle liegen zeitlich im Jahr 2015:

  • Die Finanzen: Die Stadt verlangte, dass der Verein als Bauherr auftritt. Als solcher hätte der Verein ein gewisses Risiko getragen, etwa wenn der Neubau unerwartet teurer wird oder bei der Erstattung von Steuerausgaben. 45.000 Euro hätten als Steuern ausgegeben werden müssen und vom Finanzamt erstattet werden können. Garantieren kann das aber niemand. Ein Risiko, das der damalige Vorsitzende des Vereins, NRW-Sozialminister Rainer Schmeltzer, nicht eingehen wollte: Kein Vereinsvorstand könne das verantworten. 
  • Wechsel in der Vereinsführung: Am 1. Oktober 2015 wurde Rainer Schmeltzer, Lüner, BV-Brambauer-Mitglied und bis Ende Mai 2016 Vereinsvorsitzender, Minister für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW. "Da musste er sich in seine neuen Aufgaben einarbeiten, das ist ja verständlich", sagt Burkhard Trompeter. Er löste Schmeltzer Ende Mai als Vereinsvorsitzender ab, weil der NRW-Sozialminister den Vereinsaufgaben nicht mehr nachkommen konnte. Die Neubau-Pläne gerieten ins Stocken. Schmeltzer selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. 
  • Plötzlicher Todesfall: Im August 2015 starb der Zweite Vorsitzende des BV Brambauer, Jürgen Pott, plötzlich im Alter von 63 Jahren. In einem Nachruf nennt ihn der Verein einen der "engagiertesten Köpfe" im Club. "Und er leitete die Baumaßnahme", sagt Trompeter. Der Verein war erschüttert, ebenso die Pläne für den Kabinenneubau.

"Es ist aber offensichtlich, dass hier nicht im Interesse des Steuerzahlers die sparsamste und günstigste Lösung gesucht worden ist", sagt Andrea Defeld vom Bund der Steuerzahler in NRW. Auch angesichts der schwierigen Umstände des Vereins: "Die Stadt hätte mehr Druck machen müssen", sagt Defeld. Vor allem bei der schlechten Lüner Haushaltslage.

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Wie geht es nun weiter?

Die Vereinsführung musste sich vollkommen neu aufstellen. Das hat sie Ende Mai 2016 getan. Der neue Vorsitz ist gewählt, neue Pläne sind gefasst. Bis Ende 2017, vielleicht schon zu Beginn der Fußballsaison 2017/18, sollen die neuen Umkleidekabinen mitsamt eines neuen Vereinsheims stehen.

Bauherr wird nun doch der Verein selbst sein, über finanzielle Risiken habe man sich überparteilich mit der Stadtverwaltung geeinigt, hieß es bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins. Bis dahin bleiben die Container an der Glückauf-Arena, der Heimspielstätte des Vereins, stehen.

Aber wäre es da nicht günstiger, die Container zu kaufen?

Ja, wäre es, sagt ein Mitarbeiter eines Containerunternehmens aus Dortmund. Er schätzt den Kaufpreis der beim BV Brambauer stehenden Container-Anlage auf 175.000 bis 200.000 Euro, je nach Innenausstattung. Also in etwa die Summe, die die Stadt Lünen bereits für die Container gezahlt hat. Und bis 2017 wohl noch einmal zahlen wird.

"Die Verzögerungen waren so nicht absehbar", sagt Frank Knoll von der Stadt Lünen. Daher habe man sich für die Miet-Version entschieden. 

Auch jetzt ist der Kauf noch keine Option - selbst wenn bei einer groben Hochrechnung die Mietkosten noch einmal bis zu 200.000 Euro betragen. "Die ZGL ist im Austausch mit dem Verein", sagt Frank Knoll. "Solange aber keine Baupläne vorliegen, werden wir es so lassen, wie es ist." Fixe Termine gebe es noch nicht, "nur Absichtserklärungen des Vereins".

Gibt es da keine Alternative?

Nein, sagen der BV Brambauer und die Stadt Lünen. "Wir hätten den Verein im Regen stehen lassen können. Doch stattdessen haben wir in den sauren Apfel gebissen", sagt Frank Knoll von der Stadt Lünen. Auch kommt die neue Turnhalle der Grundschule - sie steht seit August 2015 - als Umkleide für die Fußballer vom BV Brambauer nicht in Frage. Ihre Ausstattung ist Grundschulkind-gerecht und somit ungeeignet für einen Sportverein.

Doch, es hätte eine Alternative gegeben, sagt der Bund der Steuerzahler: "Man hätte die Turnhalle mitsamt Umkleiden des Vereins einfach stehen lassen sollen", sagt Andrea Defeld. "Für mich sieht das nach Fehlplanung aus. Der Verein als Bauherr sollte nun Gas geben, damit die Kosten nicht unnötig steigen."

Die Turnhalle mitsamt Kabinengebäude des Vereins stehen zu lassen, bis der Kabinenneubau steht, kam auch nicht in Frage, sagt Frank Knoll von der Stadt Lünen: Die Turnhalle "strebte ihrem gebäudetechnischen Nutzungsende entgegen". Ebenso wie eine weitere Turnhalle im Stadtteil Horstmar. Beide wurden parallel abgerissen und neu in Passivhausbauweise errichtet, "Synergien nutzend und in höchstem Maße wirtschaftlich", wie Frank Knoll sagt. 

Die Kabinen des Vereins beim Abriss der Turnhalle stehen zu lassen, hätte laut Knoll zu statischen Problemen beim Umkleiden-Bau geführt. Zudem hätten die Pläne für die neue Turnhalle geändert werden müssen. Eine Alternative, die für die Stadt Lünen nicht in Frage kam - sodass sie weiterhin in den "sauren Apfel" beißt.

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