5 tote Kinder in Solingen: Schulbesuch rettet 11-Jährigem wohl das Leben

Tragödie in Solingen

Eine junge Mutter soll fünf ihrer Kinder getötet haben. Vermutlich sind die kleinen Jungen und Mädchen erstickt. Auch über die Umstände des einzig Überlebenden gibt es neue Erkenntnisse.

Solingen

04.09.2020, 17:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
In Solingen wurden zum Gedenken an die toten Kinder Blumen und Kerzen abgelegt.

In Solingen wurden zum Gedenken an die toten Kinder Kuscheltiere und Kerzen abgelegt. © picture alliance/dpa

Die fünf tot aufgefundenen Kinder aus Solingen sind den Ermittlern zufolge vermutlich erstickt. Es gebe auch Hinweise, dass sie sediert worden seien, sagte Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt am Freitag in Solingen, ohne Details zu nennen. Das habe die Obduktion der Leichen ergeben. Gegen die 27-jährige Mutter sei Haftbefehl erlassen worden. Die Staatsanwaltschaft hatte den Haftbefehl wegen fünffachen Mordes beantragt.

Die Frau habe die Tat ihrer eigenen Mutter in einem Whatsapp-Chat gestanden und sich dann in Düsseldorf vor einen Zug geworfen. Dabei habe sie schwere, aber nicht lebensgefährliche innere Verletzungen erlitten, sagte der Leiter der Mordkommission, Marcel Maierhofer. Die Ermittler verdächtigen nicht die Väter der Kinder. Polizei und Staatsanwaltschaft gingen davon aus, dass die Frau die Tat in einem Zustand der emotionalen Überforderung begangen habe.

Junge konnte noch nicht befragt werden

Zuvor habe sie ein Jahr von ihrem letzten Mann, dem Vater von vier ihrer Kinder, getrennt gelebt, sagte Maierhofer. Die fünf Kinder im Alter von einem bis acht Jahren hätten tot in ihren Kinderbetten gelegen, als die Einsatzkräfte am Donnerstag die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus aufbrachen. Sie seien zwischen Mittwochnachmittag und Donnerstagvormittag getötet worden, sagte Maierhofer.

Ein elfjähriger Junge, der als einziger der sechs Geschwister überlebte, sei womöglich nur verschont worden, weil er zum Zeitpunkt der Tat in der Schule war, sagte der Leiter der Mordkommission. Die Vermutung sei aber noch nicht gesichert. Der Junge habe noch nicht befragt werden können. In einem schulischen Gruppenchat habe der Elfjährige kurz nach der Tat geschrieben, dass alle seine Geschwister tot seien, sagte Einsatzleiter Robert Gereci.

Zwei Rettungseinsätze in der Wohnung

Die Familie war dem städtischen Jugendamt vor der Tat bereits bekannt. „Der Familie wurden von der Stadt Solingen erforderliche Unterstützungen gewährt. Das Jugendamt hat zusätzlich mögliche Hilfsangebote unterbreitet“, teilte die Stadt mit, ohne Details zu nennen. „Erkenntnisse zu Auffälligkeiten oder einer potentiellen Gefährdung der Kinder gab es zu keinem Zeitpunkt.“

Einsatzleiter Gereci berichtete, die sechs Kinder der Frau stammten von drei verschiedenen Vätern. Keiner der drei Väter sei tatverdächtig. Die Familie sei auch der Polizei nicht unbekannt gewesen, hieß es. Es habe vor einiger Zeit einen Einsatz wegen eines Streits gegeben. Die Mutter habe ihren ehemaligen Lebensgefährten zudem wegen Diebstahls angezeigt. Zudem habe es in den vergangenen Monaten zwei Rettungseinsätze in der Wohnung gegeben, zu denen sich die Ermittler nicht näher äußern wollten.

Kerzen, Blumen und Teddybären vor Mehrfamilienhaus

Der Fall löste weithin Bestürzung aus. Er mache „traurig, wütend und fassungslos zugleich“, teilte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) mit. Die Tat übersteige „unsere Vorstellungskraft von dem, was Menschen imstande sind zu tun“. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte in Düsseldorf, der Fall lasse „einen im Tagesgeschäft innehalten“ und an die „wichtigen Dinge im Leben“ denken. „Unsere Behörden werden jetzt alles tun, um diesen Vorgang aufzuklären.“

In der Nacht auf Freitag waren die Leichen der Kinder abtransportiert worden - danach kehrte vor dem Wohnhaus im Solinger Stadtteil Hasseldelle Stille ein. Menschen zündeten Kerzen vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses an. Dazu wurden Blumen und Teddybären als Zeichen der Trauer abgelegt.

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) war nach einem Besuch am Tatort sichtlich schockiert. „Heute ist ein Tag, an dem wir in Solingen sehr traurig sind, weil eine Tat geschehen ist, die uns tief ins Herz getroffen hat“, sagte Kurzbach am Donnerstag. Der Fall deutet nach Ansicht des Kriminalexperten Axel Petermann auf Hilf- und Perspektivlosigkeit der Mutter hin.

dpa

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