17 kreative Köpfe wohnen zusammen in einem Haus

Alternatives Wohnprojekt

Dass Wohngemeinschaften längst nicht mehr nur etwas für Studenten sind, beweist der Bochum Verein "Initiative für neues kreatives Wohnen" an der Maarbrücke. Dort leben aktuell 17 Bewohner auf über vier Etagen zusammen. Die Kunst steht im Vordergrund.

BOCHUM

von Tim Stobbe

, 24.08.2012, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wohnen an der Maarbrücke
Es braucht keinen angesehen Ruf als Künstler irgendeines Ressorts, um in dem ungewöhnlichen Wohnprojekt zu leben. Theoretisch ist jeder willkommen, sofern er bereit ist, sich darauf einzulassen und seinen Teil zur Gemeinschaft und dem Haus beizutragen. Derzeit sind jedoch alle WG-Zimmer und Appartements bewohnt. Was nicht wundert: Die Lage ist zentral und die Miete ist günstig mit rund 4,50 Euro pro Quadratmeter. Seit 1997 ist der Mietpreis unverändert – damals also vergleichsweise teuer. Dafür wird jeder Bewohner Teil dieses ungewöhnlichen Leben-Kunst-Projekts, inklusive des jährlichen Straßenfests. Das diesjährige findet am heutigen Samstag direkt vor dem Haus statt. Kinder erwartet ein buntes Programm und Erwachsene werden bei viel verschiedener Musik ebenfalls unterhalten werden.

Alternatives Wohnen ist seit Jahren auf dem Vormarsch: Wohngemeinschaften sind längst nicht mehr nur etwas für Studenten, die knapp bei Kasse sind. Und kommunenähnliche Gemeinschaften mit gemeinsam genutzten und gepflegten Wohn- und Gartenflächen liegen regelrecht im Trend. Doch nahe der Innenstadt gibt es bereits seit fast 15 Jahren ein Haus, in dem alternatives, neues Wohnen gelebt wird. An der Maarbrücke, Hausnummer 28 – dort sitzt seit 1997 der Verein „Initiative für neues kreatives Wohnen Maarbrücke“. Über die Jahre hinweg hat sich eine große Wohngemeinschaft über vier Etagen mit derzeit 17 Bewohnern entwickelt, in der Leben, Kunst und Zusammenleben eins werden. Die Anfänge waren jedoch alles andere als einfach. Drei Jahre vor Vereinsgründung verstarb der damalige Hausbesitzer, seine Witwe wanderte nach Australien aus. Der Altbau wurde zum Objekt für Immobilienspekulanten. Das Gebäude verkam.

Schon damals lebte der freischaffende Maler Peter Kaufung in dem Haus, heute ist er das einzige noch dort wohnende Gründungsmitglied des Vereins. „Es war schwierig, vieles war vollkommen zugemüllt“, sagt er heute gelassen. Die Spekulanten wurden sich nicht einig, es kam zur Zwangsversteigerung. Ein wichtiger Punkt in der Geschichte des Hauses, erklärt Kaufung: „Da sagte jemand zu uns: ’Wenn ihr hier leben wollt, ersteigert das Haus doch selbst!‘ Das war ein magischer Moment.“ Die Idee, Lebens- und Kunstraum für Gleichgesinnte zu schaffen, war geboren. Und mit Hilfe der GLS Bank und Privatanlegern waren auch die ersten finanziellen Hürden genommen. Wer von nun an in das Haus einzog, war nicht bloß Mieter. Als Vereinsmitglied wird jeder auch zum Mitverantwortlichen. Denn die Miete geht schließlich nicht an unbeteiligte Dritte, sondern fließt direkt wieder in das Haus. „Das erfordert ein Umdenken“, erklärt Andreas Grande, der seit 1998 in dem Haus lebt. „Dieses Umdenken ist quasi die einzige Voraussetzung hier zu wohnen.“

Anfangs gab es mit weniger engagierten Mitbewohnern auch Probleme. „Zu Beginn hatten wir eine Bewohnerin, die einfach keine Miete zahlte“, erzählt Kaufung. „Als wir auf das Geld bestanden, beschwerte sie sich. Sie dachte, wir wären so sozial. Doch so funktioniert es auch hier nicht – Kreativität und Freiheit hin oder her.“ Heute kann er darüber lachen, doch damals war jede Mark wichtig. Inzwischen ist es jedoch ruhig und gefestigt im Haus, auch wenn hier und da die ein oder andere Arbeit noch notwendig ist. Die Wohnungen und das Haus sind nun ein gewachsenes und sich stets weiterentwickelndes Kunstwerk. Und zugleich Lebensraum, wenn nicht sogar Lebensentwurf. „Oberster Grundsatz ist, dass im Prinzip jeder seinen Wohnraum so gestalten kann, wie er es möchte“, so Kaufung. Neben einigen Kunstinstallationen, mit denen sich ehemalige Bewohner in den Räumen und Fluren verewigt haben, trägt dies auch gerne skurrile Früchte. In einer WG-Küche hängt über der Spüle eine Badewanne. Nicht einfach so, sondern in eine Art Hochbett eingelassen. Wie oft die WG-Bewohner diese Wanne inmitten der Gemeinschaftsküche wirklich nutzen, ist nicht bekannt.

Derzeit entsteht mitten im Hausflur der neueste kreative Streich der künstlerischen Bewohner als Gemeinschaftsprojekt. Eine ehemalige Flurtoilette wurde entkernt, die rohe Wand hergerichtet. „Das wird unsere Etage 1 1/2, diese Wand ist quasi eine Reminiszenz an die ursprüngliche Bausubstanz“, berichten Kaufung und Grande nicht ohne stolz. „Zusammen mit den hohen Flurwänden schaffen wir einen großen Ausstellungsraum. Für Künstler im Haus, aber natürlich auch für kreative Köpfe von außerhalb.“ Damit schafft sich dieses Wohn-Kunst-Haus ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Denn, so Kaufung, „hier haben wir richtig Platz. Raum für so große Werke unter guten Ausstellungsbedingungen ist in Bochum sonst sehr schwer zu finden.“

Wohnen an der Maarbrücke
Es braucht keinen angesehen Ruf als Künstler irgendeines Ressorts, um in dem ungewöhnlichen Wohnprojekt zu leben. Theoretisch ist jeder willkommen, sofern er bereit ist, sich darauf einzulassen und seinen Teil zur Gemeinschaft und dem Haus beizutragen. Derzeit sind jedoch alle WG-Zimmer und Appartements bewohnt. Was nicht wundert: Die Lage ist zentral und die Miete ist günstig mit rund 4,50 Euro pro Quadratmeter. Seit 1997 ist der Mietpreis unverändert – damals also vergleichsweise teuer. Dafür wird jeder Bewohner Teil dieses ungewöhnlichen Leben-Kunst-Projekts, inklusive des jährlichen Straßenfests. Das diesjährige findet am heutigen Samstag direkt vor dem Haus statt. Kinder erwartet ein buntes Programm und Erwachsene werden bei viel verschiedener Musik ebenfalls unterhalten werden.