Alceste im Schrebergarten

Ruhrtriennale

Johan Simons Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Oper "Alceste" könnte in jedem Schrebergarten des Ruhrgebiets spielen. Der Intendant hat zur Eröffnung seiner zweiten Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle einen Design-Klassiker in den Mittelpunkt gestellt: den Monoblock-Stuhl.

BOCHUM

, 14.08.2016, 15:21 Uhr / Lesedauer: 1 min
Alceste im Schrebergarten

önigin Alceste (Brigitte Christensen) und Oberpriester (Georg Nigl) im Meer aus Plastikstühlen.

Alles ist voller weißer Plastikstühle. Wenn das Volk in den Tempel zieht und das Orakel befragt, dann wird das irdische Rumoren der Götterwelt mit einer ganzen Ladung symbolisiert, die von der Decke fällt.

Das praktische Plastikmöbel hat so gut wieder jeder zu Hause. Es ist etwas, das uns alle gleich macht. Und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Werte-Dreiklang will Simons in dieser Ruhrtriennale-Saison zur Diskussion stellen.

Dynamisches Spiel

Glucks "Alceste", die in der Version von 1767 aufgeführt wird, beginnt mit einem Seufzer. Die Ouvertüre steht in d-moll und klingt wie der Introitus eines Requiems.

Das exquisite B’Rock Orchestra unter der Leitung von René Jacobs betont die Trauer mit extrem dynamischem Spiel, wie es auch sonst alle noch so kleinen Akzente aus dieser frühklassischen Komposition herauskitzelt und sie zu einem Ereignis macht.

Klage weht durch Jahrhunderthalle

"Ach, gerechte Götter. Was wird aus dem leidenden Königreich?" Der Chor MusicAeterna weht diese Klage über den sterbenden König stimmgewaltig durch die Jahrhunderthalle.

Die Mitglieder des jungen Ensembles sind nicht nur außergewöhnlich gute Sänger, sondern auch gute Schauspieler. In ihren Kostümen spiegeln sie eine gesellschaftliche Bandbreite von einfachen Bauern des 18. Jahrhunderts bis zu Bankern des 21. Jahrhunderts wider.

Gluck hat mit "Alceste" die Oper seria reformiert. Er wollte nicht die Virtuosität der Sänger ausstellen, keine Adeligen oder Götter, sondern echte Menschen mit echten Gefühlen - in all ihrer Widersprüchlichkeit - auf die Bühne stellen.

Opfer gefordert

Allen voran Alceste, die für ihren Mann sterben will, weil das Orakel ein Opfer für das Leben des Königs fordert. Sie hadert zwar und das arbeitet die Sopranistin Birgitte Christensen in vielen Arien in wunderbarer Klarheit und Schönheit heraus. Aber schlussendlich will Alceste sterben.

Warum, das versteht niemand. Nicht ihr Volk, nicht ihr Mann, nicht Regisseur Simons, der in seinem denkwürdigen Schlussbild die Kinder des Königspaares um die große Leerstelle unbeantworteter Fragen tanzen lässt.

Termine: 20./25./27. 8. um 20 Uhr und 21./28. 8. um 17 Uhr in der Bochumer Jahrhunderthalle;
Karten: Tel. (0221) 28 02 10.

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