"Altweibersommer" von A.L. Kennedy: Schottische Träume vom großen Glück

OBERHAUSEN Ein "häusliches Musical" nennt A.L. Kennedy ihr Stück "Altweibersommer" im Untertitel. Weil es von einer vierköpfigen Mittelstandsfamilie handelt, einen Tag und eine Nacht in deren Heim schildert - und eben auch ein paar Songs enthält.

von Von Klaus Stübler

, 11.01.2009, 15:26 Uhr / Lesedauer: 2 min
"Altweibersommer" von A.L. Kennedy: Schottische Träume vom großen Glück

Das schottische Ehepaar (Torsten Bauer und Anja Schweitzer) in der Oberhausener Uraufführung.

Bei der mit großem Beifall aufgenommenen Uraufführung am Freitagabend im Theater Oberhausen wurde das "Häusliche" noch dadurch unterstrichen, dass Otto Beatus die von der schottischen Autorin eingestreuten Liedtexte nur mit Klavierbegleitung vertont hat. Mit der über Oberhausen verhängten Haushaltssperre, so der Regie führende Intendant Peter Carp im Vorfeld, habe die sparsame musikalische Besetzung jedenfalls nichts zu tun.

Ein echter Hingucker ist das Bühnenbild von Kaspar Zwimpfer: eine umgekippte überdimensionale Einkaufstüte, darin eine Menge Sofas und Sessel, zum Teil noch in Plastikfolienüberzug, Stehlampen noch mit Preisschildern. Aber die Szenerie ist auch irreführend: Hier haust nicht etwa eine Familie im Kaufrausch, sondern im ungewollten Überfluss, zugemüllt mit materiellen Gütern. Denn Vater Maurice, der gutmütig-schwächliche Versicherungssachverständige (Torsten Bauer), wird damit von einem korrupten Bauunternehmer bestochen. Auch sonst herrscht alles andere als Friede, Freude und Eierkuchen in der Tüte: Für Mutter Pat, die blasse, müde und ausgepowerte Lehrerin (Anja Schweitzer), erfüllt sich im wirklichen Leben nicht die Sehnsucht nach einer Hollywoodkino-Liebesgeschichte mit Kollege Malcolm (witzig: Michael Witte). Die hibbelige, spätpubertierende Tochter Samantha (Nora Buzalka) träumt vergeblich von der Schwangerschaft und einer heilen Welt mit eigener Familie. Und Sohn Danny, der langmähnige Raufbold, der sich zum Priester berufen fühlt (Caspar Kaeser), schafft es nicht einmal, in der eigenen Familie Frieden zu stiften. Das gelingt in einem nebulösen, das allgemeine Harmoniebedürfnis stillenden Finale erst der resoluten Oma (Karin Kettling).

Boulevardesk

Bis dahin sind alle unglücklich in diesem unspektakulären Drama, das Kennedy realistisch und teilweise boulevardesk angelegt hat. Etwas befremdlich fürs deutsche Publikum ist die schottisch-religiöse Komponente, vor allem die Alptraumszene, in der die Autorin den calvinistischen schottischen Reformator John Knox leibhaftig auftreten lässt.

Otto Beatus, im Schottenrock am Piano sitzend, knüpft in seinen nostalgisch anmutenden Liedern u. a. an die Chansons von Friedrich Hollaender an, wobei Anja Schweitzer mit dünnem Stimmchen auch etwas an dessen Muse Blandine Ebinger erinnert.

Schlagworte: