Dr. Olaf Baumhove, Ärztlicher Direktor des St.-Agnes-Hospitals. © Sven Betz
Coronavirus

Ärztlicher Direktor vom Bocholter Hospital warnt vor schlimmem Winter

Die Infektionszahlen in Deutschland steigen immer weiter. Dr. Olaf Baumhove, Ärztlicher Direktor des St.-Agnes-Hospitals Bocholt, befürchtet auch für das Westmünsterland Schlimmes.

Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), schätzt, dass es derzeit eine halbe Million Covid-Fälle in Deutschland gibt. „Ganz Deutschland ist ein einziger großer Ausbruch“, sagte er. 110 Landkreise hätten eine Inzidenz von über 500, zwölf Landkreise gar eine Inzidenz über 1000.

Der Kreis Borken mit einer Inzidenz von 202,2 scheint da völlig aus der Rolle zu fallen. Doch auch hier steigt die Zahl der Infizierten. Dr. Olaf Baumhove, Ärztlicher Direktor des St.-Agnes-Hospitals Bocholt ist alarmiert.

Das Krankenhaus ist ja gerade ziemlich voll. Überall sind auch wartende Patienten zu sehen.

Ja, wir haben gerade eine sehr hohe Belegung. Das liegt zum einen am Nachholbedarf: Patienten, die in der Corona-Zeit nicht ins Haus kamen, wollen im Herbst ihre Plan-Operation nachholen, vor Weihnachten noch ein neues Hüftgelenk haben oder Ähnliches. Hinzu kommen diejenigen, die wegen der Witterung an einer Infektion oder einer Lungenentzündung erkrankt sind. Unsere Auslastung liegt derzeit um die 90 Prozent.

Wie viele Patienten sind an Corona erkrankt und wie viele davon liegen auf der Intensivstation?

Hier in Bocholt haben wir sechs Patienten, von denen drei Patienten auf der Intensivstation liegen. Ein siebter Erkrankungsfall wird gerade abgeklärt. Vom Klinikum Westmünsterland, in dem es insgesamt 31 Corona-Patienten gibt, haben wir die niedrigste Zahl.

Was passiert, wenn es mehr werden?

Wir haben Schwellenwerte festgelegt. Es gibt jeweils vier Stufen für die Zahl der Patienten und für das Personal in unserem Krankenhaus. Wenn bestimmte Schwellen überschritten werden, können Patienten zum Beispiel schon bei der Aufnahme nach Borken oder Ahaus oder umgekehrt zu uns verlegt werden. Wir können uns lange intern unterstützen und eine gute Patientenversorgung sicherstellen.

Wie viele Corona-Patienten kann Bocholt maximal auf der Intensivstation versorgen?

Bei maximal 16 Coronapatienten ist die höchste Stufe erreicht. Bei dieser Stufe sind wir auf Unterstützung von Außen angewiesen, denn wir haben auch noch weitere Intensivkapazitäten für nicht Covid-erkrankte Patienten vorzuhalten. Hier könnten noch bis zu 18 weitere Patienten in der höchsten Aufbaustufe behandelt werden.

Wie hoch ist die Zahl der Ungeimpften unter Ihren Corona-Patienten?

Wir unterscheiden uns nicht von der Gesamtlage in Deutschland. 80 Prozent der Corona-Erkrankten auf der Intensivstation sind nicht geimpft. Es sind in erster Linie jüngere Patienten, die um die 50 Jahre alt sind. Es ist für uns eine große Belastung zu sehen, wie uneinsichtige Menschen, selbst wenn sie schwer erkrankt sind, kein Verständnis haben und die Unterstützung unseres Personals ablehnen.

Wie sieht es denn mit der Impfung von Ärzten, Pflegern und beim Service-Personal des Krankenhauses aus?

Die Impfquote liegt bei 97 Prozent. Es gibt eben auch hier einige wenige, die sich nicht impfen lassen wollen. Diese müssen sich testen lassen, um arbeiten zu dürfen. Nach den neuen Beschlüssen könnte es zu einer Impfpflicht für das Personal kommen.

RKI-Chef Lothar Wieler befürchtet einen schlimmen Winter mit täglich Hunderten von Toten in ganz Deutschland. Befürchten Sie Ähnliches für Bocholt?


Diese Befürchtung teile ich. Wir rechnen damit, dass sich das genau so entwickeln wird. Wieler sagte, dass zuletzt 0,8 Prozent der Erkrankten gestorben seien. Das bedeute, dass von den mehr als 50.000 Infizierten pro Tag in den nächsten Wochen circa 400 Patienten sterben würden. Wir betrachten dabei jeden einzelnen Menschen. Das ist sehr traumatisierend. Und in vielen Fällen geht es um vermeidbares Schicksal, wenn ein entsprechender Impfschutz vorhanden wäre.

Könnte es so weit kommen, dass auch Sie in Bocholt bei zu vielen Notfallpatienten am Ende entscheiden müssen, welchem Patienten sie das Leben retten und welchem nicht?

Ja, auch das könnte eintreten, dass wir entscheiden müssen, wer eine Intensivbehandlung erhalten kann. Für solche Fragestellungen gibt es dann klare Regeln der Fachgesellschaften. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Zunächst würden erst einmal nicht dringend notwendige Operationen verschoben. Im Moment steht der Kreis Borken noch gut da. Es gibt hier nicht diese galoppierende Steigerung der Inzidenzzahl. Ich hoffe, dass wir durch die hohe Impfquote im Kreis nicht so viele Schicksalsschläge sehen werden.

Jenseits der Grenze sind die Inzidenz-Zahlen wesentlich höher. Werden Sie bald holländische Corona-Patienten aufnehmen?

Eine solche Anfrage könnte kommen. So lange unsere Ressourcen es erlauben, werden wir das tun. Oberitalien hat ja bereits Patienten aus Bayern aufgenommen. In den Niederlanden unterscheiden sich die Inzidenzen nicht von denen in Bayern oder Sachsen.

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.