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Ältere Autofahrer zahlen drauf

rnKfz-Versicherung

Was kaum jemand weiß: Ab einem gewissen Alter steigt der Beitrag für die Kfz-Versicherung deutlich an. Jetzt regt sich Widerstand gegen diese gängige Praxis der Versicherungsunternehmen.

Dortmund

, 13.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Prämiengestaltung nach Alter ruft jetzt auch die Politik auf den Plan. Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages fordert mehr Transparenz von der Versicherungswirtschaft bei der Festlegung der zu zahlenden Versicherungsprämie.

Ziel ist es, „einer willkürlichen Diskriminierung von Versicherten vorzubeugen“. Es sei nicht vertretbar, dass Millionen älterer Menschen seit Jahren unverhältnismäßig hohe Prämien in der Kfz-Versicherung zahlen müssten.

Altersdiskriminierung ist in Deutschland eigentlich verboten. Festgeschrieben ist das im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Neben Diskriminierung aufgrund des Alters werden hier auch Diskriminierungen wegen der ethnischen Herkunft, Religion und Weltanschauung, sexuellen Identität, dem Geschlecht oder einer Behinderung untersagt.

Es ist keine Diskriminierung, wenn ein sachlicher Grund vorliegt

Das AGG entpuppt sich in diesem Fall aber als stumpfes Schwert, denn: Der Gesetzgeber sieht Ausnahmen vor. Keine Altersdiskriminierung liegt demnach vor, wenn für eine unterschiedliche Behandlung „ein sachlicher Grund vorliegt“.

Die Versicherungswirtschaft sieht diesen sachlichen Grund darin, dass „ältere Fahrer im Schnitt mehr Schäden verursachen als Fahrer mittleren Alters“, sagte ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Grundlage seien Daten der Versicherer, die der GDV jährlich auswertet. Die Ergebnisse gibt der Verband den Mitgliedsunternehmen „unverbindlich bekannt“, sagte der Sprecher weiter. Ab 68 Jahren sieht der GDV Zuschläge als statistisch gerechtfertigt an.

Die Bundesregierung hält das Vorgehen bislang für rechtens, weil die Versicherungen nach dem Grundsatz der Vertragsfreiheit zustande kämen. Die Versicherten könnten ja selbst entscheiden, ob und unter welchen Voraussetzungen sie die Verträge annehmen. Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) erkennt einen Zusammenhang zwischen dem Nutzeralter und dem Schadensverlauf an.

Franz Müntefering: „Das riecht nach Willkür“

Das überzeugte die Mehrheit der Abgeordneten im Petitionsausschuss jedoch nicht. Vielmehr sei es geboten, gesetzliche Regelungen zu schaffen, die vorsehen, dass die Risikobewertung der Versicherten künftig auf unabhängigen Daten basiert.

Es könne nicht sein, dass die entsprechenden Datensätze aus der Versicherungswirtschaft selbst stammen, heißt es in der Beschlussempfehlung.

Das Vorgehen der Versicherungen „riecht nach Willkür und ist nicht akzeptabel“, sagte Franz Müntefering, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) unserer Zeitung.

Auch die Senioren-Union begrüßte den Vorstoß des Petitionsausschusses. „Es ist ein Skandal, wenn Versicherungen nicht einmal offenlegen, wie sich ihre Risikoprämien berechnen und ob ältere Autofahrer im Schnitt überhaupt mehr Unfälle verursachen als jüngere“, sagte der Vorsitzende, Otto Wulff. Schließlich legten ältere Fahrer meist deutlich weniger Kilometer hinter dem Steuer zurück als jüngere Autofahrer.

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Jahrelang unfallfrei gefahren

Eigentlich sollte es belohnt werden: Jahrelang unfallfrei gefahren, der Schadenfreiheitsrabatt steigt. Doch beim Blick auf den Beitrag der Kfz-Versicherung dann die Ernüchterung: Ab einem gewissen Alter zahlt man drauf.

Bei einigen Anbietern kostet die Kfz-Versicherung nach Recherchen des Verbraucher-Portals Finanztip bereits ab 65 Jahren mehr. „Ab dem 76. Lebensjahr verlangen Versicherer einen Aufschlag von durchschnittlich 57 Prozent im Vergleich zu einem 55-jährigen Fahrer“, heißt es in einer Finanztip-Studie.

„Erst langsam formiert sich der Widerstand der Älteren gegen ihre Benachteiligung bei den Versicherungsprämien“, sagt der Vorsitzende der Senioren-Union, Otto Wulff unserer Zeitung. „Vielen wird erst mit der ersten gestiegenen Abrechnung bewusst, dass ihr Kfz-Versicherer für Ältere höhere Tarife kassiert.“

Ältere Fahrer verursachen mehr Schäden

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages kritisiert das Vorgehen der Versicherer. Es sei erforderlich, Regelungen zu schaffen, die die Versicherungswirtschaft zu mehr Transparenz bei der Prämiengestaltung verpflichten, heißt es in der Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages.

Die Kfz-Versicherung ist nach Angaben des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft die größte Sparte in der Schaden- und Unfallversicherung. „Zuschläge auf den durchschnittlichen Versicherungsbeitrag ergeben sich aus der GDV-Statistik erst ab einem Alter von 68 Jahren“, sagt ein GDV-Sprecher auf Anfrage.

Die Statistik des GDV zeige, dass ältere Fahrer im Schnitt mehr Schäden verursachten als Fahrer mittleren Alters. Die GDV-Bekanntgabe sei aber unverbindlich, der Beitrag Sache der einzelnen Unternehmen.

Es geht um viel Geld

Für die geht es um viel Geld. Doch wenn es um mögliche Altersdiskriminierung geht, gibt es noch andere Beispiele. „Wenn wir uns ansehen, in welchen Bereichen Altersdiskriminierung stattfindet, dann ist das schon weitreichend“, sagt Ludger Klein. Er verantwortet eine noch unveröffentlichte Studie zum Thema Altersdiskriminierung.

Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums forschte ein Team vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS) Frankfurt am Main zum Thema Altersdiskriminierung, führte Gespräche mit Experten und Betroffenen. „Das Problem ist relevant“, sagt Klein.

Die Liste mit Fällen von Altersdiskriminierung ist endlos

Zu diesem Schluss kommt auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Die hohe Zahl an Diskriminierungserfahrungen aufgrund des Alters in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft unterstreicht den großen Handlungsbedarf bei der Bekämpfung von Altersdiskriminierung.“

„Altersdiskriminierung begegnet uns in vielen Bereichen“, sagt auch Otto Wulff von der Senioren-Union: Schon 65-Jährigen werde häufig ein Bankkredit verweigert oder sie erhielten keine Kreditkarte. „70-Jährige haben Probleme, eine private Krankenversicherung abzuschließen.

Krankenkassen verweigern älteren Versicherten eine Heilbehandlung, Stromanbieter lehnen Neukunden allein wegen ihres Alters ab. Schöffen, die das 70. Lebensjahr vollendet haben, sollen nicht mehr berufen werden. Die Liste der Altersdiskriminierungen ließe sich schier endlos fortsetzen“, sagt Wulff.

Kein Hund für einen 77-Jährigen

Oft fehle, sagt Klein, das Bewusstsein dafür, dass es sich um Altersdiskriminierung handelt. Zum Beispiel, wenn Banken einer 70-Jährigen aufgrund ihres Alters keinen Kredit gewähren, um zur Beerdigung der Schwester ins Ausland zu fliegen.

Oder wenn einem 77-Jährigen nach dem Tod seiner Frau in einem Tierheim mit Verweis auf sein Alter kein Hund mehr anvertraut wird. Häufig seien es die Betroffenen selbst, die sagten: ‚Tja, ich bin halt alt. Da kann man wohl nichts machen‘. „Was macht das mit den Menschen? Und was für politische Folgen muss das haben?“, fragt Klein.

Zumindest in Sachen Kfz-Versicherung will die Politik nun konkrete Antworten: Das Bundesfinanzministerium hat nun noch bis Ende März Zeit, dem Petitionsausschuss mitzuteilen, ob eine neue Regelung vorgesehen ist.

Die Senioren-Union fordert bereits seit Jahren, den Artikel 3 im Grundgesetz um das Verbot der Altersdiskriminierung zu ergänzen, sagt Otto Wulff. „Wie die Religion, das Geschlecht und die Herkunft des Menschen darf auch dessen Alter kein Grund für dessen Benachteiligung sein. Wir werden solange kämpfen, bis das Diskriminierungsverbot im Grundgesetz steht.“