Zukunft aus Schrott

Lünen Mit irrer Geschwindigkeit rasen kleinste Teile, die mal ein Fön, ein Rasierapparat oder ein Staubsauger waren, über das Transportband. Das Auge kann kaum folgen. Die Technik schon: Eine Kamera erkennt in dem Sammelsurium Reste von Leiterkarten. Die Kamera gibt das Signal an ein kleines Gebläse weiter - und schon wird das Leiterkarten-Fragment in einen Sammelcontainer gepustet.

13.07.2007, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Europas größtes und modernstes Zentrum für Elektrorecycling im Lippewerk erscheint dem Besucher wie ein Wunderwerk der Sortiertechnik. Die diversen Anlagen, verbunden durch Förderbänder, trennen die Teile nach ihren Eigenschaften: klein oder groß, leicht oder schwer, magnetisch oder nicht magnetisch. Die Kamera kann sogar Farben erkennen - und damit die Leiterplatten-Teile herausfischen.

Simples Prinzip

Ein simples Prinzip also, aber technisch höchst anspruchsvoll umgesetzt. Alles nur mit dem einen Ziel: Aus einem ausgedienten Elektrogerät so viel Material wie möglich wieder verwenden zu können.

Der Erfolg misst sich an der Recyclingquote: "Wir liegen bei 80 bis 95 Prozent", erklären Gerhard Jokic und Dirk Saerbeck, die Geschäftsführer der Remondis Elektrorecycling GmbH. Ein bisschen Stolz klingt da durch, denn die gesetzlichen Vorgaben werden übertroffen.

Aus den Leiterplatten zum Beispiel können wertvolle Metalle gewonnen werden. Kunststoff wird zu Granulat. Bildröhrenglas aus der Aufbereitungslinie für Fernseher und Monitore tritt den Weg nach Asien an. Dort gibt es noch eine nennenswerte Bildröhrenproduktion, während Europa schon ganz auf Flachbildschirme setzt.

Wenn schon jetzt vereinzelte Flachbildschirme das Recyclingzentrum im Lippewerk erreichen, werden sie zu Forschungsobjekten. "Wir untersuchen, was wir aus den Flachbildschirmgeräten machen können, denn das Glas ist ein ganz anderes", erläutert Jokic.

Berge von Elektrokleingeräten türmen sich vor den Hallen, ein Fernseher reiht sich auf den Förderbändern an den nächsten, die Zahl der Kühlschränke und Gefriertruhen scheint endlos: Es ist der Friedhof der Konsumgesellschaft. Aber alle hier sind Organspender.

Der 24. März 2006 war der entscheidende Tag: Seither können Verbraucher Altgeräte vom Rasierer bis zum Kühlschrank kostenlos an öffentlichen Wertstoffhöfen abgeben. Die Hersteller sind für Entsorgung und Verwertung verantwortlich. Sie übertragen die Aufgabe an Firmen wie Remondis.

Seit Eröffnung der Anlage im März 2006 bis Ende 2006 sind im Lippewerk schon 210 000 Elektrokühlgeräte, 230 000 Fernseher und Monitore sowie 15 000 Tonnen Elektroschrott aufbereitet worden.

Das Zentrum arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb, die Kleingeräteaufbereitung kennt gar keine Pause, läuft rund um die Uhr, auch am Wochenende. 17 Millionen Euro hat Remondis investiert, in der Spitze werden bis zu 110 Mitarbeiter beschäftigt.

Denn Maschinen erledigen längst nicht alles: Die Fernsehergehäuse müssen per Hand zerlegt, das FCKW muss aus Kühlschränken abgesaugt werden. Nur zwei von vielen manuellen Tätigkeiten.

Konjunkturbarometer

Als Konjunkturbarometer taugt so ein Recyclingzentrum übrigens auch: Als vor der Fußball-WM und vor der Mehrwertsteuererhöhung die Kauflust vor allem auf Fernseher sprunghaft stieg, haben sie es im Lippewerk sofort gemerkt.

Denn ebenso sprunghaft wuchs die Zahl der Altgeräte, die dort landeten.

Peter Fiedler

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