Zeuge im Unfallprozess Moltkestraße widerspricht bisheriger Darstellung

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Der fatale Unfall, der vor einem Jahr auf der Moltkestraße in Lünen zwei Todesopfer forderte, beschäftigt das Amtsgericht weiter. Jetzt widerspricht ein Zeuge der bisherigen Darstellung.

von Sylvia Mönnig

Lünen

, 06.11.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor gut einem Jahr wurden eine 20-jährige Mutter und ihr kleiner Sohn bei einem Unfall auf der Molkestraße getötet. Der 21-jährige Fahrer steht seit Mitte Oktober vor Gericht.

Am dritten Verhandlungstag sollte nun eigentlich das Paar gehört werden, bei dem der Angeklagte und seine Familie vor dem Unfall zu Besuch waren und das sich offenbar in Rumänien aufhält.

Die Gastgeberin belastete ihn bei der Polizei schwer, sprach davon, dass er seine Frau geschlagen und fest am Arm gepackt habe. Die habe Angst gehabt. Ihr Mann erklärte den Beamten, er habe dem 21-Jährigen noch den Autoschlüssel weggenommen, doch der sei, wie auch immer, trotzdem mit Vollgas weggefahren. Von den beiden Zeugen fehlte trotz vierfacher Ladung jede Spur und das Gericht befand sie für „nicht erreichbar“.

Dafür erschien ein Ex-Nachbar des Paares und behauptete, er habe die Familie eigentlich heimbringen sollen. Doch nach etwa zehn Metern Fahrt habe ihn der Angeklagte aufgefordert, zu halten und auszusteigen. Das habe er getan. Der Andere sei dann weggefahren.

Einen Streit habe es, als er erschienen sei, nicht gegeben. Warum seine ehemaligen Nachbarn bei der Polizei gänzlich andere Angaben machten, konnte der 19-jähriger Lüner nicht erklären. Bei seiner Version blieb er dennoch.

“Es war so schrecklich“

Wie erschütternd die Szenerie am Unfallort gewesen sein muss, belegte die Aussage von zwei Zeugen, die vor Ort Erste Hilfe leisteten. Das Ehepaar war auf dem Heimweg und fand sich unvermutet in der Katastrophe wieder, deren Bilder offenbar nicht aus dem Kopf gehen wollen.

Die Zeugin, eine 61-Jährige aus Selm, kämpfte um Fassung und brachte es mit vier Worten auf den Punkt: „Es war so schrecklich.“ Ihr Mann (72) erinnerte sich, den unter das Lenkrad gerutschten Fahrer zunächst für tot gehalten zu haben. Auch betonte er: „Keine Kindersitze – nichts.

Gericht lehnt Gutachten ab

Mit einem ärztlichen Attest belegte der Verteidiger dann, wie sehr der Angeklagte selbst unter dem Geschehen und dem Tod von Frau und Sohn leidet. Darin war aufgeführt, dass sich der 21-Jährige sehr verändert habe und stark leide, dass unter anderem mit Schlaf- und Konzentrationsstörungen kämpfe, viel weine und grüble. Auch war von Antidepressiva die Rede.

Die Einholung eines Gutachtens zum Zustand des jungen Mannes lehnte das Gericht ab, da seine Belastung durch die Vorkommnisse als wahr unterstellt werden könne.

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Auch sah das Gericht keine Notwendigkeit, ein fachspezifisches Gutachten zu der Frage einzuholen, ob Frau und Sohn überlebt hätten, wären sie angegurtet gewesen. Es komme, so der Richter, nur auf den Unfall an, der Ursache für den Tod beider sei.

Angeklagter: Alkohol ja, Gewalt nein

Zum Hintergrund: Mitte Oktober begann die Verhandlung gegen den 21-jährigen vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts. Ihm werden fahrlässige Tötung, Straßenverkehrsgefährdung, Körperverletzung und Nötigung vorgeworfen.

Laut Anklage fuhr er am späten Abend des 26. Oktober 2019 stark alkoholisiert und mit bis zu 80 Stundenkilometer vor einen Baum. Bei der Kollision verloren seine Frau und sein kleiner Sohn ihr Leben. Sie saßen nicht angeschnallt zusammen mit der heute vierjährigen Tochter auf der Rückbank.

Zuvor soll der Angeklagte seine Frau geschlagen und mit Gewalt dazu genötigt haben, in das Auto einzusteigen. Der 21-Jährige schweigt, räumte die Alkoholisierung und das Verursachen des Unfalls allerdings über seinen Verteidiger ein. Gewalt und Nötigung stellt der für ihn indes in Abrede.

Mitte November soll das Verfahren fortgesetzt werden und könnte dann nach vier Verhandlungstagen enden.

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