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„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

rnKlima-Aktivisten in Lünen

Gemeinsam die Politik dazu aufzufordern, Klimaziele einzuhalten, ist verhältnismäßig leicht. Selbst dazu beizutragen, umso schwerer. Sechs Lüner erzählen, was sie für ihre Zukunft tun.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 15.06.2019 / Lesedauer: 6 min

Wenn die Jugend für das Klima demonstriert, werden regelmäßig kritische Stimmen laut. Viele trauen ihr nicht zu, selbst einen Beitrag zu leisten. „Mit Smart Phone und Coffee to Go Becher zum Klimastreik. Lächerlich“, kommentierte ein Facebook-Nutzer die zweite Fridays-For-Future-Demo in Lünen.

„Aber täglich lässt sich fast jedes Kind mit den Auto zur Schule bringen ...und dann demo’s veranlassen.... unglaublich......nutzt öffentliche Verkehrsmittel“, schrieb ein anderer unter den Bericht. Und ein dritter: „Ich könnte wetten alle von den Flietzpiepen haben ein Smartphone in der Tasche, ein PC und einen Fernseher im Zimmer stehen. So geht Energie- und Ressourcen sparen nicht.“

Die Lüner Lidia, Yagmur, Jan, Ruth, Teresa und Helene fühlen sich eigentlich sehr ernst genommen. „Viele Politiker beachten uns inzwischen und wir werden auch von vielen älteren unterstützt: Lehrern, Eltern, Großeltern. Zwar haben wir Jugendlichen die Demos ins Leben gerufen, aber sie alle sind mit dabei. Das ist ein sehr schönes Gefühl“, sagt Ruth Kirschbaum.

Gemeinsam mit den anderen fünf Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehört sie zum harten Kern der Lüner Klimaaktivisten, die bereits an zwei Freitagen die Politiker im Rathaus zur Einhaltung der Klimaziele aufgefortert haben. Jetzt haben sie sich getroffen, um davon zu erzählen, was sie ganz persönlich, abseits jeder Politik, dafür tun, eine Zukunft zu haben. Einer von ihnen sagt: „Wir wollen vor allem Langlebigkeit“, die anderen nicken.

Lidia Mauerhöfer (19)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Lidia Mauerhöfer (19) © Kristina Gerstenmaier


Als Tochter ökologisch bewusster Eltern wurde Lidia, wie sie sagt, ein achtsamer Umgang mit ihrer Umwelt in die Wiege gelegt. Dabei geht es ihr vor allem darum, ein generelles Bewusstsein zu leben und weiter zu geben. Darum, dass kleinstes Verhalten große Auswirkungen haben kann. Lidia isst kein Fleisch, kauft keine neue Kleidung, pflanzt viele Blumen.

„Ich rufe mir immer ins Bewusstsein, dass die Dinge, die ich tue, auch meine Enkel betreffen“, sagt sie. „Es ist so einfach, sich zu informieren und sich gegenseitig zu bereichern. Ich glaube, es sind einfach diese ganz kleinen Dinge, die man auch weiterträgt. Zum Beispiel statt Google ecosia zu nutzen, die Bäume pflanzen, oder um Emails zu schreiben posteo, das nachhaltig ist. Außerdem leben wir in einem viel zu großen Wohlstand. Wir sollten wieder mehr back to the roots. Jeden Tag Fleisch zu essen, ist ein Luxus, den es früher nicht gab.“

Ruth Kirschbaum (15)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Ruth Kirschbaum (15) © Kristina Gerstenmaier


Ruth war die treibende Kraft, die Klimademonstrationen auch in Lünen zu organisieren. Als Schülerin am Gymnasium Altlünen ist sie gut vernetzt. Dass der Protest „global und offen für alle, eben nicht nur für Ökos oder Antikapitalisten“ ist, findet sie „wunderschön“.

„Wenn ich etwas einkaufe, denke ich immer noch einmal einen Moment darüber nach, ob ich das wirklich brauche, ich es auch weiterverwenden kann oder ich es vielleicht nicht sogar irgendwo anders her bekommen könnte“, erzählt sie. „Und ich versuche unverpackt und fair einzukaufen. Leider ist das in Lünen nicht so einfach. Um Kleidung zu kaufen fahre ich - mit dem Zug - nach Münster. Lünen ist dafür nicht optimal, aber man kann Wege finden. Ich kaufe dann eben nur zwei- bis dreimal im Jahr groß ein. Das schränkt dann auch positiv den Konsum ein. Meine Eltern haben mich dazu erzogen, bewusst zu sein.

Generell fahre ich natürlich Fahrrad und Öffis und vermeide Kurzsstreckenflüge. Das sind Sachen, die jeder weiß, sie sind eigentlich ganz einfach. Ich möchte das Bewusstsein verbreiten, dass es auch ohne Auto geht. Aber es ärgert mich, dass Auto und Flugzeug günstiger sind als der Zug. Da ist die Politik gefragt. Im Sommer fliege ich tatsächlich dieses Jahr mit meiner Familie nach Tansania. Da kommt man ja kaum anders hin. Aber wir machen einen CO2-Ausgleich und fliegen dann die nächsten drei Jahre nicht mehr. Ein Smartphone habe ich zwar auch, aber das habe ich gebraucht gekauft.

Ich glaube, man muss nicht auf einer riesigen Demo eine Rede halten und hoffen, dass man viele erreicht, sondern in seinem eigenen kleinen Umkreis ein Bewusstsein schaffen. Es ist oft so einfach und banal, nachhaltig zu sein.“

Jan Formrath (16)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Jan Formrath (16) © Kristina Gerstenmaier


Für den 16-Jährigen hat Klimaschutz viel mit Naturverbundenheit zu tun. Als Kind war er lange bei der NABU-Jungend und hat dort Bienenstöcke und Igelnester gebaut. Er sagt: „Klimaschutz hat viel mit Bildung zu tun. Ich bin meinem Biolehrer sehr dankbar dafür, dass er mir gezeigt hat, was Nachhaltigkeit ist. Zuhause im Garten habe ich sehr viele Insektenhotels und eine wilde Wiese. Die ist gut für alle Tiere. Außerdem bin ich seit neun Jahren Vegetarier. Wenn man diese Dinge in Angriff nimmt, kann man den Klimawandel vielleicht stoppen.“

Trotz seines eigenen Bemühens glaubt Jan, dass in nächster Zeit vor allem die Politik gefragt ist. Als die Entscheidung über den Welschenkamp im Lüner Rat verhandelt wurde, saß er zwar im Publikum, konnte aber nicht mehr tun, als an den richtigen Stellen laut zu klatschen.

Helene Abdinghoff (19)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Helene Abdinghoff (19) © Kristina Gerstenmaier

Ohne Schuhe an den Füßen und mit Dreadlocks auf dem Kopf sagt Helene von sich: „Rein optisch bin ich glaube ich die radikalste. Und zwar schon immer: Ich bin mit Strickwindeln und selbst gekochtem Brei aufgewachsen.“ Sie interessiert sich schon sehr lange für ökologische Themen, ist Veganerin, Mitglied der Grünen Jugend, benutzt Haarseife und Zahnputztaps („die sind frei von Mikroplastik und hinterher fühle ich mich schön“, sagt sie). Außerdem kauft sie ihre Kleidung ausschließlich Second Hand.

„Und wenn man sich dann mit der Fleischproduktion und den Plastikinseln im Meer auseinandersetzt, ist man ja fast gezwungen zu handeln. Dann habe ich festgestellt, dass sich immer mehr junge Menschen auch dafür interessieren und als dann Fridays For Future kam, war ich richtig happy.“ Sie ist der Meinung: „Natürlich kann man bei sich selber anfangen, aber man kann auch rausgehen und laut schreien und so die Politik erreichen. Außerdem glaube ich, der Punkt ist, dass die Gesellschaft, in der wir leben, durch Neid geprägt ist. Die Leute wollen immer das, was die anderen haben. Davon müssen wir weg. Gerade jetzt ist die Frage ‚brauche ich das wirklich?‘ sehr groß.“

Mit ihren bloßen Füßen möchte sie ein Zeichen setzen: „Wenn man optisch auf sich aufmerksam macht, kommt man leicht mit Leuten ins Gespräch. Über Kapitalismuskritik oder Klimaneutralität, was mir eben gerade so einfällt.“

Teresa Kleine-Fauns (22)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Teresa Kleine-Fauns (22) © Kristina Gerstenmaier


“Man kann auch auf kleine Schritte stolz sein, zum Beispiel darauf, Zahnputztaps zu benutzen. Das führt uns weg vom Kapitalismus“, sagt Teresa. Sie ernährt sich vegetarisch und hat sich lange damit beschäftigt, welches Handy sie sich zulegen soll. Für ein fair produziertes fehlte ihr das Geld, so dass sie letztlich ihr altes behielt: „ Ich habe kein Verständnis dafür, wenn man sich jedes Jahr nur wegen irgendeiner neuen Entwicklung ein neues zulegt“, sagt sie. Außerdem fragt sie sich immer, ob man die Dinge reparieren kann, statt sie wegzuschmeißen. Auch sie sagt, es seien die kleinen Dinge. Zum Beispiel lieber noch kurz bis zu Hause zu warten, wenn sie keinen Becher dabei hat, statt sich einen Coffe to go zu holen. „Warten, Innehalten, Hinterfragen, das ist mein Motto.“

In die Politik zu gehen, kann sich Teresa nicht vorstellen. „Politiker sind darauf angewiesen, gewählt zu werden. Deshalb machen sie oft keine klaren Aussagen. Ich möchte lieber außerhalb der Politik aktiv werden. Da kann ich meine eigene Meinung vertreten, bei einer Richtung bleiben und authentisch sein.“

Yagmur Tuncer (17)

„Wir wollen Langlebigkeit!“ So schützen Fridays-For-Future-Aktivisten persönlich das Klima

Yagmur Tuncer (17) © Kristina Gerstenmaier


Um zum Klimaschutz beizutragen, hat die Tochter türkischer Eltern bei sich zu Hause einiges verändert. „Früher wusste ich nichts vom Klimawandel. Meine Eltern auch nicht. Ich musste das erst mal selbst für mich entdecken“, erzählt sie. „Meiner Mutter, die eine große Tierfreundin ist, habe ich von der Schneeschmelze erzählt und dass Eisbären keinen Lebensraum mehr haben. Stundenlang haben wir gemeinsam Tierdokus geschaut. Seitdem gibt es bei uns nur noch einmal pro Woche Fleisch und das, obwohl türkische Gerichte eigentlich immer mit Fleisch sind. Meinen Vater, der immer viel zu viel eingekauft hat, so dass nicht mal mehr der Kühlschrank reichte, konnte ich davon überzeugen, nur noch das zu kaufen, was wir wirklich essen können. Und meine Schwester, die immer Kinder wollte, habe ich davon überzeugt, Angst vor morgen zu haben.“ Yagmur selbst fährt ein altes, klappriges Fahrrad. In ihrer Freizeit arbeitet sie, um sich fair gehandelte Kleidung leisten zu können. „Ich möchte meine Eltern damit nicht so sehr belasten“, sagt sie

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