Naturschutz

Dramatischer Sturzflug: Es gibt immer weniger Kiebitze im Kreis Borken

Dass die Zahl der Kiebitze in der Region deutlich abgenommen hat, das haben Biologen schon länger gewusst. Jetzt haben sie es schwarz auf weiß, wie dezimiert die Bestände sind.

Dass die Zahl der Kiebitze im Kreis Borken in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen hat, das konnte jeder feststellen, der mit offenen Augen in der Landschaft unterwegs ist. Wie wenig es mittlerweile von den Vögeln in der Region gibt, das haben Fachleute jetzt erstmals bei einer kreisweiten Kartierung der Bestände des schwarz-weißen Wiesenvogels festgestellt. Den kannte wegen seines langsam-schwankenden Fluges und seines namensgebenden Rufes „Kiwitt“ früher jedes Kind.

Ganze 1032 Kiebitz-Reviere haben Jessica Focke und ihre 55 ehrenamtlichen Helfer dieses Frühjahr bei einer Zählung festgestellt, die zeitgleich im gesamten Kreis Borken vorgenommen wurden. Dazu war das Kreisgebiet in 700 sogenannte Minutenfelder von je zwei Quadratkilometern Fläche eingeteilt worden, aus denen ein zumeist ehrenamtlicher Helfer die dort gesichteten Kiebitze ermitteln und per App in eine digitale Karte eintragen konnte.

Kreisgebiet in „Minutenfelder“ aufgeteilt

Wie Focke, die als Biologin bei der Biologischen Station Zwillbrock arbeitet, nach der Auswertung mitteilte, habe man um den dramatischen Rückgang der Kiebitzbestände im gesamten Münsterland gewusst. So hatten Zählungen im Kreis Recklinghausen und Teilen des Kreises Coesfeld zuvor schon einen Rückgang der Reviere um rund 80 Prozent ergeben. Auch hatte man im Kreis Borken in Schutzgebieten zwischen 1988 und 2019 einen Rückgang der Kiebitzreviere von 372 auf 159 (57 Prozent) festgestellt.

Was Focke an der aktuellen kreisweiten Zählung nochmals aufschrecken lässt, ist aber nicht nur die insgesamt geringe Kiebitz-Population. Gerade einmal rund 1000 Reviere und etwa 1300 Tiere seien angesichts der Tatsache, dass es vor ein paar Jahrzehnten noch etliche jeweils mehrere hundert Exemplare starke Kolonien gab, schon wenig. Erschreckend sei auch, dass bei der jetzigen Zählung 13 Prozent der Kiebitze in den Schutzgebieten gezählt wurden. Die machen aber nur vier Prozent der Kreisfläche aus. Im Umkehrschluss heißt das für die Biologin, dass es außerhalb der Schutzgebiete gerade einmal 900 Kiebitzreviere gibt – und diese Zahl wohl weiter in einem dramatischen Tempo sinken wird.

Schutzgebiete sind Rückzugsorte

Der Kiebitz, Vogel des Jahres 1996, ist eigentlich ein Bewohner von Mooren und Feuchtgebieten. Weil es von denen schon seit langem immer weniger in der Region gibt, brüten Kiebitze mittlerweile sehr oft auf Äckern.

Das Problem: Weil die Äcker immer zeitiger im Jahr bearbeitet werden, und frühe Mahd und schnell wachsende Kulturen Äcker und Wiesen als Bruthabitat immer ungeeigneter machen, werden immer weniger Kiebitzjunge erwachsen. Die Jungvögel sind zudem gerade in den ersten Wochen auf Insekten und anderes Getier angewiesen – und davon gibt es in der Agrarlandschaft des Kreises Borken immer weniger.

Krähen sind nicht die Haupt-Fressfeinde

Maßnahmen wie „Kiebitzinseln“ auf den Äckern, bei denen Landwirte kleine Flecken für den Kiebitz frei halten, würden punktuell sicher helfen, sagt Focke. Den weiteren Sturzflug der Kiebitzbestände könne das aber wohl nicht verhindern, sagt die Biologin. Das habe vor allem damit zu tun, dass die Zahl der Jungen einfach nicht mehr die Summe erreicht, die zur Bestandserhaltung notwendig sei. Viele Jungvögel würden zudem das Opfer von Fuchs und Co, weiß die Biologin. Solche Prädatoren würden sich im Übrigen viel häufiger Jungkiebitze holen als etwa Krähen.

Fressfeinde hätten zudem in den immer kleiner werdenden Kolonien ein viel leichteres Spiel als das in den früher oft hunderte von Vögeln zählenden Kiebitzkolonien der Fall gewesen sei. Da seien die Nester einfach effektiver zu verteidigen gewesen, erklärt die Biologin, Sie fürchtet, dass der Kiebitz, der einst so etwas wie der Vogel des Westmünsterlandes war, hier bald keine Heimat mehr hat. „Das geht mir total nahe“, sagt Focke.

Der Kiebitz – Kennzeichen

  • Der Kiebitz ist etwa taubengroß (28 bis 32 cm). Durch den Kontrast zwischen schwarzer Oberseite mit grünlich schimmerndem Metallglanz und weißer Unterseite mit schwarzem Brustband sowie eine abstehende Federholle am Hinterkopf sei die Spezies unverkennbar, so der NABU. Die Kopfseite ist weißlich mit schwarzem Streif unter dem großen dunklen Auge.
  • Nahrung: Insekten und deren Larven bilden die Hauptnahrung des auffälligen Vogels. Regenwürmer, Samen und Früchte von Wiesenpflanzen, sowie Getreidekörner sind weitere Bestandteile in seinem vielseitigen Nahrungsspektrum.
  • Lebensraum: Der Kiebitz bevorzugt offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, Wiesen, Weiden und Überschwemmungsflächen. Sein Lebensraum – das Feuchtgrünland – ist in Deutschland jedoch selten geworden. Wo Grünland umgebrochen wurde, kann man den brutplatztreuen Kiebitz auch auf Äckern antreffen. Meist brütet er dort aber ohne oder nur mit geringerem Erfolg, so dass auch solche Brutplätze nach einigen Jahren verwaisen, heißt es auf der Seite des NABU.
  • Fortpflanzung: Das mit Gras ausgepolstertes Nest wird in einer Mulde am Boden angelegt. Der Legebeginn ist stark witterungsabhängig und schwankt zwischen Anfang März bis Juni. Hauptbrutzeit ist April und Mai. Das Gelege besteht meist aus 4 birnenförmigen, olivbraunen und schwärzlich gefleckten Eiern. Nach 26 bis 29 Tagen schlüpfen die Küken. Es sind Nestflüchter, die mit 35 bis 40 Tagen fliegen können und selbständig werden. Der Kiebitz hat meist nur eine Jahresbrut, bei Verlust erfolgen jedoch häufig Nachgelege.
  • Name und Verwandtschaft: Der Kiebitz (Vanellus vanellus) stammt aus der Familie der Regenpfeifer (Charadriidae), die zur Ordnung der Wat-, Möwen- und Alkenvögel gehört.