Zwangsversteigerung in Lünen: Besonderes Haus kommt unter den Hammer

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Drei Immobilien aus Lünen kommen noch in diesem Jahr unter den Hammer: Ein Grundstück in Wethmar ist gleich zweimal vertreten. Pendler auf der B 54 kennen es - ob als Bude oder als Bordell.

Lünen, Wethmar

, 04.10.2020, 11:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Gesetz über die Zwangsversteigerung und Zwangsverwaltung stammt aus dem Jahre 1897. Das rote Backsteinhaus Münsterstraße 199 mit kleinem Stall auf der rechten Seite und Flachdach-Anbau auf der linken ist auch nicht viel jünger. „Baujahr circa Anfang des 20. Jahrhunderts“, steht im ZVG-Portal: der öffentlich zugänglichen Internet-Plattform, auf der die Landesjustizverwaltungen seit 2007 Information über aktuelle Zwangsversteigerungsverfahren stellen. Die wechselvolle Geschichte des Hauses mit einem pikanten Detail steht dort aber nicht nachzulesen. Die kennen aber die Nachbarn.

Gläubiger wollen ihr Geld

Zwangsversteigerungen sind ganz besondere Auktionen. Sie finden gegen den Willen des jeweiligen Eigentümers statt - allerdings nicht ohne sein Dazutun. Er oder sie hatten zuvor ihre Schulden nicht gezahlt und auch nicht auf Mahnbescheide reagiert. Gläubiger, die befürchten müssen, leer auszugehen, können in solchen Fällen beim zuständigen Vollstreckungsgericht eine Zwangsversteigerung beantragen. Mit dem Erlös daraus werden dann die Schulden so weit wie möglich getilgt.

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Haus mit wechselvoller Geschichte wird versteigert

Zwangsversteigerung mal zwei: Das Grundstück 199 mit seinen Aufbauten kommt gleich doppelt unter den Hammer - sowohl das Wohnhaus als auch der Flachbau daneben. Die Nutzung war sehr abwechslungsreich - ob als Bude oder Bordell.
02.10.2020
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Das Flachdachgebäude ist wohl zur selben Zeit entstanden wie das Backsteinhaus rechts daneben: auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert. © Sylvia vom Hofe
Diese Straßenecke - Wehrenboldstraße/Münsterstraße kennen Pendlerinnen und Pendler zwischen Werne und Lünen - die Bürgerinnen und Bürger von Wethmar sowieso. © Sylvia vom Hofe
Beide Gebäudeteile stehen schon seit einiger Zeit leer. © Sylvia vom Hofe
Neben dem Wohnhaus gibt es einen kleinen Stall.© Sylvia vom Hofe
Ein Bauzaun umgibt das Grundstück.© Sylvia vom Hofe
Gutachter fanden Altlasten auf dem Grundstück. © Sylvia vom Hofe
Die Baugeschichte ist etwas konfus. Eigentlich sollten auf dem Grundstück acht Wohneinheiten realisiert werden. Es gibt nur zwei. © Sylvia vom Hofe
Ein Automat für Sex-Spielzeug gehört nicht zu dem, was unter den Hammer kommt. © Sylvia vom Hofe
Schlagworte Wohnen in Lünen

Drei Versteigerungstermine für Lüner Immobilien hat das Amtsgericht Lünen noch für dieses Jahr anberaumt. Das mehr als 100 Jahre alte Haus an der Münsterstraße (B 54) in Wethmar ist gleich zweimal auf der Liste vertreten: einmal als „Eigentumswohnung mit Einfamilienhauscharakter“ und dann noch einmal als „Teileigentum umgewandelt in eine Wohnung“. Beide Objekte befinden sich auf einem 934 Quadratmeter großen Grundstück, das seit einigen Monaten von einem Bauzaun umgeben ist. Ein eingeschmissenes Fenster im Hinterhaus zeugt davon, dass sich in der Vergangenheit ungebetene Gäste an dem zuletzt leer stehenden Gebäude zu schaffen gemacht hatten.

Flachdachbau war ursprünglich Edeka-Markt

Die Zeiten, als beides - das eigentliche Wohnhaus und der Flachdach-Anbau - noch genutzt wurden, kennt Werner Tischer noch, der ein paar Häuser weiter wohnt. Der 76-Jährige kann sich noch gut erinnern, als Junge dorthin zum Einkaufen geschickt worden zu sein. „Damals gab es hier in Wethmar zwei Geschäfte“, sagt er: den Konsum und das Geschäft Mertens, ein Edeka-Markt an der Münsterstraße 199. Auch die Postfiliale war dort irgendwann untergebracht, bevor sie umzog in die Dorfstraße, wie sich Tischer erinnert. Später diente das einstige Geschäft als Kiosk - nur ein paar Schritte entfernt von Tischers eigener Bude, die schon seine Eltern in den 1950er-Jahre gebaut hatten und die er fast 35 Jahre lang führte.

Dem Wettbewerb mit „Tischer’s Bude“, die eine so große Palette von Zeitschriften-Titeln hatte, wie sie sonst nur in Universitätsstädten zu finden war, hielt der neue Konkurrent nicht stand. 2003 schloss der Kiosk, wie im ZVG-Portal zu lesen ist. Das Haus Münsterstraße 199 erfuhr danach eine neue Nutzung, von der die Rechtspfleger nicht berichten. „Als Bordell“, sagt Tischer.

Ein Bordell nur auf den zweiten Blick

Eine Frau, die auch zu seinen Kundinnen in der Bude gehörte, habe dort ihre Dienste angeboten. Wer das nicht wusste, sei von einer Wohnnutzung ausgegangen. „Das sah alles tiptop aus“ - anders als in den letzten Jahren des Leerstandes.

Von außen ist von der wechselvollen Geschichte des Grundstücks und seiner Gebäude nichts mehr zu erkennen. Und der Automat für Sex-Spielzeug auf der Grundstücksgrenze ist nicht Gegenstand der Versteigerung. Er unterliege nicht der Beschlagnahme, wie es im ZVG-Portal heißt. Wie es von innen aussieht, muss Spekulation bleiben: Der Gutachter habe die etwa 77,2 Quadratmeter große Wohnung in dem Flachdachbau nicht betreten können, ist im Portal zu lesen. Er konnte auch nicht das unterkellerte eingeschossige Backsteinhaus daneben mit seinem ausgebauten Dachgeschoss und Satteldach besichtigen. Wohnfläche dort: circa 162,40 Quadratmeter.

Das ist der Verkehrswert der Gebäude

Wie bei jedem anderen Versteigerungsobjekt haben auch bei den beiden Objekten Münsterstraße 199 unabhängige Sachverständige mit ihrem Wertgutachten den Verkehrswert ermittelt. Das ist der Preis, der voraussichtlich im freien Verkauf erzielt werden könnte, wie die Stiftung Warentest erklärt. In diesem Fall: 55.400 Euro für den Flachbau und 119.000 Euro für das Gebäude nebst Fachwerkstall und Garage daneben.

Der Verkehrswert entspricht aber nicht dem Mindestgebot, das meist nur aus den Kosten für die Zwangsversteigerung selbst besteht, wie die Verbraucherorganisation mitteilt: So billig wechsele die Immobilie meistens nicht den Eigentümer. „Der Rechtspfleger muss den Zuschlag zum Schleuderpreis versagen.“ Das heißt, wenn das höchste Gebot nicht einmal die Hälfte des Verkehrswerts erreicht: die sogenannte 5/10-Grenze. Es gibt aber auch noch eine zweite: die 7/10-Grenze. Der Gläubiger kann beantragen, den Zuschlag zu versagen, wenn das höchste Gebot nicht mindestens 70 Prozent des Verkehrswerts erreicht. Und dann?

Am 16. November ist der Termin im Amtsgericht

„Wird der Zuschlag versagt, so ist von Amts wegen ein neuer Versteigerungstermin zu bestimmen“, heißt es unter Paragraf 74 des Gesetzes über die Zwangsversteigerung - frühestens drei Monate und höchstens sechs Monate später. Dann kann der Zuschlag ohne Mindestgrenze erfolgen: zum Schnäppchenpreis.

Ob und wann der Zuschlag über die Objekte aus Wethmar erfolgt, zeigt sich am Montag, 16. November, ab 10 Uhr im Amtsgericht Lünen. Jeweils eine Stunde Bietzeit sind angesetzt für jedes Objekt.

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