Wenn Lesenlernen das Selbstbewusstsein stärkt

Alphabetisierung an der VHS

Wie werden aus Buchstaben Wörter? Schon als Kind verstand Lisa das nicht. Den Lehrern fiel das zunächst nicht auf. Erst als Erwachsene lernte die heute 55-Jährige aus Lünen dann Lesen und Schreiben gelernt. Ein großer Schritt für das Selbstbewusstsein der Lünerin, die anderen Betroffenen Mut machen will.

LÜNEN

, 08.09.2016, 05:48 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wenn Lesenlernen das Selbstbewusstsein stärkt

Lisa ist 55 Jahre alt. Erst vor 30 Jahren hat sie den Schritt gewagt, an der VHS doch Lesen und Schreiben zu lernen. Als Kind war sie in der Schule schlicht durchs Raster gefallen.

Wenn das Entziffern eines Plakats Probleme bereitet, man auf Bilder angewiesen ist, um im Supermarkt das Richtige zu kaufen oder man sich immer wieder Ausreden einfallen lassen muss, wenn es um Formulare geht – dann gehört man zu den fast 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die Probleme mit Lesen und Schreiben haben.

Lisa ist einer von diesen Menschen. Ihren richtigen Namen möchte sie lieber für sich behalten. Lisa kommt jeden Montag zum Kurs „Lesen und Schreiben 2“ in die Volkshochschule (VHS). Und das seit ungefähr 30 Jahren. Ihre zwei Jahre ältere Schwester hatte das Angebot in der Zeitung gefunden und war mit Lisa zur VHS gegangen. Heute ist Lisa 55 Jahre alt und die wohl „dienstälteste“ Teilnehmerin.

Verständnis für die Schicksale

Der Kurs ist wichtig für sie. Nicht nur, weil sie im Laufe der Jahre viel gelernt hat. Auch weil sie dort Menschen trifft, denen es ähnlich geht wie ihr. Da muss sich niemand schämen, da gibt es viel Verständnis für die jeweiligen Schicksale, die verhinderten, dass die Teilnehmer richtig lesen und schreiben lernten.

Als ihre Schwester mit Lisa zur VHS kam, war es mit dem Selbstbewusstsein der damals 25-Jährigen nicht weit her. Weil sie nicht lesen und schreiben konnte, wie andere Leute. „Ich hab es nicht vermisst, ein Buch zu lesen, weil ich das auch gar nicht so kannte.“ Und heute – da ist sie viel selbstbewusster, weil sie einiges gelernt hat und das auch anwendet im täglichen Leben.

Durchs Raster gefallen

Wie kam es eigentlich, dass die Anfang der 60er-Jahre geborene Frau nicht wie die meisten ihrer Altersgenossen lesen und schreiben lernte? „Ich habe in der Schule einfach nicht verstanden, wie das mit dem Buchstaben zusammen ziehen funktioniert, damit aus den Buchstaben Wörter werden. Und mich dann immer gefragt, wann lernen wir denn lesen?“, erinnert sich Lisa. Bei den vielen Kindern in der Klasse fiel sie einfach durchs Raster. Dann zog die Familie um. In der neuen Schule sollte sie die 3. Klasse wiederholen, dann schickten die Eltern sie zu einer damals „Sonderschule“ genannten Einrichtung. „Ich hab nur behalten, was der Lehrer erzählt hat, alles andere konnte ich ja nicht lesen.“

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Irgendwie kam sie durch die Schulzeit und danach hat sich Lisa durchgeschlagen, auch ohne richtig Lesen und Schreiben zu können. „Man hat viel vermieden und wenn ich beim Arbeitsamt ein Formular ausfüllen sollte, dann hab ich es immer mit nach Hause genommen und meine Schwester hat es dann ausgefüllt.“

Kinderbücher aus der Stadtbücherei

Beim ersten Besuch des VHS-Angebots war es für Lisa „schon komisch, aber dann habe ich gemerkt, dass es den Anderen hier ja genauso geht.“ Das Schreiben funktioniert immer noch nicht so richtig gut, meint sie selbstkritisch. Aber sie kann lesen, holt sich mittlerweile auch Lektüre von der Stadtbücherei. „Es sind zwar Kinderbücher, aber es macht mir Spaß, sie zu lesen.“ Seit zwei, drei Jahren traut sich Lisa das Bücherlesen zu. Und als Belohnung gab es von der Gruppe zum Geburtstag ein dickes Märchenbuch. „Das hatte über 450 Seiten und ich habe es komplett durchgelesen.“

Bei der Frage, ob sie stolz auf diese Leistung ist, kommt Lisa ins Grübeln. „Stolz würde ich nicht sagen. Aber es ist gut für mein Selbstbewusstsein, das zu können.“ Ihre Schwester, die mittlerweile gestorben ist, hat noch mitbekommen, dass Lisa so einiges geschafft hat. „Ich habe es nicht bereut, dass sie mich damals zur VHS gebracht hat.“

Betroffene sollen sich trauen

Auch wenn sie sich gut mit den anderen Teilnehmern versteht, die wie sie jeden Montag vier abwechslungsreiche „Schulstunden“ mit Dozentin Eva Schönholz verbringen – außerhalb des Kurses trifft sie sich nicht mit ihnen. „Ich kenne aber einige Teilnehmer, die sich auch in ihrer Freizeit treffen und etwas gemeinsam unternehmen“, so Kursleiterin Eva Schönholz.

Lisa freut sich, dass sie durchgehalten hat: „Dieses ,zum Kurs gehen`, ist schon eine Leistung, andere haben auch schon mal schnell wieder aufgehört.“ Und sie will anderen Betroffenen Mut machen, sich auch zu trauen: „Wir würden uns über neue Leute freuen."

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