Aktion zum Flüchtlingsdrama in Bochum erschüttert Zuschauer

Hunderte vor dem Schauspielhaus

Als immer mehr Menschen den vergleichsweise kleinen LKW betreten, wird die Luft stickig, die Leute fühlen sich sichtbar unwohl, kriegen Herzklopfen, müssen sich austauschen: "Unvorstellbar, dass jetzt die Klappe zugeht und das Ding losfährt!" Unvorstellbar, dass 71 Menschen eine solche Not empfunden haben, dass sie sich von Schleppern auf engsten Raum haben verladen lassen und mitten in Europa in einem solchen Fahrzeug umkamen.

BOCHUM

, 02.09.2015 / Lesedauer: 2 min

"Das hier ist keine Kunstaktion, keine Performance, kein Nachstellen des Ereignisses", sagt Olaf Kröck, Chefdramaturg des Schauspielhauses Bochum, am Mittwochabend. Er hat die Idee des Spediteurs Gerard Graf ermöglicht, einen LKW auf dem Theater-Vorplatz zu parken und den Bürgern die Möglichkeit zu geben, mit dem Flüchtlingsdrama vor einer Woche in Österreich ein Erlebnis, ein Gefühl zu verknüpfen.

"Es geht darum, einen abstrakten Vorgang zu vergegenwärtigen", erklärt Intendant Anselm Weber. "Ein Umdenken könnte vielleicht stattfinden, wenn wir statt des Begriffs Flüchtlinge den der Vertriebenen verwenden. Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie, seine Arbeit… Und wer kennt die Situation von Vertriebenen besser als wir in Deutschland."

Natürlich sind auch kritische Bürger gekommen. "Ich sehe hier in erster Linie viele Kameras auf den Namen der Spedition gerichtet", sagt ein Passant. "Ich wundere mich, dass bei einer Aktion wie dieser die Aufmerksamkeit so groß ist, dass es scheinbar hip ist, bei Facebook Partei für Flüchtlinge zu ergreifen", sagt ein Galerist, "aber wenn es darum geht, zum Beispiel in der Kleiderkammer Bochum-Linden konkret Hilfe zu leisten, dann sind es immer nur dieselben 20 Aktiven, die mit anpacken."

"Wir haben Platz für Flüchtlinge"

Wenn man in die erschütterten Gesichter der vielen Menschen blickt, wenn man die beobachtet, die mit wackeligen Beinen aus dem LKW steigen, wird jedoch klar: Die Aktion hat etwas bewirkt. "Ich hoffe, dass die Politik auch auf diesem Weg darauf aufmerksam wird, was uns Bürger anrührt, was wir möchten", sagt Gerard Graf. "Ich habe in den letzten Tagen kaum noch gearbeitet, sondern nur noch mit Freunden, Bekannten telefoniert. Alle sagen mir: Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Sie sollen gerne nach Deutschland kommen, wir haben Platz für sie."