50.000 OPs verschoben: Deutsche Krebshilfe warnt vor fatalen Folgen

Coronavirus

Die Deutsche Krebshilfe geht davon aus, dass bislang aufgrund der Pandemie rund 50.000 Krebsoperationen ausgeblieben sind. Das könnte fatale Folgen für Krebspatienten haben.

Hannover

13.07.2020, 12:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Fast ein Viertel aller geplanten Eingriffe wegen einer Kresberkrankung konnten laut Deutscher Krebshilfe im Zeitfenster der Pandemie bis Mitte Juni nicht stattfinden.

Fast ein Viertel aller geplanten Eingriffe wegen einer Kresberkrankung konnten laut Deutscher Krebshilfe im Zeitfenster der Pandemie bis Mitte Juni nicht stattfinden. © picture alliance/dpa

Als Folge der Corona-Pandemie mussten in Deutschland zehntausende Operationen verschoben werden. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe hätten wegen der Corona-Krise bereits rund 50.000 Krebsoperationen nicht stattgefunden, da in vielen Bereichen Diagnosen und Behandlungen verschoben wurden. Auch etliche Diagnose- und Früherkennungsmaßnahmen seien abgesagt worden. Gerd Nettekoven, Chef der Deutschen Krebshilfe, warnte in einem am Montag erschienenen Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ vor potenziell fatalen Folgen.

50.000 sei „eine gewaltige Zahl“. Fast ein Viertel aller geplanten Eingriffe hätten im Zeitfenster der Pandemie bis Mitte Juni nicht stattfinden können, erklärte Nettekoven im Interview. Auch unterstützende Maßnahmen für Krebspatienten, von der psychosozialen Betreuung bis zur Palliativmedizin, seien in den Kliniken „teilweise extrem nach unten gefahren“ worden.

Früherkennung bleibt aus

Sorgen mache es der Deutschen Krebshilfe auch, dass nicht alle verschobenen Operationen und Maßnahmen auch medizinisch vertretbar waren. Genau könne man es nicht wissen, doch schon jetzt schiebe man eine „große Bugwelle“ an verschobenen Maßnahmen vor sich her. Das könne irgendwann zu lebensbedrohlichen Situationen für Krebspatienten führen. „Bei uns haben sich zum Beispiel Patientinnen gemeldet, bei denen Brustkrebs-Nachsorgeuntersuchungen verschoben wurden. So etwas kann fatale Folgen haben“, betonte Nettekoven gegenüber der Augsburger Allgemeinen.

Auch wenn sich die Situation in Kliniken entspannt habe, müssen diese nach wie vor Kapazitäten für Covid-19-Patienten freihalten und unter besonderen Schutzbedingungen arbeiten. Nettekoven befürchtet, dass die Situation für Krebspatienten angespannt bleibt. „Wir kehren zwar langsam zur Normalität zurück, trotzdem werden wir die Situation weiterhin im Blick haben, da wir eine Bugwelle von notwendigen Versorgungsmaßnahmen vor uns herschieben, die zeitnah angegangen werden müssen“, wurde Nettekoven vor wenigen Tagen anlässlich der Veröffentlichung des Geschäftsberichts der Deutschen Krebshilfe zitiert.

Ängste allein keine Erklärung für weniger Operationen

Die Erklärung der Regierung, dass für unterlassende dringliche Behandlungen vor allem die Ängste der Patienten verantwortlich waren, weist der Vorsitzende zurück. „Diese Aussage teilen wir nicht und sie ist auch nicht nachvollziehbar. Wenn 50.000 Krebsoperationen ausgefallen sind, dann hat das nichts damit zu tun, dass die Patienten nicht ins Krankenhaus gekommen wären“, wird er im Interview zitiert. Dennoch könne man nicht von der Hand weisen, dass Patienten auch sehr zurückhaltend waren, Kliniken oder niedergelassene Ärzte aufzusuchen aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren.

Die Deutsche Krebshilfe ermutigt Patienten, ihre Vorsorgetermine und Früherkennungsuntersuchungen wahrzunehmen. Bei unklaren Symptomen sollte man keinesfalls warten, den Arzt aufzusuchen.

Kein zentrales deutsches Krebsregister

Offizielle Zahlen über verschobene Operationen gibt es nicht - obwohl viele Kassen bereits Analysen aus Abrechnungsdaten vorgelegt haben. Für Nettekoven ist die Unwissenheit nicht nachvollziehbar. Die Deutsche Krebshilfe habe sich über viele Jahre für die Einrichtung klinischer Krebsregister eingesetzt und dabei unterstützt, die Register in den Ländern aufzubauen. Bis heute seien die Register aber nicht in der Lage, diese Daten zeitnah zusammenzuführen und auszuwerten.

Ein zentrales Krebsregister ist laut Deutscher Krebshilfe im Gespräch. Für die Corona-Pandemie habe die Bundesregierung allerdings Daten aus dem Jahr 2017 vorliegen. Im Zusammenhang mit Fragestellungen während der Pandemie helfe das kaum weiter, kritisiert Nettekoven. Ohne aktuelle klinische Daten könnte keine adäquate Versorgungsforschung durchgeführt werden. Das sei, unabhängig von der Pandemie, ein Desaster für die Krebsforschung.

Kliniken bleiben im Krisenmodus

Die Kliniken machen zwar erste Schritte zur Normalisierung - und rechnen dennoch für Monate mit einem Betrieb im Krisenmodus. „Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei“, betont der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum. „Freigehaltene Personal- und Intensivkapazitäten sind weiter erforderlich – auch für eine mögliche zweite Welle im Herbst.“ Eine Rückkehr zur Regelversorgung wie vor Corona sei bis weit ins nächste Jahr hinein sicherlich nicht möglich.

Die Häuser entwickelten nun Konzepte, um Operationen Schritt für Schritt wiederaufnehmen zu können, hieß es von der Berliner Krankenhausgesellschaff (BKG). Wie viele Menschen auf das Nachholen eines Eingriffs warten, konnten die angefragten Krankenhäuser und die BKG nicht beziffern. Je nach Indikation sei der Nachholbedarf unterschiedlich groß, hieß es von Vivantes. Es seien zum Beispiel prozentual mehr Knie-OPs verschoben worden als Entfernungen der Prostata.

RND

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