Abgedreht - aber gut

"Einige Nachrichten an das All" als Film auf der Bühne

Erst fühlt sich der Zuschauer irritiert, dann pikiert. "Einige Nachrichten an das All" entpuppte sich bei der Premiere am Freitagabend im Schauspiel Dortmund nicht als Theaterstück, sondern als Film. Dann merkt man: Der ist herausragend gut gelungen - und das Publikum ist beglückt.

DORTMUND

von Von Bettina Jäger

, 16.09.2012 / Lesedauer: 3 min
Abgedreht - aber gut

Sie warten nicht auf Godot, sie hoffen auf ein Kind: Frank Genser (l.) als Lum und Uwe Schmieder als Purl.

Beschreiben wir es mal genauer: Eine Fanfare ertönt, der Vorhang fährt zweimal auf und zu und dann wieder auf. Schauspieldirektor und Regisseur Kay Voges hält eine nette Ansprache ("Ich bin der Schauspieldings"). Nach dem Film folgen noch 15 Minuten Sprechtheater. Aber dass es sich ansonsten um einen Kinoabend handelt, gab das Schauspiel Dortmund vorher nicht bekannt.Kluge Entscheidung

Darüber ließe sich streiten. Nicht aber über die kluge Entscheidung, einen Film zu drehen. Der preisgekrönte Autor Wolfram Lotz, der zur Premiere gekommen war, schreibt voller Poesie über unsere Angst vor dem Tod, nimmt das Sterben mit Humor und findet Hoffnung. Aber eben in so schrägen und seltsamen Szenen, dass eine Bühne sie kaum fassen kann. Schwester Inge (Eva Verena Müller) führt als sexy-gruselige Zeremonienmeisterin durch eine Welt, die aus einem Film von Tim Burton stammen könnte.Duo Lum und Purl  Das Duo Lum und Purl - Frank Genser und Uwe Schmieder suchen so rührend nach dem Sinn ihres Lebens, dass sich das Publikum sofort in sie verliebt - verzehren sich nach einem Kind. Klaus Alberts (Ekkehard Freye) hat eine Tochter, doch Hilda (Julia Schubert) verunglückt und trifft im Jenseits auf Kleist (Björn Gabriel). Wer hätte gedacht, dass der nach seinem Tod im Halterner Silbersee auftaucht? Nicht zu vergessen der "Leiter des Fortgangs" (Sebastian Graf), der Nachrichten ins All sendet. Leider immer nur ein Wort, "Mama" zum Beispiel. Worüber wiederum die Aliens herzlich lachen, die als eine Art Teletubbies im Glitzerfell auch mal das Dortmunder "U" todesstrahlen.Gesamtkunstwerk

Klingt abgedreht? Ja, aber auf der Bottroper Halde Haniel sind faszinierend surreale Bilder entstanden. Feuerwerk erstarrt im Niederfallen (Kamera: Daniel Hengst). Hilda liegt wie eine Puppe in ihrem Blut. Szenenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch lässt Lum und Purl in einem Kasten leben, in dem wie im expressionistischen Film alles nur gemalt ist. So entsteht ein bizarres, überraschend lustiges und ästhetisch sehr zeitgemäßes Gesamtkunstwerk, das uns erheitert und getröstet in die Nacht entlässt. Heftiger Applaus.

Termine: 22.9., 6./13.10; Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.