Anselm Weber über seinen Abschied aus Bochum

Im Interview

Bevor Anselm Weber sieben Jahre das Schauspielhaus Bochum geleitet hat, war er fünf Jahre Intendant des Theaters Essen. Max Florian Kühlem sprach mit ihm über eine prägende Zeit, die finanzielle Krise und seinen Nachfolger Johan Simons.

BOCHUM

, 10.05.2017, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min
Anselm Weber verlässt am Ende der Saison nach sieben Jahren das Bochumer Schauspiel. Er geht nach Frankfurt.

Anselm Weber verlässt am Ende der Saison nach sieben Jahren das Bochumer Schauspiel. Er geht nach Frankfurt.

Was sind die besonderen Anforderungen an das Theatermachen im Ruhrgebiet? Ich habe für mich einen Begriff gefunden und der ist "Theaterarbeiten".

 

So wie unter Tage arbeiten? Das weiß ich nicht, ich habe ja nie unter Tage gearbeitet. Aber es sind einfach zwölf Jahre Arbeit gewesen in Essen und Bochum -auf verschiedensten Ebenen. Im Ruhrgebiet ist nichts selbstverständlich: Das fängt bei der finanziellen Grundlage an. Dann ist die Basis des bildungsbürgerlichen Publikums deutlich weniger vorhanden als in anderen Städten. Ein Spielplan, der auf den Bildungskanon setzt, bedeutet hier noch nicht, dass Sie gut besuchte Häuser haben. Ich werde wahrscheinlich nie wieder ein so unabhängiges Publikum erleben wie in Bochum, dass sich so komplett seine eigene Meinung bildet, über das, was es da sieht - ganz unabhängig übrigens auch von der Kritik.

 

Was sieht das Bochumer Publikum gerne? Jetzt gerade den "Steppenwolf" in der Version von Paul Koek. Das ist ästhetisch eine der komplexesten Inszenierungen, die wir je hatten und sie ist immer ausverkauft. Ein anderer Blockbuster ist Kafkas "Verwandlung" - und da kommen nicht nur die Schüler. Man kann hier eben nicht stumpf auf Liederabende setzen, sondern muss sich den Erfolg schon hart erarbeiten.

 

Zadek, Peymann, Haußmann - das Schauspielhaus Bochum und seine Intendanten sind umrankt von Legenden. Was soll von Ihnen bleiben? Die Verortung in der Stadt. Die Internationalisierung. Dass wir Schauspieler wie Jana Schulz, Dimitrij Schaad, Dietmar Bär oder Mechthild Großmann hergeholt haben. Und dass wir das Theater maximal geöffnet haben. Es gibt keine Partner, die wir nicht eingeladen haben, mit uns zu arbeiten - von der freien Szene über städtische Einrichtungen, die Studierenden mit der Theater-Flatrate, die Zukunftsakademie NRW… Das Detroit-Projekt war wie eine Operation am offenen Herzen der Stadt, da ist eine tiefe Verbundenheit entstanden. Wer im Hinblick auf das Schauspielhaus Bochum noch von Schwellenangst redet, weiß nicht, was wir hier gemacht haben.

 

Dabei hatten Sie lange mit einer finanziellen Krise zu kämpfen. Man kann im Nachhinein gar nicht drastisch genug werden in der Wortwahl: Die ersten Jahre war ich wirklich damit beschäftigt, das Haus vor dem Konkurs zu retten. Wir hatten ein Defizit von zwei Millionen Euro und haben saniert, indem wir die Anzahl der Mitarbeiter reduziert und die der Aushilfen gegen Null gefahren haben, indem wir das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben verbessert haben und die Zuschauerzahlen optimiert: Wir haben mit 170.000 Besuchern in der Saison angefangen und sind jetzt bei 220.000. In den sieben Jahren haben wir 1,4 Millionen Zuschauer gehabt.

 

Ein Grund für Sie, Bochum zu verlassen, war die weiter unsichere Finanzsituation. Für Johan Simons, der 2018 übernimmt, hat die Stadt Risiken wie Lohnerhöhungen nun vertraglich ausgeschaltet. Wie fühlt sich das an? Johan Simons ist 20 Jahre älter als ich und in gewisser Hinsicht ein Vorbild: Wenn ich diesen Job in 20 Jahren auch noch mache, weiß ich, wo die Latte liegt, was man fordern kann. Den gesamten Vorbereitungsetat für ihn und sein Team haben übrigens wir hier erwirtschaftet.

 

Ärgert es Sie, dass Sie nicht zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden? Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir die eine überragende Inszenierung hingekriegt hätten. Einige hätten es verdient gehabt: Zum Beispiel "Was ihr wollt" von Roger Vontobel, Eric de Vroedts "Freitag" oder "Leas Hochzeit", die kurz davor waren. Da gab es unter Ihren Kollegen einige, die waren uns nicht wohlgesonnen aus teilweise schwierigen Gründen. Wenn Sie mich fragen, was ich in Frankfurt anders mache: Ich würde mir genau überlegen, Partnerinnen oder Partner von Journalisten zu verlängern.

 

Was kommt zum Schluss? Wir beenden eine der stärksten Spielzeiten der letzten sieben Jahre, es gibt ein Sommerfest für die Mitarbeiter und dann ist gut. Ich muss zum Abschied keine Torten verteilen. Aber ich will mit meiner letzten Premiere "Alle meine Söhne" am 20. Mai noch einmal ganz hervorragendes Schauspielertheater zeigen. Das ist, warum man in Bochum ins Theater geht: um die Schauspieler zu sehen.

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