Anna Karenina-Ensemble überzeugt im Saalbau

WITTEN "Anna Karenina" - was für ein Stück! Katja Riemann - was für eine Anna Karenina! Glückwunsch den Machern von Euro Studio Landgraf und dem Stadttheater Fürth für eine mutige, innovative und mitreißende Darbietung, die die Theatergemeinde Volksbühne Montagabend zu Recht mit Minuten langem Applaus feierte.

von Von Dietmar Bock

, 12.02.2008, 13:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Alexej Karenin (Peter René Lüdicke) und Anna Karenina (Katja Riemann) haben sich am Ende nichts mehr zu sagen.

Alexej Karenin (Peter René Lüdicke) und Anna Karenina (Katja Riemann) haben sich am Ende nichts mehr zu sagen.

Alter Stoff, von Leo Tolstoi vor 140 Jahren auf 1000 Seiten erzählt, kommt in der Inszenierung von Amina Gusner in zwei Stunden Kurzweil modern daher, rüttelt auf, schockiert den einen oder anderen gar, und ist zugleich ungemein gefühlvoll.

Mit Katja Riemann in der Titelrolle als innerlich zerrissene Anna, die einmal freudig erregt ausflippt, um dann Sekunden später zu Tode betrübt und - buchstäblich - am Boden zerstört zu sein, glückte eine Besetzung, die besser nicht sein könnte. Schauspielerin und Rolle werden eins. Bravo, Katja Riemann zu diesem enorm verbalen, aber auch körperlichen Kraftakt!

Packende und laute Dramaturgie

Unter der packenden wie überraschenden, bisweilen sehr lauten Dramaturgie von Anne-Sylvie König zeigen auch Peter René Lüdicke (als Annas Ehemann Alexej Karenin), Sébastien Jacobi (Annas Liebhaber Wronskij), Heinrich Schafmeister (Annas Bruder "Stiwa"), Birgit Schneider (Stiwas Frau "Dolly"), Anika Mauer (Dollys Schwester "Kitty") und Jörg Pintsch (Kittys Lover "Lewin") Schauspielkunst auf allerhöchstem Niveau.

 Johannes Zacher bietet bei der brillant in Szene gesetzten Gefühlsachterbahn von Anna, die zwischen Mann und Sohn sowie dem Schauspieler Wronskij schwankt, die ebenso einfach gehaltene wie wirkungsvolle Bühne.

Mit den durchsichtigen Glasscheiben an beiden Bühnenseiten sowie dem Milchglas im Hintergrund, hinter dem die Figuren ihre Konturen verlieren und verzehrt wirken, verstärkt er den durch Gestik, Mimik und vor allem durch die übereinander gelegten, von mehreren Personen zeitgleich gesprochenen, inhaltlich konträren Texte, gewonnenen Eindruck der inneren Zerrissenheit.

Glänzend untermalt wird das einzigartige Gefühlschaos, das durch die exzellenten Akteure für jeden Betrachter spürbar, gar erlebbar wird, durch die genialen Lichteffekte (Marc Hermann) von grellem weiß über saftiges Grün und Liebesrot bis hin zur kühlen, blauen Wand und der sinnlichen bis rockigen gar unwirklichen, lauten Musik (Dietmar Loeffler).

Moderne, sozialkritische Fassung

Diese moderne Fassung von Gusner / König ist ebenso sozialkritisch wie das Original von Tolstoi. Sie beleuchtet die Rolle der Frau im Hier und Jetzt. Ob Emanzipation, die Anika Mauer im Streitgespräch mit Alexej Karenin glänzend einführt, oder die oftmals  Unvereinbarkeit von Karriere und Kind, aktueller geht es nicht und kritischer als in der ungeschminkten, verbal wie körperlich sehr direkten Fassung auch nicht.

Das schockiert die einen, fesselt die anderen. Wer indes russische Pelzmützen und Folklore des östlichen Riesenreiches erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der eine oder andere ging deshalb auch schon früher.

Das Publikum war mithin ebenso zerrissen wie Anna Karenina. Wer blieb - und das waren fast alle -, wurde belohnt - mit einer herausragenden, bis ins kleinste Detail ebenso liebevoll wie witzig, bisweilen auch krass ausgearbeiteten Darbietung aller erster Güte.