19-jährige Mariama verbrüht sich aus Angst vor Abschiebung

Kampf um Bleiberecht

Um einer Zwangsüberführung zu entgehen, verbrühte Mariama aus Afrika sich am Mittwoch (24. April) mit siedendem Wasser. Ihre Geschichte hat in Bochum hohe Wellen geschlagen – und viele Menschen bewegt. Die 19-Jährige hat in ihrem noch jungen Leben viel durchgemacht.

BOCHUM

von von Sebastian Ritscher und Benjamin Hahn

, 03.05.2013, 07:14 Uhr / Lesedauer: 3 min
Am Donnerstag sammelten die Schüler des Alice-Salomon-Berufskollegs Spenden für Mariama. Sie möchten, dass ihre Mitschülerin bleibt.

Am Donnerstag sammelten die Schüler des Alice-Salomon-Berufskollegs Spenden für Mariama. Sie möchten, dass ihre Mitschülerin bleibt.

 Im Frühjahr 2012 gelingt der jungen Frau erneut die Flucht – ein Freier organisiert ihr eine Mitfahrgelegenheit nach Deutschland. Sie schöpft Hoffnung, baut sich in Bochum ein neues Leben auf. Seit Mai 2012 besucht Mariama das Alice-Salomon-Berufskolleg. Hier findet sie eine Konstante, versucht Deutsch zu lernen und sich zu integrieren. Lehrerin Julia Appelhoff beschreibt Mariama als von ihren Erfahrungen gezeichnete, aber interessierte junge Frau: „Sie ist eine wissbegierige Schülerin und bei ihren Mitschülern beliebt.“  Nach einem Jahr der Ruhe und der Regelmäßigkeit folgt am 22. April der Schock: Mariama hat mit Schulsozialarbeiterin Michaela Schröder in der Bochumer Ausländerbehörde einen Termin. Im Rathaus wird sie jedoch völlig überraschend festgenommen, in Handschellen abgeführt und in die JVA Büren gebracht. Sie soll zurück nach Spanien. Schuld daran ist die Bürokratie. Seit 2003 gibt es die Dublin-II-Verordnung. Sie besagt, dass Asylanträge nur in dem Land verhandelt werden, in dem die Antragsteller zum ersten Mal den Boden der EU betreten haben. In Mariamas Fall ist das Spanien, aber der Gedanke an eine Rückkehr in das Land, in dem sie zur Prostitution gezwungen wurde, löst Panik in der 19-Jährigen aus. Aber Fluchtgefahr? „Das ist Quatsch“, sagt Michaela Schröder. „Mariama ist ein Mensch, der sich eher etwas antut, als zu fliehen.“

 Das beweist bereits ein Suizidversuch vor der ersten Abschiebehaft. In einer kalten Februarnacht drangen Beamte ins Übergangswohnheim ein, führten Mariama in Handschellen ab. Aus der Haft kam sie nur durch die Hilfe einer Frau, die sich für Opfer von Menschenhändlern einsetzt. Diese Erfahrung will Mariama nicht wieder machen. „Sie hat nach dem Vorfall bei mehreren Leuten übernachtet, auch bei mir“, sagt die Sozialarbeiterin. Das Ausländeramt witterte deswegen Fluchtgefahr und rechtfertigt damit die Unterbringung in der JVA. Schröder: „Die hätten nur mal in der Schule anrufen müssen. Mariama kam jeden Tag zum Unterricht.“

 Für das Amt zählte aber in erster Linie eins: Die Frist für die Abschiebung nach Spanien sollte Ende April ablaufen. In Bochum beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Flieger nach Spanien soll am Donnerstagmorgen gehen. Michaela Schröder geht Klinkenputzen, will ihren Schützling aus dem Gefängnis holen. Sie telefoniert, schreibt E-Mail um E-Mail, erzählt von der Situation, vom Verdacht auf Suizid. Niemand will ihr glauben.Schröder nutzt das 160-köpfige Kollegium des Berufskollegs als Multiplikator für den Hilferuf. Den erhören am Mittwoch der Bundestagsabgeordnete Axel Schäfer und der Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD). Sie fragen nach, üben Druck auf Ämter aus. Der Petitionsausschuss des Landtags wird eingeschaltet. Parallel sammeln Mariamas Mitschüler Unterschriften. 800 Stück kommen zusammen. Auf einmal war sie bei den Helfern da: die Hoffnung. Davon ahnt Mariama jedoch nichts.

 Sie verzweifelt in der JVA, greift zu einem Wasserkocher und schüttet sich den siedenden Inhalt über den Oberkörper. Als Axel Schäfer in der JVA anruft und sich mehrmals nach Mariamas Zustand erkundigt, wird ihm bis 17 Uhr gesagt, dass alles in Ordnung sei. Der Abgeordnete glaubt, dass sich Mariama da schon verletzt hatte. Ob Unwissen oder Verschwiegenheit zur Fehlauskunft führten – Schäfer kann nur spekulieren.  Nichtsdestotrotz findet die Geschichte ein vorerst gutes Ende: „Der Druck der Öffentlichkeit hat dazu geführt, dass die Abschiebung in letzter Sekunde ausgesetzt wurde“, sagt Schröder. Seitens der Stadt Bochum hat sich bisher nur Stadtsprecher Thomas Sprenger zu dem Vorfall geäußert: „Wenn sich der Petitionsausschuss einschaltet, ist es guter Brauch, dass man seinen Wünschen folgt.“ Der Wunsch war Aussetzung der Überführung. Daran habe sich Bochum gehalten.  

 Jetzt ist Mariama im Krankenhaus. Sie hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Gestern musste Haut transplantiert werden. Doch sie ist in Sicherheit. Zumindest vorerst. „Wir müssen schauen, dass wir eine Duldung für ihren Aufenthalt bekommen“, sagt Michaela Schröder. Dann soll ein Asylantrag gestellt werden. Bei Erfolg kann Mariama bleiben. Was ebenfalls bleibt: die körperlichen und seelischen Schäden.