Warum wählen in diesem Lüner Wahllokal viele AfD?

Ursachensuche

17,5 Prozent der Wähler, die bei der Landtagswahl im Mai ihre Kreuze in der städtischen Kita Marktgasse im Lüner Norden gemacht haben, haben für die "Alternative für Deutschland" gestimmt. In keinem Lüner Wahllokal gab es mehr Zweitstimmen für die AfD. Woran liegt das? Eine Spurensuchen vor Ort.

LÜNEN

, 19.09.2017, 05:47 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ab "nach rechts" ging es bei der Landtagswahl im Mai im Wahllokal in der Kita Marktgasse. Hier holte die AfD mit 17,5 Prozent die meisten Zweitstimmen in der Stadt.

Ab "nach rechts" ging es bei der Landtagswahl im Mai im Wahllokal in der Kita Marktgasse. Hier holte die AfD mit 17,5 Prozent die meisten Zweitstimmen in der Stadt.

„17,5 Prozent für die AfD hier, bei uns, bei der Landtagswahl?“ Dieter überlegt kurz und sagt dann: „Das kann hinkommen.“ Der 59-Jährige wohnt quasi um die Ecke vom Wahllokal, der Kita Marktgasse. Die Zahlen überraschen ihn nicht wirklich.  

Dieter ist viel mit dem Rad unterwegs. Die Gegend hier kennt er wie seine Westentasche. Seine Eltern waren hier schon zuhause. Aber, so wie es damals war, so sei es nicht mehr. Er sei vorsichtig geworden, sagt er, in manche Ecken traue er sich zu bestimmten Uhrzeiten nicht mehr: „Das mach‘ ich nicht mehr“, sagt er entschieden.

Solche Sachen wie der brutale Überfall neulich im Seepark stimmen ihn nachdenklich. Dabei macht der Mann keinesfalls den Eindruck, ein ängstlicher Typ zu sein. Und ein Blatt vor den Mund nimmt er auch nicht.

Was sich hier in diesem Wahlbezirk ändern muss? Erst mal müsse dann „einiges von der Straße weg“, sagt er. „Integration ist das jedenfalls nicht“, findet er. Und ist sich sicher: Seit der Wahl vom Erdogan sei alles noch schlimmer geworden. „Die tragen jetzt alle wieder Kopftuch“, sagt er, „die jungen Mädels“. Er macht den Eindruck, als könne er das überhaupt nicht begreifen.

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Wir stehen auf der Lindenstraße inmitten der Barbara-Siedlung. Hier wohnt auch sein Kumpel Frank. Die beiden Männer kennen sich seit Jahrzehnten. Die Religion mache einfach viel kaputt, sagt Dieter. Überhaupt: „Kirche ist sowieso ein großer Kriegsrat“, findet er. Andererseits: „Von der Kirche hier hört man viel zu wenig“, findet Frank und klagt auch über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich.

"Bezahlt die Männer einfach vernünftig!"

„Früher waren wir doch die Alleinverdiener, wir Männer“, erinnern sich die beiden. „Da wurdest du doch gefragt, ob du nicht genug verdienst, dass deine Frau arbeiten gehen muss. Und heute wirst du gefragt, ob du reich bist, wenn deine Frau nicht arbeitet.“

Das ganze Gerede über fehlende Kita-Plätze weil alle arbeiten, stört Dieter irgendwie: „Bezahlt die Männer einfach vernünftig“, sagt er: „Ich hätte früher nicht gewollt, dass meine Kinder jemand anders erzieht,“ fügt er hinzu und radelt erst einmal zwischen den teils richtig fein gemachten Gärten der alten Zechensiedlung davon.

Viel Leerstand auf der Münsterstraße

Viele der alten Kumpel sind inzwischen nicht mehr hier, sind umgezogen oder gestorben. Die Nachbarschaft ändert sich. Insgesamt wirkt alles friedlich hier in der Siedlung, selbst BVB- und Schalke-Fahnen hängen hier einträchtig in den Nachbargärten. Ruhige kleine Straßen, der Lärm der großen Münsterstraße ist hier nicht zu hören.

Und doch ist es genau die, die nervt: „Schön isses hier nicht“, findet Frank und erinnert sich: „Früher bin ich mit meinem Vater immer hier einkaufen gegangen, da war immer was los, da waren alle unterwegs. Jetzt ist es doch so, dass man nicht weiß, was man hier auf der Straße noch soll, soviel steht leer.“

Dreck auf den Straßen

Darüber gibt‘s nichts zu diskutieren, das sieht jeder: Das Reporterauto steht auf dem Parkstreifen der Münsterstraße in Höhe des Schuhladens auf der anderen Straßenseite. Beim Aussteigen aus dem Wagen fällt der Blick als erstes auf die verdreckten Scheiben eines ehemaligen Sonnenstudios: Eine Sonnenbank hat man wohl irgendwie vergessen, sie steht noch immer in einer Ecke, erinnert an sonnigere Zeiten hier. Nebenan ist der Eingang zum benachbarten, ebenfalls, leer stehenden Ladenlokal mit Graffiti beschmiert. Tristesse pur.

Um die Ecke biegt eine Frau mit zwei Einkaufstüten in der Hand. 74 Jahre ist sie alt, und wohnt seit 26 Jahren hier. Ihr Mann ist hier groß geworden. Sie findet: „So schlimm war’s hier früher nicht.“ Sie ärgert sich über den „Dreck auf den Bürgersteigen“. Überall Unrat wie gedankenlos weggeworfene Pommes- und Dönerschachteln. Die 17,5 Prozent für die AfD beim letzen Mal überraschen auch sie nicht: „Jede Partei, die dran ist, verspricht viel vor der Wahl und hinterher passiert nichts.“ Geht sie trotzdem wählen? „Ja“.

"Die Leute wollen doch eigentlich die AfD gar nicht haben"

Das tun auch Dieter und Frank. Letzterer ist sich ziemlich sicher: „Die Leute wollen doch eigentlich die AfD gar nicht haben, die wählen die nur, um die anderen wachzurütteln." Für Kumpel Dieter ist die „Alternative für Deutschland“ persönlich allerdings keinesfalls eine am 24. September. Das stellt er klar. Sein Problem: „Die SPD kannste doch auch nicht mehr wählen“. Früher war das einfach, erinnert sich der 56-jährige Frank: „Mein Vater hat immer gesagt, Bergleute wählen die SPD, die Geschäftsleute die CDU.“ Klare Sache war das.

Heute sind Frank und Dieter groß, und stehen nun da und wissen scheinbar nicht so recht. „Wem wollen Sie noch glauben“, sinniert Frank. Aber nicht wählen zu gehen – so viel steht schon mal definitiv fest – das geht gar nicht. Dieter will sogar Wahlhelfer sein, kündigt er spontan an. „Wo muss man sich da melden?“ Bei der Stadt muss man das. Er will unbedingt dabei sein, will dafür sorgen, „dass da nicht rumgepfuscht wird“.

Einigkeit beim Thema Flüchtlinge

Für ihre Münsterstraße erhoffen sie sich dadurch nichts: „Da wird sich auch so schnell nicht ändern“, da ist sich Frank sicher. Hier hält sich keines der Geschäfte.“ Das Internet sei schuld. Frank war früher auf Zeche und ist seit 2010 im Vorruhestand. Jetzt arbeitet er nebenher an einer Tankstelle, die auch Pakete annimmt. „Was da alles ankommt“, sagt er und breitet demonstrativ die Arme aus. Kein Wunder, dass die Geschäfte leer seien.

Die politische Diskussion führt irgendwann im Laufe der halben Stunde weg von der Münsterstraße und kommt bei der großen Weltpolitik an: Es geht um die Flüchtlinge. „Scheiß Flüchtlingskrise“ sagt Dieter. Er sagt Flüchtlingskrise, nicht Flüchtlinge. Für die Menschen, die kommen, hat er Verständnis: „Ich würd‘ doch auch abhauen aus so einem Land“. Absolute Einigkeit.

Weniger allerdings beim Thema Forensik. Die und ihre Insassen werden bald Nachbar von Frank und Dieter sein. Die Pläne des Landes sind ein 1a-Reizthema in der Stadt. Für Frank nicht: „Sicherer kann man dann doch gar nicht mehr wohnen", sagt er. Davon ist Dieter nicht so überzeugt. Dann steigt er wieder auf sein Rad und radelt davon.

Die Fragen bleiben, das ist sicher – so sicher, wie Frank und Dieter seit Jahrzehnten alte Kumpel sind und bleiben.

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