Annenmaykantereit machen das FZW zu ihrem Wohnzimmer

Schnellkritik

Sie ist seit einem guten Jahr das nächste große Ding in der deutschen Popmusik, jetzt startet sie durch: die Kölner Band Annenmaykantereit. Am Mittwoch feierte sie im ausverkauften Dortmunder FZW ihren Tourauftakt. Die ehemaligen Straßenmusiker machten die Konzerthalle schnell zu ihrem Wohnzimmer. Unsere Schnellkritik.

DORTMUND

, 31.03.2016, 01:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ihr neues Album "Alles nix Konkretes" hat sich mal ebenso auf Platz Eins der deutschen Albumcharts katapultiert, alle 24 Konzerte ihrer Deutschland-Tournee sind ausverkauft - für die vier Jungs von Annenmaykantereit läuft es derzeit mehr als gut.

Doch die Besucher im FZW merkten am Mittwochabend schnell, dass sich diese vier Mittzwanziger nicht als Stars fühlen. Das Gekreische, als die Band auf die Bühne an der Ritterstraße kam, unterband Sänger Henning May sofort: "Das ist schwierig!" Später sagte er zwischen zwei Songs: "Bitte keine 'Henning'-Rufe!" Sein Wunsch: lieber "Biertrinken und Tanzen".

So hat es uns gefallen:

Auch wenn es schon zu oft geschrieben worden ist: Die Stimme von Henning May ist ein Erlebnis. Eigentlich müsste man den dürren Mann mit dem gewaltigen Organ zwingen, einen Blues-Klassiker nach dem anderen zu schmettern. May klingt, als würde er vor seinen Auftritten immer eine doppelte Portion Reibeisen-Kuchen essen. Doch auch die anderen Bandmitglieder müssen sich nicht verstecken: Severin Kantereit am Schlagzeug, wie er mal gefühlvoll im Hintergrund verschwindet, nur um dann im nächsten Moment wieder auf alle Trommeln und Becken um sich herum einzuprügeln; Christopher Annen entspannt an der Gitarre; Malte Huck - dessen Name es nicht in den Bandnamen geschafft hat, weil er erst 2014 dazu gestoßen ist - am Bass als Rückgrat der Melodien.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Annenmaykantereit im FZW

Im ausverkauften FZW hat die Kölner Band Annenmaykantereit am Mittwochabend ihren Tourstart gefeiert. Die Bilder des Abends.
31.03.2016
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Mussten sich hinter Mays Wahnsinns-Stimme nicht verstecken: Malte Hauck (Bass) und Severin Kantereit (Schlagzeug).© Foto: Nils Foltynowicz
Schmächtige Statur, gewaltige Stimme: Henning May, Sänger von Annenmaykantereit.© Foto: Nils Foltynowicz
1300 Fans waren zum Tourauftakt ins FZW gekommen.© Foto: Nils Foltynowicz
Das Konzert im FZW war ausverkauft - wie die restlichen 23 Tourauftritte.© Foto: Nils Foltynowicz
Kann nicht nur singen: Henning May an der Melodica.© Foto: Nils Foltynowicz
Anfangs wurde in den ersten Reihen gekreischt. Mays Kommentar dazu: "Das ist schwierig."© Foto: Nils Foltynowicz
Die vier Jungs aus Köln spielten nur etwa 70 Minuten.© Foto: Nils Foltynowicz
Intime Atmosphäre: Annenmaykantereit machten das FZW zu ihrem Wohnzimmer.© Foto: Nils Foltynowicz
"Da schreibt man ein Lied auf dem Balkon und dann steht da ein großer bärtiger Mann und singt es mit!" Henning May streute zwischen den Liedern immer wieder launige Kommentare ein.© Foto: Nils Foltynowicz
Generell war der Auftritt von Annenmaykantereit angenehm unaufgeregt. Die Band will lieber "biertrinken und tanzen" anstatt Gekreische und Handyvideos.© Foto: Nils Foltynowicz
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Ihr relativ kurzer, nur etwa 70-minütiger Auftritt ist angenehm unaufgeregt. Die Melodien sind eingängig, die Texte drehen sich um das, was junge Erwachsene so bewegt: die Liebe und ihr Ende, Fernbeziehungen, Umzüge in fremde Städte, ein bisschen auch die Beziehung zu den Eltern. Wirklich guter Indie-Pop-Folk, beherrscht von Mays durchdringender Stimme. Ihre Bühnen-Deko ist ohne Schischi: Fünf übergroße Schreibtischlampen umgeben die Band - fertig. Es ist, als ob die Jungs, die in den Kölner Fußgängerzonen ihre Karriere begannen, in ihrem WG-Wohnzimmer spielen würden, auf dessen ausgefransten und mit Flecken übersäten Teppich zufälligerweise 1300 Menschen stehen. Mal wird im Publikum mitgesungen, mal etwas mitgewippt, mal mit der Freundin gekuschelt, oft aber auch einfach nur zugehört.

So hat es den Besuchern gefallen:

Hermann Schumacher, 56, aus Köln: "Es steckt so viel Gefühl in den Liedern, das sind einfache Themen, die lebensnah aufgegriffen sind. Das ist jetzt schon mein fünftes oder sechstes Konzert, doch es ist nie vorhersehbar, wie sich die Jungs auf der Bühne verhalten."

Sebastian Zacke, 30, aus Dortmund: "Die Stimme von Henning ist was Besonderes. Mir gefällt, worüber er singt. Es ist tiefgreifend. Und das grenzt die Band von dem Rest ab."

Charlotte, 18, aus Sprockhövel: "Sie sind sehr ehrlich und nahbar, ich kann mich total mit dem identifizieren, worüber sie singen."

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