Wehrenbold, Waterloo und eine verschwundene Erinnerungstafel

rnLüner in der Landwehr

Bei „Waterloo“ denken viele zuerst an den berühmten ABBA-Hit. Doch die berühmte Schlacht in Belgien hat auch etwas mit Lünen zu tun. Und mit dem Gründer der Eisenhütte Westfalia.

Lünen

, 01.11.2020, 11:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

1826 gründete Caspar Diedrich Wehrenbold (1795–1851) in Wethmar die Eisenhütte Westfalia. Da war die Schlacht von Waterloo mit der Niederlage Napoleons schon elf Jahre her.

An dieser Schlacht hatte Wehrenbold als einer von vielen „freiwilligen Jägern“ teilgenommen, als Mitglied des 1. Westfälischen Landwehr-Infanterie-Regiments, das Ende 1813 in der ehemaligen Grafschaft Mark aufgestellt worden war. „Das Regiment war Teil der preußischen Vorhut, die 1815 auf die Armee des zurückgekehrten Kaisers der Franzosen traf. Die Westfalen erlebten mit Blücher die Niederlage bei Ligny und bei Waterloo besiegelten sie gemeinsam mit Wellingtons Armee das Schicksal Napoleons“, erzählt Dr. Dirk Ziesing.

Dr. Dirk Ziesing schrieb vier Bücher über die vier Westfälischen Infanterie-Regimenter. In Band 1 und 4 geht es auch um Lüner.

Dr. Dirk Ziesing schrieb vier Bücher über die vier Westfälischen Infanterie-Regimenter. In Band 1 und 4 geht es auch um Lüner. © Ziesing

Hauptberuflich Ingenieur, interessiert sich der gebürtige Hammer schon lange für historische Themen. Nach langen aufwändigen Recherchen schrieb er inzwischen schon vier Bücher über die westfälische Landwehr, vor allem, um an die Opfer dieser kriegerischen Zeiten zu erinnern.

Ziesing schildert die Einzelschicksale zahlreicher Kriegsteilnehmer. „Dabei spannt sich der Bogen von bekannten Familien des Adels sowie der Beamten- und Kaufmannschaft bis hin zu den Söhnen einfacher Bauern, Handwerker und Tagelöhner,“ so der Autor, der seit vielen Jahren als Historiker und Sachverständiger in der Militärgeschichte und der Waffentechnik tätig ist.

Im ersten und vierten Band findet man Menschen aus Lünen, die an den Schlachten teilgenommen haben.

So sieht die Tafel mit den Lüner Veteranen des Infanterie-Regiments aus, die mittlerweile verschwunden ist.

So sieht die Tafel mit den Lüner Veteranen des Infanterie-Regiments aus, die mittlerweile verschwunden ist. © Archiv Ziesing

Es gab dazu in Lünen auch eine Besonderheit, die leider verschwunden ist: Eine Gedenktafel mit den Namen von 27 Kriegsteilnehmern, die in die Heimat zurückkehrten und dort eines natürlichen Todes starben. Auch Wehrenbolds Name stand auf dieser Veteranentafel.

Im Kirchturm der Stadtkirche St. Georg schlummerte die Erinnerungstafel an die Waterloo-Veteranen im Dornröschenschlaf.

Im Kirchturm der Stadtkirche St. Georg schlummerte die Erinnerungstafel an die Waterloo-Veteranen im Dornröschenschlaf. © Blaszczyk (A)

Als die Preußen neue Truppen gegen den Franzosenkaiser Napoleon brauchten, formierten sie die Landwehr, die zum Teil sogar unbewaffnet losmarschierte. „Die Engländer mussten erst Gewehre liefern, und die Landwehr musste dann lernen, damit umzugehen“, so Ziesing. Der freiwillige Jäger Wehrenbold brachte aber wahrscheinlich seine eigene Büchse mit. Sein Vater war Gastwirt und Bäcker und konnte es sich leisten, den Sohn entsprechend auszurüsten.

Liste aller Männer erstellen

Die Rolle der Westfalen in der Schlacht von Waterloo sei leider zwei Jahrhunderte lang heruntergespielt worden, so der Autor. Dabei musste jeder Bürgermeister in Westfalen eine Liste der wehrpflichtigen Männer zwischen 17 und 40 Jahren erstellen. Ziesing: „Es gab Quoten für die einzelnen Orte, wie viele Männer sie für die Landwehr abstellen mussten.“ Gab es nicht genug Freiwillige, wurde ausgelost, wer für die Preußen zur Waffe greifen musste. Diese Listen sind heute kaum noch auffindbar, so Ziesings Erfahrung. „Auch im Lüner Stadtarchiv gibt es sie leider nicht.“

Die Ausgelosten hatten in der Landwehr den schlechtesten Stand. Die Freiwilligen bekamen einen Streifen auf den Ärmel der Uniform genäht und waren besser angesehen. Noch besser ging es den freiwilligen Jägern, die schon mit Waffen umgehen konnten, und ihr eigenes Gewehr und, nach Möglichkeit auch die komplette Ausrüstung, mitbringen mussten. Wer überlebte, hatte beruflich ausgesorgt, mit dem Anrecht auf eine Stelle im öffentlichen Dienst – vorausgesetzt, er konnte lesen und schreiben. Ansonsten gab es noch Posten wie den des Regierungsofenheizers in Münster.

Nachdem 1813 der preußische König verfügt hatte, dass jeder Gefallene ein Anrecht auf eine Inschrift auf einer Tafel in seiner Taufkirche erhielt, gab es in der Stadtkirche St. Georg eine Tafel für den gefallenen Protestanten Heinrich Wilhelm Freudenthal, geboren 1793, und in der St. Marien-Kirche eine für einen gefallenen Lüner Katholiken namens Johann Heinrich Gründken, Jahrgang 1788. Beide Tafeln existieren leider auch nicht mehr. Von der Tafel in St. Marien liegt noch die Rechnung vor. Sie kostete 7 Taler und 16 Groschen.

Die Bücher, in denen es um die Lüner geht, erschienen im agenda Verlag Münster:
  • Mit Gott für König und Vaterland - Geschichte des 1. Westfälischen Landwehr-Infanterie-Regiments 1813-1815, 390 Seiten, 29,80 Euro, ISBN: 978-3-89688-534-0 erschienen 2015
  • Das Münsterländer Landwehr-Infanterie-Regiment (4. Westfälisches) in den Befreiungskriegen 1813-1815, 406 Seiten, 29,80 Euro, ISBN: 973-3-89688-639-2, erschienen 2019
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