Wie Lehrer mit Gewalt an Schulen umgehen

rnNach der Bluttat an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule

Gewaltexzesse an Schulen kamen in der Vergangenheit bundesweit immer wieder vor. Seit der Bluttat an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule im Januar dieses Jahres und weiteren öffentlich bekannt gewordenen Messerstechereien unter Schülern hat das Thema Gewaltprävention Fahrt aufgenommen. Wir haben an Lüner Schulen nachgefagt, wie dort mit Gewalt umgegangen wird.

Lünen

, 18.06.2018, 16:27 Uhr / Lesedauer: 6 min

Im März 2006 wird die Rütli-Hauptschule im Berliner Stadtteil Neukölln bundesweit bekannt: Das Lehrerkollegium bittet in einem Brief an die Berliner Senatsverwaltung für Bildung um die Auflösung der Schule. Die Lehrerschaft ist mit ihrem Latein am Ende. Sie kann der Gewaltbereitschaft der Schüler nichts mehr entgegensetzen. Es gibt Schlägereien unter den Schülern, Türen werden eingetreten, Knaller im Unterricht gezündet. Vor allem aber ist das aggressive Verhalten gegenüber den Lehrkräften nicht mehr tragbar. Lehrer und Lehrerinnen werden mit Gegenständen beworfen oder einfach ignoriert.

Nach dem schriftlichen Hilferuf wird die Schule unter Polizeischutz gestellt. Damit sollen weitere Ausschreitungen seitens der Schüler verhindert werden. Die Schließung der Schule lehnt die Behörde ab. Die Hauptschule erhält jedoch einen neuen kommissarischen Direktor, zwei Schulpsychologen und drei Sozialarbeiter. Einer davon spricht Arabisch, einer türkisch. Mit diesen und weiteren Maßnahmen bekommt die Rütli-Schule noch einmal die Kurve. Es entsteht das „Campus Rütli“ für 32 Millionen Euro. Aus der Problemschule wird eine angesehene Schule mit guter öffentlicher Reputation.

Lüner Realschulleiter erinnert sich

Vermutlich ist die Rütli-Schule zu diesem Zeitpunkt kein Einzelfall. Sie ist wohl nur die erste, die ihr Problem öffentlich macht. An den Brandbrief und das bundesweit große mediale Interesse an diesem Fall erinnert sich Michael Schulten noch sehr gut. Schulten ist damals gerade ein halbes Jahr Leiter der Hauptschule Lützzowstraße in Dortmund. Seit 2013 ist er Chef der Realschule Brambauer.

Im Gespräch mit der überregionalen Tageszeitung „Die Welt“ erklärt Hauptschulleiter-Schulten damals, dass die Vorfälle in Berlin ein Ausnahmefall sind: „Aber auch wir haben Probleme mit Gewalt. Es ist schon ein Erfolg, wenn es nicht schlimmer wird.“ Die 35 Lehrer seien täglich darum bemüht, Aggressionen unter den 450 Schülern abzubauen, Probleme mit Messern gebe es selten.

Etwa 80 Prozent der Schüler stammen aus Zuwandererfamilien, überwiegend Türken besuchen die Schule im Dortmunder Norden. Aber im Grunde hätten alle, Deutsche wie Ausländer die gleichen Probleme, sagt Schulten vor 12 Jahren: „Brüchige Familienstrukturen“.

“Hauptschule war echter sozialer Brennpunkt“

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt der heutige Realschul-Leiter Schulten, dass „die Zeiten damals anders waren und die Hauptschule Lützzowstraße ein echter sozialer Brennpunkt“. Im Gegensatz zu seiner jetzigen Wirkungsstätte, der Realschule Brambauer?

Natürlich gebe es dort hin und wieder Rangeleien unter Schülern, aber von Gewalt wolle er nicht sprechen, sagt Schulten. Das sei auch eine Frage der Schulform und des sozialen Umfelds. „Bei uns wird Gewaltlosigkeit groß geschrieben, das bekommen unsere Schüler von Anfang an vermittelt. Eigentlich läuft bei uns alles ganz gut.“ Trotzdem flog 2017 ein Schüler von der Realschule Brambauer. Warum? Das sagt Schulten nicht. Er wünscht sich vielmehr, dass die Eltern mehr Verantwortung übernehmen: „Wir müssen die Eltern oft beraten und unbequeme Wahrheiten aussprechen.“

Im Januar dieses Jahres sorgt wieder ein Brief einer Schulleitung für bundesweite Schlagzeilen: Adressiert ist das Schreiben vom Diestag, 16. Januar, an „die Eltern der Klassen 5 bis 10“ der Profilschule Lünen in Brambauer:

Wie Lehrer mit Gewalt an Schulen umgehen

© Repro Storks

Unterschrieben ist der Elternbrief von Profilschul-Leiter Michael Schulte – nicht zu verwechseln mit dem nur ein paar Hundert Meter entfernt lehrenden Ex-Hauptschul-Chef und heutigen Realschul-Leiter Michael Schulten.

Bluttat an Käthe-Kollwitz-Gesamtschule

Das Schreiben kursiert bereits mehrere Tage in den sozialen Netzwerken, ohne dass es besondere Aufmerksamkeit erfährt. Das ändert sich schlagartig am 23. Januar 2018. An diesem Dienstagvormittag geschieht an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen eine schreckliche Tat. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft Dortmund greift ein 15-jähriger Schüler einen 14-jährigen Mitschüler auf dem Schulgelände an und tötet ihn mit Messerstichen in den Hals; weil er sich durch Blicke seines Mitschülers provoziert fühlt. Aus ganz Deutschland reisen Medienvertreter nach Lünen an, um darüber zu berichten.

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„Der Brief hätte vermutlich nicht solche Beachtung gefunden, wenn das nicht passiert wäre“, sagt Schulleiter Michael Schulte: „Wir wollten die Eltern sensibilisieren, auf ihre Kinder zu achten. Der Brief sollte eine präventive Wirkung haben.“ Enttäuscht ist der erfahrene Lehrer, dass es von den Eltern „überhaupt keine Reaktion gab“.

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So einen Brief schreibt man doch nicht ohne Grund, oder? „Anlass war ein Vorfall in einer Pause. Da kam es zu einer Bedrohungssituation zwischen zwei Schülern. Da hat einer von beiden ein Messer rausgeholt und damit rumgefuchtelt. Passiert ist nichts“, antwortet Schulte. Die Schule habe sofort die Polizei eingeschaltet, „die hat sich den Jungen im Rahmen einer Gefährdungsansprache vorgeknöpft“. Daneben habe es eine schulische Ordnungsmaßnahme gesetzt, in diesem Fall die Androhung des Schulverweises. Geregelt ist das in § 53 des Schulgesetzes NRW.

Etwas Neues seien Waffen an Schulen aber nicht, betont Michael Schulte. „Schon vor 15 Jahren an meiner ersten Schule haben Schüler mal ein Messer mitgebracht. Das, was an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule passiert ist, war ein Einzelfall.“ Ein Einzelfall, von dem es in den Jahren 2002 bis Anfang dieses Jahres gleiche mehrere gab (siehe interaktive Zeitleiste unten).

Polizei warnt Eltern und Schüler vor Messergewalt

Wenige Wochen nach der Lüner Tat und einem Vorfall in Dortmund, bei dem eine 16-Jährige in einem Parkhaus ein 15-jähriges Mädchen mit einem Messer ersticht, reagiert auch das für Lünen zuständige Polizeipräsidium Dortmund:

Am 22. März veröffentlicht die Pressestelle der Polizei einen Brief an alle Eltern von Dortmunder und Lüner Schülern, in dem sie vor Messergewalt warnt. In dem Schreiben heißt es unter anderem:

„Allein die Anwesenheit von Waffen kann Situationen eskalieren lassen, wie wir es bei den schrecklichen Vorfällen Anfang des Jahres gesehen haben. Es kann dazu führen, dass sich Personen aus gefährlichen Situationen nicht zurückziehen, sondern ihre Angreifer attackieren. Aus vermeintlichem Selbstschutz werden so Opfer oft ungeplant zu Tätern.

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Daher bittet die Dortmunder Polizei die Eltern darum, mit ihren Kindern über diese Sorgen und Ängste zu sprechen. Messer und Waffen sind kein adäquates Mittel zum Selbstschutz! Zeigen Sie ihnen Verhaltensalternativen auf, damit brenzlige Situationen nicht eskalieren. Es gibt keinen Grund Waffen mitzuführen, weder in der Schule noch in der Freizeit!“

Am 17. April teilt die Polizei dann mit, dass die Zahl der Körperverletzungen an Dortmunder Schulen von 128 im Jahr 2016 um 34 auf 162 (2017) gestiegen ist. Auch die Zahl der Raubdelikte steigt in dem Zeitraum von 5 auf 11.

An Lüner Schulen ist die Zahl der Straftaten von 108 (2016) auf 76 (2017) gesunken. Das sind 32 weniger. Die Zahl der Körperverletzungen sei nahezu stabil geblieben, sagt ein Polizeisprecher: „2016 hatten wir 17 Körperverletzungen, 2017 waren es 18.“ Im Gespräch mit unserer Redaktion legt der Polizeisprecher Wert darauf, dass „die Straftaten nicht zwangsläufig während der Schulzeit passieren“.

Aktuelle Polizeistatistik zum „Tatort Schule“

Die Statistik erfasse, sagt der Polizeisprecher weiter, „alle Delikte rund um den ‚Tatort Schule‘. Also auch dann, wenn Jugendliche am Wochenende auf dem Schulhofgelände verbotenerweise feiern“.

„Ich kann nicht feststellen, dass die körperliche Gewalt zugenommen hat, auch wenn der Ton insgesamt rauer geworden ist“, sagt dazu Profilschul-Chef Michael Schulte: „Rangeleien unter Jungs gab es schon immer. Heftige Auseinandersetzungen sind absolute Einzelfälle.“ Um diese zu verhindern, werde an seiner Schule Gewaltprävention ganz groß geschrieben – und, wo es nur geht, gleich im Keim erstickt. Dabei wird das Lehrerkollegium der Gemeinschaftshauptschule von zwei Schulsozialarbeitern unterstützt.

Eines ist Schulte aber auch klar. „Alleine können wir das hier nicht schaffen. Wir würden uns eine engere Zusammenarbeit mit den Eltern wünschen. Dass sie die Kraft zur Erziehung haben und ihren Kindern auch mal das Smartphone wegnehmen.“ Den Eltern, sagt Schulte, müsse doch klar sein, dass sie am Ende die Konsequenzen für das Handeln ihrer Kinder tragen.

Dass „Eltern oft hilflos“ sind und sich „allzuoft auf die Schule verlassen“, bestätigt Ulrike Kleber. Immer wieder, sagt die Leiterin der Heinrich-Bußmann Schule, sei von den Eltern zu hören: „Auf mich hört der doch nicht, der steht einfach nicht auf, können sie den nicht zur Schule holen?“ Wenn die Schule den Eltern empfehle, dem Kind für eine gewisse Zeit, und sei es auch noch für ein paar Stunden, mal das Handy wegzunehmen, sagt Kleber, heißt es dann meistens: „Wissen Sie, was hier los ist, wenn ich das mache?“ Ulrike Kleber weiß das sehr gut. Am Handyverbot während der Unterrichtszeit ändert das aber nichts.

Zwei Schulverweise ausgesprochen

Kleber nennt die Dinge beim Namen. Deshalb macht sie keinen Hehl daraus, dass im vergangenen Jahr zwei Schüler nach Rücksprache mit der Schulaufsicht in Unna von der Hauptschule flogen. Einmal habe ein Schüler versucht, Drogen zu verkaufen, einmal sei eine Schülerin massiv unter Druck gesetzt und erpresst worden. „Wobei Schulverweise immer das letzte Mittel sind und es vorher zahlreiche Gespräche mit Eltern und Schülern gab, und andere Ordnungsmaßnahmen nach dem Schulgesetz erfolglos waren.“ Unabhängig davon unterschreibt jeder Schüler, wenn er an der Schule startet, einen Gewaltverzichts-Vertrag:

Wie Lehrer mit Gewalt an Schulen umgehen

© Repro Storks

Tatkräftig unterstützt in ihrer täglichen Arbeit wird die Schulleiterin und das Lehrerkollegium von zwei Schulsozialarbeitern. Einer davon ist Markus Rüth, seit 2003 an der Bußmann-Schule tätig. Der Schulsozialarbeiter sagt, dass die Schüler nicht mehr so belastbar seien und es ihnen schwer falle, Konflikte auszuhalten und eigenständig zu klären. „Da kommt dann auch Gewalt ins Spiel, wobei es sich meist um Rangeleien handelt. Das größte Problem ist die mangelnde Empathie für den anderen.“

Schüler berichten in Sprechstunden über familäre Probleme

Um den Schülern zu helfen, bieten Rüth und seine Kollegin Daniela Mitroulis den Schülern jede Woche Sprechstunden an, die, wie er sagt, auch rege genutzt werden: „Von 400 Schülern stehe ich mit 200 in Kontakt.“ Das, was er da zu hören bekomme, reiche von „der oder die ärgert mich immer“, bis hin zu „mir geht es zuhause gar nicht gut, ich werde ständig geschlagen“. In Härtefällen schaltet Rüth dann auch das Jugendamt ein. Ansonsten sucht er mit den Schülern das gemeinsame Gespräch mit deren Eltern.

Bei allen Erfolgen, welche die Schule nach eigenen Angaben im Kampf gegen Gewalt und teilweise emotionale Verwahrlosung ihrer Klientel feiert, steht für Schulleiterin Ulrike Kleber fest: „Bei aller Präventionsarbeit die sicherlich alle Schulen leisten, kann man nie sagen, was an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule stattfand, passiert hier nicht. Das kann keine Schule für sich in Anspruch nehmen.“

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