Am Ende der „Hochzeit“ bricht das Haus zusammen

Ruhrfestspiele Recklinhausen

Theater sollte nicht von Pappe sein? Für Elias Canettis Drama "Hochzeit" gilt das nicht. Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen besteht diesmal die ganze Bühne scheinbar aus Wellpappe: die Spielfläche, die im Verlauf des Abends immer gefährlicher schwanken wird, und die Mauern des Hauses, das am Ende auf spektakuläre Weise zusammenbricht.

RECKLINGHAUSEN

, 11.06.2017, 22:03 Uhr / Lesedauer: 1 min
Karikatuenhaft kostümiert ist die Hochzeitsgesellschaft in Andreas Kriegenburgs Inszenierung.

Karikatuenhaft kostümiert ist die Hochzeitsgesellschaft in Andreas Kriegenburgs Inszenierung.

Irre, was für ein Szenenbild Harald Thor für diese Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin geschaffen hat. Leider ist es schon das Beste, das die Premiere am Freitag zu bieten hatte. Denn in der Inszenierung des Star-Regisseurs Andreas Kriegenburg bleibt der Text des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti (1905-1994) belanglos.

Karikaturenhaft kostümiert

Kriegenburg lässt sein 16-köpfiges Ensemble in die Groteske taumeln, als wär´s ein Gemälde von Otto Dix. Andrea Schraad hat die Hochzeitsgesellschaft karikaturenhaft kostümiert. Apotheker Gall (Elias Arens) und Witwe Zart (Wiebke Mollenhauer) scheinen aus der Addams Family zu stammen, die Braut (Franziska Machens, Foto Declair) verrät ihren zur Puppe geschminkten Bräutigam. Der Brautvater (Jörg Pose) stolpert im zu großen Anzug über die Bühne, dagegen wirkt das Jackett von Horch (Moritz Grove) eher eingelaufen.

Ist das jetzt noch Loriot oder schon die Lasterhaftigkeit, die das Stück 1932 geißeln wollte, die uns aber heute seltsam nostalgisch erscheint? Das Ensemble gibt alles, doch wir sehen nur Pappkameraden aus Gier und Geilheit. So schauen wir Besucher eher ungerührt auf eine tolle Theatertechnik, die diese Gesellschaft unter Trümmern begräbt.

"Apokalypse" von Karl Kraus

Immerhin gibt´s zum Schluss die "Apokalypse" (1908) von Karl Kraus. Der Text über die "Tragik einer gefallenen Menschheit, die für das Leben in der Zivilisation viel schlechter taugt als eine Jungfer fürs Bordell" beschreibt unsere Zeit besser und schärfer, als es Canettis Stück heute noch vermag. Schwacher Applaus.

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