Aki, der Junge aus Berghofen

Zum Tod von Alfred „Aki“ Schmidt

„Aki“ ist tot. Der Junge aus Dortmund-Berghofen. Der Mann, den die Schwarzgelben liebten und immer lieben werden. Der Entertainer. Der Lebenslustige. Chefredakteur Hermann Beckfeld porträtiert den Fußballer, der auch sein Freund war.

DORTMUND

, 11.11.2016, 22:22 Uhr / Lesedauer: 5 min
Der Dortmunder Kapitän Alfred "Aki" Schmidt (2.v.r.) hält triumphierend den ihm vom Bundespräsidenten Heinrich Lübke (2.v.l.) überreichten DFB-Pokal hoch.

Der Dortmunder Kapitän Alfred "Aki" Schmidt (2.v.r.) hält triumphierend den ihm vom Bundespräsidenten Heinrich Lübke (2.v.l.) überreichten DFB-Pokal hoch.

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Entnommen aus dem Buch „... der Boss spielt im Himmel weiter“ (1. Auflage 2006):

Aki Schmidt. Einer, der nur so sprudelt vor Anekdoten, der so herrlich erzählen kann. Von früher, von ganz früher, von seiner Borussia. Von dem herrlichen Stadion, von den einmaligen Fans, von der tollen Stimmung. Diesem Aki fällt es plötzlich schwer zu sprechen. Satz für Satz muss man ihm entlocken, bis er endlich seine Geschichte verrät. Die Geschichte vom schwärzesten Tag in seiner Fußball-Laufbahn.

Der 23. Juni 1957

Nur noch wenige Stunden bis zum Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Borussia Dortmund gegen den Hamburger SV in Hannover. Der junge Alfred Schmidt, den alle nur Aki rufen, sitzt allein in seinem Zimmer in der Sportschule Barsinghausen. Sitzt auf gepackten Koffern, will nach Hause, weil er heute Nachmittag nur zuschauen soll. Obwohl er, der „Neue“ beim BVB, eine glänzende Saison gespielt hat. Obwohl er es war, der seine Schwarzgelben ins Finale schoss.

Abends vorher haben ihm Mannschaftskameraden, haben ihm Vorstandsmitglieder gesteckt: Aki, morgen bist du nicht dabei, der Schneider will die gleiche Mannschaft aufstellen, die 1956 das Endspiel gewonnen hat.

Und jetzt sitzt Aki auf gepackten Koffern und wartet, dass ihm Trainer Helmut Schneider in die Augen blickt und die brutale Wahrheit sagt. Aki, du spielst nicht. Doch Schneider, der schon beim FK Pirmasens unterschrieben hat, kann kaum sprechen. Er sitzt seinem jungen Spieler gegenüber und fängt hemmungslos an zu weinen.

Aki lässt sich von Adi Preißler und Max Michallek überreden, setzt sich auf die Bank und weiß, dass er keine Minute spielen wird, Auswechslungen waren damals ja noch nicht möglich. Er muss mit ansehen, wie seine Kameraden den HSV mit 4:1 besiegen. „Es waren die schlimmsten 90 Minuten meines Lebens. Ich war froh, als alles vorbei war“ – das Spiel, die ausgelassene Rückkehr mit dem Bus, die Triumphfahrt durch Dortmund mit Hunderttausenden am Straßenrand. Trost bekommt er von dem Mann, der 1954 die deutsche Elf zum WM-Titel geführt hat. Sepp Herberger, der Bundestrainer, fängt ihn in den Katakomben des Niedersachsenstadions ab, nimmt seinen Schützling in den Arm. „Aki, Sie können sicher sein. Beim nächsten Länderspiel sind Sie von Anfang an dabei.“

Aki, der Nationalspieler

Der deutsche Meister von 1963, der Europapokalsieger von 1966' id='3010711' tag='' type='Artikel. Aki, der Junge aus Berghofen, der den großen Sprung schafft vom Aschenplatz und von der Kreisklasse zum Stadion Rote Erde und zu Europapokalspielen, die Geschichte schreiben. Schwarzgelbe Klassiker. Borussia gegen Benfica Lissabon, Dukla Prag, FC Liverpool.

Wie alles begann? Mit einem Auswahlspiel Gelsenkirchen gegen Dortmund, „mit allen Granaten von Schalke und Borussia“, wie sich Aki erinnert. Nur er kickt für einen Vorort-Klub, den SV Berghofen. Schnell liegen die Dortmunder mit 0:3 zurück, dann kommen Akis tolle 15 Minuten. „Drei Buden habe ich gemacht zum 3:3. Kurz darauf haben mich zwei hohe Herren aus dem Vorstand von zu Hause abgeholt, damit ich mir das Training in der Roten Erde anschaue.“ Der damals 15-Jährige traut seinen Augen nicht. Mit welcher Härte, mit welchem Tempo seine Vorbilder zur Sache gehen. Völlig eingeschüchtert schleicht sich der Junge aus dem Stadion, läuft nach Hause zurück. Ich muss noch viel mehr trainieren, um mithalten zu können. Ich muss Kondition bolzen, redet er sich ein. „Für mich stand schnell fest: Ich wechsel’ erst, wenn ich keine fremde Hilfe brauche.“

Aki, der Straßenfußballer

Aki, der Straßenfußballer, der nach der Schule lieber pöhlt und die Hausaufgaben abends im Schnelldurchgang „zusammenflickt“, spürt, dass sein Vereinstraining nicht ausreicht. „Wir hatten doch in der Kreisklasse nur Trainer, die im Mittelkreis standen, eine Zigarette rauchten, uns Runden laufen und danach bolzen ließen.“

Aki rennt sich im Schwerter Wald die Puste aus dem Hals. „Ehrgeizig“, sagt er heute, „konntest du das gar nicht mehr nennen. Ich war ein echter Streber.“

Ein Jahr später. Vor seinem Elternhaus hält ein schwarzer Opel Kapitän. Am Steuer sitzt BVB-Obmann Heinz Dolle, ein bekannter, wortgewaltiger Wirt aus Dortmund, der schon vor der Haustür wild mit dem Vertrag herumfuchtelt. Aki brauche nur noch zu unterschreiben. Aber dem Jungen aus Berghofen gefällt der Vertrag nicht. Es ist ein Vertrag für die Reserve, garantiert ihm 220 Mark monatlich. Aki will mehr, will 440 Mark, so wie die zukünftigen Kameraden aus der Ersten Mannschaft. Also macht er sich an einem Junitag im Jahre 1956 auf den Weg zur Geschäftsstelle, während Mannschaft und Vorstand von Borussia nach Berlin unterwegs sind. Das Endspiel gegen Karlsruhe steht an. Aki droht, sich für Schalke zu entscheiden. Ein Satz, der ausreicht, dass Obmann Dolle aus Berlin zurückfliegt, um Akis Wünsche zu erfüllen.

Der einstige Kreisliga-Kicker schafft auf Anhieb den Durchbruch. Gleich beim ersten Training haut er seinem Torhüter zwei, drei Dinger rein, wie er sagt. Schießt zum Saisonauftakt gegen Schwarz-Weiß Essen beide Tore zum 2:0-Sieg und zaubert beim 4:3-Erfolg in Köln – Sepp Herberger und seine Nationalspieler, die das Spiel während eines Lehrgangs besuchen, sind verblüfft. Wer ist der kleine, drahtige, technisch versierte Halbstürmer, der da gerade gestandene Fußballer austrickst?

Noch 1957 macht der Dortmunder sein erstes Spiel für Deutschland, erzielt beim 2:1 gegen Holland den Siegtreffer. Von Anfang an teilt er sein Zimmer mit dem Idol einer ganzen Nation. Mit dem Weltmeister, den er noch drei Jahre zuvor im Fernsehen bewundert hat: Boss Helmut Rahn, zweifacher Torschütze beim Wunder von Bern. „Der Helmut war ein feiner Kerl, ein echter Kumpel, eben einer aus dem Ruhrpott.“

Der Mann aus Dortmund

Neun Treffer in 25 Spielen, die WM-Teilnahme 1958 in Schweden, wo er sich nach zwei Begegnungen verletzt – Sepp Herberger hält große Stücke von dem torgefährlichen Mann aus Dortmund, macht ihn zum Kapitän. „Seine Briefe habe ich heute noch. Regelmäßig hat mir Herberger geschrieben, was ich verbessern muss.“ Der hüftsteife Borusse soll Gymnastik machen, seine Schnelligkeit verbessern.

Als der Bundestrainer aufhört, darf Kapitän Schmidt die Abschiedsrede halten. Einen besseren Trainer, lobt er aus voller Überzeugung beim Bankett nach dem Länderspiel gegen die Finnen in Helsinki, wird es nach Herberger für die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr geben.

Für Aki gab es danach kein Länderspiel mehr. Herbergers Nachfolger, der Dresdener Helmut Schön, hat dem Dortmunder diesen Satz nie verziehen.

Später Triumph

1963, sechs Jahre nach der Schmach von Hannover, wird der Publikumsliebling der Schwarzgelben dann doch noch Deutscher Meister. 1966 dann feiert ganz Dortmund den neuen Europapokalsieger. Aki sitzt auf dem Weg zum Borsigplatz im offenen Wagen neben Libuda und Emmerich. Abwechselnd halten sie den Pokal in die Höhe, müssen Hände schütteln, Autogramme schreiben.

Libuda und Emmerich. Fußball-Legenden aus dem Revier. Beide geniale Spielpartner von Aki Schmidt. Beide viel zu früh gestorben.

Nur noch Erinnerung. Die Doppelpässe zwischen Aki und Emma auf beiden Seiten der Außenlinie. Erst auf dem Platz, dann als Fanbetreuer der neuen Borussia. Traumhafte Anspiele mit Ball und Worten. Wenn Emma zum millionsten Mal von seinem Jahrhunderttor erzählen musste, damals bei der WM 1966 gegen Spanien. „Da krieg‘ ich die Kirsche fast an der Außenlinie, geh‘ volles Risiko, halt‘ einfach drauf, und die Kugel jagt genau in den Giebel.“ Wenn Aki konterte: „Sei doch ehrlich, Emma. Du wolltest doch nur flanken.“

Im August 2003 stirbt Lothar Emmerich. Krebs. Seitdem führt Aki die Besuchergruppen allein durch sein Westfalenstadion, das jetzt „Signal Iduna Park“ heißt. Zeigt, wo sich in der Kabine die Brasilianer umziehen, nämlich vor dem großen Spiegel. Macht einen Abstecher in die Kampfbahn Rote Erde gleich nebenan. „Hier haben wir Benfica Lissabon mit 5:0 vom Platz gefegt“, schwärmt er dann. Und Emma, sein Partner, hätte ergänzt: „Sensationell, einfach sensationell. Ausgerechnet der Brungs, der im Training seit Wochen keinen Lastwagen mehr getroffen hat, macht drei Buden.“

Aki Schmidt, die ehrliche Haut

Zum Schluss, da zeigt Aki den Gästen den Erlebnispark im Stadion. Hier hängen die Bilder des Ruhms an der Wand. Die Sieger von 1956, 1957, von 1963 und später. Hier liegen die Kopien der Meisterschalen, der Pokale unter Glas. Hier stehen die Altmeister in Wachs. Ganz vorne rechts im Raum Sandmann, Preißler, Michallek, Bracht, Niepieklo, Burgsmüller, Kelbassa.

Aki Schmidt, die ehrliche Haut, kann zu jedem eine Geschichte erzählen. Über Adi Preißler, seinen väterlichen Freund, der in einem Duisburger Altenheim starb. Über Jockel Bracht, der wie er mit einem pelikanroten Karmann Ghia Cabrio mit schwarzem Dach durch Dortmund kurvte. Über Max Michallek, genannt die Spinne, weil er im Mittelfeld die Fäden zog.

Natürlich wollen die Fans auch Emma und Aki sehen. Aus Wachs, in gelben Trikots und schwarzen Hosen stehen sie etwas weiter hinten im Erlebnispark. Aki und Emma, zwei Freunde, Seite an Seite, wie einst im wahren Leben. Früher haben sich die beiden für Erinnerungsfotos neben ihre Nachbildungen gestellt, haben in die Kamera gelächelt, geflachst, von früher geschwärmt. Heute erklärt Aki den Gästen, wo sie die Figuren finden. Er selbst kommt nicht mehr mit.

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