Andreas Rebers: Manche Dinge kann man mit Bier nicht kompensieren

Im Interview

Andreas Rebers ist Kabarettist, spielte in der Band "Los Promillos" und war Musikchef am Staatstheater Braunschweig. Bierliebhaber war er schon immer. Wir haben mit ihm zum 500. Geburtstag des Reinheitsgebots gesprochen. Zur Lektüre empfehlen wir ein kühles Helles.

DORTMUND

, 22.04.2016, 18:50 Uhr / Lesedauer: 8 min
Der Kabarettist Andreas Rebers sagt: Wenn man eine Flasche Bier neben eine Flasche Coca-Cola stellt, dann hat man hier Kultur und dort Kapitalismus.

Der Kabarettist Andreas Rebers sagt: Wenn man eine Flasche Bier neben eine Flasche Coca-Cola stellt, dann hat man hier Kultur und dort Kapitalismus.

Am Samstag, 23. April, dem Tag des Deutschen Reinheitsgebots, tritt Andreas Rebers im Konzerthaus auf. Vorab sprach Tilman Abegg mit ihm über Kioske im Ruhrgebiet und Familienbrauereien in Franken, BVB und FC Bayern, Bier und Politik, Kultur und Kapitalismus und die Simpsons.

Hat Bier kabarettistisches Potenzial?

Bier ist ja nicht das typische Kabarettistengetränk, Kabarettisten sind eher Weintrinker. Der Dieter Hildebrandt, der Werner Schneyder, Gerhard Polt, Bruno Jonas, das sind ausgesprochene Weinkenner. Aber das Bier nach der Vorstellung, ein kühles Weißbier in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, das ist schon eine sehr, sehr großartige Erfrischung. Ich glaube, es war Lothar Matthäus, der sagte, er kann auch ohne Alkohol viel Spaß haben.

Man soll den Sand nicht in den Kopf stecken.

Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien. Genau. Jedenfalls habe ich dadraus gemacht: Ich bin ein Mann, der auch ohne Spaß zu haben viel Bier trinken kann. Abgesehen davon habe ich mir über Bier noch nie viele Gedanken gemacht. Als ich konfirmiert wurde, hat mein Vater mir eine Flasche Einbecker Urbock hingestellt und gesagt: Du hast jetzt alle notwendigen Segnungen des Christentums, jetzt kannst du Bier trinken.

Wie alt waren Sie?

14 oder so. Aber es hat mir nicht geschmeckt. Es war mir zu herb, zu trocken. Aber als ich zum ersten Mal ein kleines, frischgezapftes Bier getrunken habe, das war schon besser. Und dann gewöhnt man sich ja dran. Ich habe mich in diese Thematik ganz langsam hineingearbeitet.

Bei unserem Telefonat zur Terminabsprache sagten Sie, Sie könnten mir auch was übers Braurecht erzählen. Woher wissen Sie darüber Bescheid?

Die Bayern sagen ja, das Reinheitsgebot sei eine Bayrische Erfindung, und gelten international als die Bierbrauer – was ja überhaupt nicht stimmt. In Bayern haben wir die sogenannte Massenbierhaltung, wie Franziskaner und Löwenbrauerei.

Massenbierhaltung?

Hersteller, die Bier in riesigen Mengen auch für den internationalen Markt produzieren. Die Individualität, die man dahinter vermutet, die gibt es gar nicht. Aber die gibt es in Franken. Franken gehört zu Bayern, hat mit Bayern aber nichts zu tun. Dort gibt es unzählige kleine Brauereien, die zum Teil nur drei oder vier Gaststätten versorgen. Familienbetriebe, die unglaublich gute Biere machen.

Das Braurecht hängt in Franken an der Immobilie. Das heißt, wenn man ein Haus mit Braurecht kauft, darf man sein eigenes Bier brauen. Das machen da auch ganz viele. Da geht man zum Nachbarn und fragt den, ob er einem helfen kann sein erstes Bier zu brauen.

An den Wochenenden gibt es Feste, wo man durch die Kleinstädte geht und beim Müller, Meier und Huber deren Biere probiert. Dazu gibt es Schnittchen und diese wunderbaren fränkischen Bratwürste. Das ist eine ganz andere, sehr persönliche Kultur. Ist doch fantastisch, dass es so was gibt.

 

Haben Sie mal gebraut?

Nein. Ich habe mal zugeschaut, das hat ja so einen ganz eigenartigen Geruch, wegen des Malzes, ich habe auch mal neben einer Brauerei gewohnt – das ist nicht immer so schön.

Den vielen kleinen Brauereien in Franken könnten wir in Dortmund unsere Kioskkultur entgegensetzen.

Ja. Kioske gibt es ja auch in Hannover, wo ich lange gelebt habe, da gibt es auch die Trinkhalle, aber die gibt es im Ruhrgebiet ja auch, oder?

Ja, zwischen Kiosk und Trinkhalle sind bei uns die Grenzen flüssig, würde ich sagen.

Genau. Es ist einfach so ehrlich. Da gibt es kein Schischi, man geht dorthin um zu trinken, man setzt sich nicht, man steht. Und für meinen Beruf ist so was sehr wichtig, weil man dort Kontakt zum Volk hat, weiß, wie die Menschen reden, und man kann sehr gut zuhören.

Aber es kann auch ein Ort sein, wo man der anderen Seite unserer Gesellschaft begegnet, dem Elend, der Vorstufe zum Alkoholismus. Aber es ist nach wie vor ein schöner Ort, und ich habe ja auch keine Angst vorm Volk.

Wie beruhigend.

Das ist wie beim Fußball. Ich bin – und das sage ich jetzt nicht, um toll rüberzukommen – zusammen mit meinem Sohn BVB-Fan, genauso wie Piet Klocke und Joachim Krol. In München gibt es ein Lokal, das nennt sich die Clemensburg, wo die versprengten BVB-Fans bei den Liveübertragungen sitzen und viel Bier trinken.

Das ist ein sehr schönes Convivio, es hat etwas sehr Freundschaftliches, Kollegiales, und das ist wichtig. Dieses etwas Proletarische, das gibt es beim FC Bayern nicht, zumindest nicht in München. Das hat immer gleich eine andere Ebene, es hat immer auch einen gewissen Schick.

Ist das gut oder schlecht?

Ich mag es nicht.

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Was fehlt Ihnen denn dabei?

Mir fehlt, sagen wir mal, dass das Herz auf dem rechten Fleck sitzt. Und das kann man mit Bier auch nicht kompensieren. Ich habe selbst früher Fußball gespielt, beim TSV Kirchbrak, Kreisklasse. Das ist das, was ich nach wie vor am liebsten habe. Bauernfußball. Da gibt es einen Holzkohlegrill für ’ne Bratwurst, und wenn eine Pommes dazu kommt, ist es schon zu spät.

Auf Asche oder Rasen?

Es gab zwei Vereine, die hatten Ascheplätze, die waren bei Auswärtsspielen immer gefürchtet. Wir hatten einen schönen Rasenplatz. In meiner ursprünglichen Kindheit hatten wir sogar einen Platz direkt neben einem kleinen Fluss.

Ich weiß noch, wir hatten einen extra Ballholer, der dafür abgestellt war, den Ball, wenn er in den Fluss geflogen war, wieder rauszuholen, mit einem Körbchen an einer Stange. Es war ein kleines Dorf, und der Fußball, das Bier und die Bratwurst, das waren praktisch die drei wichtigsten Parameter des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Nicht so viel anders als hier.

So weit ist ja jetzt Niedersachsen auch nicht weg.

Über den FC Bayern sagten Sie gerade, dass da etwas fehlt, was man mit Bier nicht kompensieren kann. Was kann man denn mit Bier kompensieren?

Bier ist sehr kommunikativ. Und es ist ja auch ein Nahrungsmittel. In der Schwerindustrie, die es in Bayern ja früher auch schon gab, wurde die Arbeiterschaft zum Teil in Bier bezahlt. Ich müsste es noch recherchieren, aber so weit ich mich erinnere, bekamen die Arbeiter zum Frühstück, zum Mittag und zur Brotzeit je ein Maß Bier, zusätzlich zum Lohn.

Bier ist flüssiges Brot, heißt es oft.

Ja. Das ist doch was Tolles. Und man muss sich einmal überlegen, wenn das jetzt nicht zusammengeplörrt wird, so wie Warsteiner zum Beispiel: Man bezahlt für eine Flasche Weißbier einen Euro, und man bekommt einen halben Liter von so einem hochwertigen Lebensmittel. Das ist eine gigantische Kulturleistung.

Denn wenn ich mir anschaue, was man für einen Euro noch für einen Mist kaufen kann, diese Süßigkeiten, diese ganze Burgerkultur, diese ganze amerikanische Stehfresskultur, die ja weit davon entfernt ist, so etwas wie eine Trinkhalle zu sein. Wenn man in so einen McDonalds oder so einen Burgerking hineingeht, das ist ja zutiefst wiederlich, diese ganze Atmosphäre.

Und es ist völlig egal, ob ich in Dubai in so einen Laden gehe oder in Stockholm oder in München oder in Dortmund. Es ist immer gleich. Und es ist voll mit Weizenpampe und mit Glutamaten – und dagegen ist ein Bier ja nahezu von homöopathischer Reinheit. Ein wirklich hochspirituelles Getränk. Wenn man sich überlegt, was da drin ist, nur Hopfen, Malz und Wasser.

Inwiefern hochspirituell?

Ich meine damit, dass es ganz rein und unverfälscht ist. Wenn man sich an das Reinheitsgebot hält. Jetzt haben wir ja auch diesen ganzen Bioterror, und Veganer und Vegetarier, und was die nicht alles machen. Da muss der Salat noch mal umgedreht werden und dann handgepflückten Kerbel und ein bisschen Brunnenkresse dazu, damit das alles so gesund ist und rein. Aber Bier dagegen, das ist Homöopathie fürs Volk.

Und worin besteht die homöopathische Wirkung?

Natürlich auch ein bisschen im Alkohol, es lockert die Zunge und man kann nach einem Bier auch gut schlafen. Es muss in Maßen sein. Wenn ein Kumpel zu mir sagt: Kommste mal vorbei, trinken wir 'ne Kiste Bier - das ist ein bisschen viel.

Maßhalten sollte man aber auch mit Brunnenkresse. Und mit jedem anderen Lebensmittel auch.

Ja, natürlich. Irgendwann schmeckt's nicht mehr, und irgendwann hat man auch keine Lust mehr, zehnmal pro Nacht aufzustehen, weil die Blase zu voll ist. Aber wenn ich mir überlege: Du nimmst ein Glas oder ein Bierkrug oder ein Steinkrug zum Beispiel, und du hast eine schöne Flasche Bier, das kann auch ein Veltins sein, ich trinke ja am liebsten Weißbier, und ich betrachte das, dann habe ich ein Naturprodukt, das nur das will, was es kann.

Ein Bier will immer nur ein Bier sein. Wenn ich mir die ganze Cocktailkultur angucke, was da alles zusammengemischt wird, und dann noch ein bisschen Zucker dran, und dass kann ja auch mal gut schmecken. Aber wenn ich es in der Breite aufgestellt betrachte, würde ich immer ein Bier vorziehen.

Und es ist ja wirklich nicht teuer. Wenn ich mir überlege, was die für einen Burger oder für so eine widerliche Coca-Cola haben wollen, und ich nehme einen Liter Coca Cola und ich habe daneben ein Maß Bier - dann weiß ich, was Kultur ist und was Kapitalismus ist.

 

Ihre erste Band hieß "Los Promillos", und mit der sind Sie über Schützenfeste getingelt, richtig?

Genau.

Da war im Publikum bestimmt nicht jeder nüchtern, oder?

Natürlich. Wir waren eine Krawallband, wir hatten das gesamte Repertoire der Hitparade der 70er-Jahre.

Also Schlager, rockiger gespielt?

Nein, dafür waren wir zu schlecht. Wir waren - naja, nie kopiert, aber oft erreicht. Wir hatten einen ganz tollen Sänger, der auch anständig Gitarre gespielt hat, und ich hatte eine Weltraumorgel von Farfisa. Heute hau'n wir auf die Pauke, ein paar schöne Volkslieder...

Waren Sie denn dabei nüchtern?

Nee, natürlich nicht. Bier haben wir immer getrunken, und vielleicht mal einen Bommerlunder. Aber ich war ja noch jung, habe mit 16 angefangen, und ich musste mit dem Trinken aufpassen, ich musste ja am nächsten Tag zu Schule. Aber die anderen waren älter, unser Schlagzeuger, das war ein kräftiger Kerl und der musste auch nicht fahren, de rhat locker mal 25, 30 kleine Bier getrunken.

Wir haben Tanzmusik gemacht, Gebrauchsmusik. Wenn wir gespielt haben, sind die Leute aufgestanden und haben getanzt. Kennen Sie Marschwalzer? Die Herren bilden einen Innenkreis, die Damen bilden einen Außenkreis, und dann geht's los. Und immer wird bunt gewürfelt, jeder tanzt mit jedem. 

Das ist zutiefst demokratisch. Das ist die Möglichkeit für den Dorftrottel mit der Frau des Bürgermeisters zu tanzen, denn beim Marschwalzer wird nicht abgelehnt.

Spielt Bier in der bayrischen Politik eine Rolle?

Es gibt die große Bierpartei CDU, die das Bier für sich in Anspruch nimmt, als politisches Argument. Deswegen hat die SPD auch keine Chance - dem Einzigen, dem man abnimmt mit Bier umgehen zu können, ist der Oberbürgermeister von München der beim Oktoberfest das Fass ansticht, und alle warten darauf, dass er's versaut.

Der neue Bürgermeister, der Dieter Reiter (SPD, Anm.d.Red.), seit zwei Jahren im Amt, der hatte beide Male Probleme, weil er immer noch einen dritten Schlag nachsetzen musste. Christian Ude, der Berufsbürgermeister, auch ein Sozialdemokrat, der war am Schluss so gut, der hat mit einem Schlag das Fass angehauen.

Hat er geübt?

Eigentlich gehört sich das nicht, aber ich kann's mir vorstellen. Ein Schlag - und zack. Und wenn SPD-Bürgermeister das versaut, dann würde ganz Bayern sagen: Des kenn's a net.

Aber das ist dem Reiters doch passiert, oder?

Nein, der musste zwar dreimal schlagen, aber das ist noch nicht versaut. Versaut ist es, wenn der Zapfhahn überhaupt nicht richtig reingeht, noch mal reingesetzt werden muss und das Bier rausspritzt.

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit - glauben Sie, an dem Spruch ist was dran?

Ja, glaube ich schon.

Aber Bier verändert doch die Wahrnehmung. Das sieht man doch zum Beispiel daran, dass man sich Menschen schöntrinken kann. Ich glaube, es kommt oft vor, dass jemand etwas im betrunkenen Zustand sagt, was er im nüchternen Zustand nicht sagen würde, und zwar nicht, weil er sich nüchtern nicht traut, sondern weil er es nüchtern ganz anders sieht.

Ja, das hat dann auch was mit Kontrollverlust zu tun. Der Sinn des Bieres besteht meiner Meinung nach ja nicht im Vollrausch, sondern im Genuss. Harte Drogen, Crystal Meth und so weiter, die haben nur den Zweck, dich im Handumdrehen von A nach B zu bringen. Aber wenn ich ein Bier trinke, dann ist es ein Begleiten. Der Rausch ist nicht das zwingende Ziel.

Aber ist nicht auch der sanfte, kaum spürbare Rausch bei einem Bier Teil des Genusses?

Doch, klar. Aber das ist eben schon der Genuss. Bier ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Vollrausch, hat aber die optionalen Möglichkeiten.

Schauen Sie manchmal die Simpsons?

Ja.

Kennen Sie die Szene, wo Homer Simpson in einem Flugzeug Lionel Richie trifft und ihn fragt, ob er etwas mit Bier singen kann? Und dann singt Richie "Beer you, Beer me", und Homer sagt: Und jetzt soll jedes Wort Bier sein! Können Sie darüber lachen?

Eigentlich ja. Diese Passage kenne ich allerdings nicht. Meine Kinder schauen das, und ich habe mich dazugesetzt, weil ich wissen wollte, was sie schauen. Meine Kernerfahrung, wo ich es richtig klasse fand, war, wo Bart Simpson ins Textilgeschäft einsteigt, mit ganz tollen T-Shirts, und er sagt: Schaut mal, von Kindern für Kinder! Da habe ich angefangen, diesen Humor, diese Anarchie zu begreifen.

Und als dann Ayatollah Chamene'i eine Fatwa ausgesprochen hat, weildie Simpons unislamisch seien, da habe ich gewusst: Die müssen richtig gut sein. Ich mag sie, weil sie viel mit meinem Beruf zu tun haben, und das machen sie einfach richtig gut. Und die Synchronstimme Anke Engelke als Marge Simpson ist großartig.

In der Samstagsausgabe der Dortmunder Ruhr Nachrichten finden Sie einen besondern Lokalteil. Sämtliche große und kleine Geschichten drehen sich nur um ein Thema – ums Bier. Der Grund: Am Samstag vor 500 Jahren wurde das Reinheitsgebot für Bier erlassen. Das war zwar in Bayern, aber das stört uns nicht, denn: Jahrzehntelang war nicht irgendeine Stadt in Bayern, sondern Dortmund Europas Hauptstadt des Biers. Nirgendwo sonst wurde soviel Gerstensaft gebraut wie hier. Neben Kohle und Stahl war Bier das Markenprodukt aus Dortmund. Hier geht's zur Bierausgabe ()