Wenn keiner sieht, wie schlecht es MS-Kranken wirklich geht

Welt-MS-Tag in Lünen

Michael Sichmann (52) hat Multiple Sklerose. Die Symptome der Krankheit sind unberechenbar und oft unsichtbar. Gerade das ist ein Problem, nicht nur für ihn.

Lünen

, 23.05.2019, 16:50 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wenn keiner sieht, wie schlecht es MS-Kranken wirklich geht

Multiple Sklerose ist eine Krankheit, die man Betroffenen nicht unbedingt ansieht. Das macht es so schwierig, weil sich Erkrankte immer rechtfertigen müssen, sagen (v.l.) Nicole Witkowski (44), Sebastian Kurz (43) und Michael Sichmann (52). © Quiring-Lategahn

„Du siehst doch aus wie das blühende Leben“, hört Michael Sichmann. Dabei fühlt er sich schlecht. Vor 30 Jahren bekam er Multiple Sklerose. Das ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, bei der Gehirn und Rückenmark betroffen sein können. „Die Diagnose zieht einem die Schuhe aus.“

Nur noch zehn Prozent Sehkraft

Es begann mit einem Kribbeln in der rechten Hand, plötzlich hatte er nur noch 10 Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge. Die Krankheit verlief in Schüben. Mit 34 Jahren wurde Michael Sichmann Rentner. Arbeiten war nicht mehr möglich. Es ist das Auf und Ab der Krankheit, mit dem er leben muss. „Abends weißt du nicht, wie du dich morgens fühlst.“

Für Außenstehende sei schwer zu verstehen, mit welchen Einschränkungen und Belastungen MS-Kranke kämpfen. Nach außen führen sie oft ein normales Leben. „Man wird abgeurteilt und muss sich immer rechtfertigen“, beschreibt Sichmann.

Veranstaltung im Hotel am Stadtpark

Diese Problematik ist Thema des Welt-MS-Tages, zu dessen Auftaktveranstaltung die Deutsche Multiple Sklerose Stiftung NRW für Samstag, 25. Mai, ab 14.30 Uhr in das Hotel am Stadtpark, Kurt-Schumacher-Straße 43, einlädt: „Keiner sieht`s. Eine (r) spürt`s: Multiple Sklerose - vieles ist unsichtbar“, heißt es.

Die Moderation der Veranstaltung, bei der auch Michael Sichmann als Sprecher der Selbsthilfegruppe MS vertreten ist, übernimmt Wolfram Kuschke, Staatsminister a.D. und Vorstandsmitglied der Stiftung.

Dr. Iris Adelt, Chefärztin der Neurologie des Katholischen Klinikums Lünen, wird über die unsichtbaren Symptome referieren. Dr. Muhterem Erinola, Leitender Oberarzt der Neurologie und Leiter des MS-Schwerpunktzentrums, ist Ansprechpartner auch für türkischsprachige MS-Erkrankte.

Gegen die Erschöpfung kann Schlaf nicht helfen

„Der Slogan trifft auf 80 bis 90 Prozent der Erkrankten zu“, sagt Michael Sichmann. Dr. Sabine Schipper, Psychologin und Geschäftsführerin der Deutschen Multiple Sklerose Stiftung NRW, erklärt: „75 Prozent der MS-Kranken leiden unter Erschöpfung.“ Bisher sei noch kein Mittel dagegen gefunden worden, auch schlafen helfe nicht. Mediziner nennen das Symptom Fatigue.

Multiple Sklerose werde auch als „Chamäleon der Neurologie“ bezeichnet, so Dr. Iris Adelt. Sie sei eine Krankheit mit bunten Farben und unterschiedlichen Symptomen, die wechseln können. „Manchmal dauert es Jahre, bis die Erkrankung ernst genommen wird.“

Das hat Nicole Witkowski (44) erlebt. Erst nach elf Jahren stand die Diagnose fest. „Da war ich fast erleichtert, kein Simulant zu sein.“ Sie hatte Sehstörungen und Schwindel. Es hieß, das sei Stress. Dann wurden Bein und Fuß taub. Das wurde auf einen Bandscheibenvorfall zurückgeführt. Inzwischen hat Nicole Witkowski wieder laufen gelernt. Ihr Rollator steht im Keller.

Medikamente halten Fortschreiten auf

Nicht jeder MS-Patient müsse behandelt werden, erklärt Erinola. Doch wenn, dann sei eine zeitnahe Therapie sinnvoll. Diese könne die Krankheit nicht stoppen, aber das Fortschreiten aufhalten. Während es früher lediglich zwei MS-Medikamente gab, stünden heute 16 Präparate zur Verfügung. „Wir können die Therapie an die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen“, so Erinola. 710 Patienten stehen im MS-Register des Lüner Klinikums.

Information

Treffen der MS-Kontaktgruppe

Die MS-Kontaktgruppe, Mitglied der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, trifft sich an jedem 1. und 3. Samstag im Monat von 11 bis 13 Uhr im Gesundheitshaus, Roggenmarkt 18.

Seit vier Jahren sitzt Sebastian Kurz (43) im Rollstuhl. Damals musste er seinen Beruf als Leiter einer Rezeption in einem Jugendgästehaus aufgeben. Bei ihm fing die Krankheit mit Gangstörung und Zittern an. „Wie bei einem Entzug.“ Inzwischen hat er viele Betroffene kennengelernt. Auch in der Selbsthilfegruppe. „Wir wollen Menschen die Angst nehmen“, erklärt Michael Sichmann.

„Keiner sieht`s. Eine(r) spürt`s: Multiple Sklerose – Vieles ist unsichtbar“ lautet das Thema der Auftaktveranstaltung der Deutschen Multiple Sklerose Stiftung NRW am Samstag, 25. Mai, ab 14.30 Uhr im Hotel am Stadtpark, Kurt-Schumacher-Straße 43. Neurologe Dr. Dieter Pöhlau und Landrat Michael Makiolla werden die Veranstaltung um 15.30 Uhr eröffnen. Anschließend referiert Dr. Iris Adelt, Chefärztin der Neurologie des Katholischen Klinikums Lünen über unsichtbare Symptome der MS aus medizinischer Sicht. Wie sich das aus sozialer Sicht darstellt, erläutern Hannah Lobert und Beatrice Michalsen. Die psychologische Sicht erklärt Dr. Sabine Schipper. Unter Leitung von Wolfram Kuschke, Staatsminister a.D. gibt es anschließend eine Podiumsdiskussion, an der sich auch Dr. Muhterem Erinola, Leitender Oberarzt der Neurologie des Klinikums Lünen und Leiter des MS-Schwerpunktzentrums, beteiligt.
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