Argumente gegen Schließung des Gemeindezentrums

95 Protest-Thesen

Das Gemeindezentrum der Noah-Gemeinde in Nette und Oestrich soll aufgegeben werden. Das passt den Kirchgängern und dem Gemeindevorstand garnicht. Sie formulierten ihren Protest - und zwar, passend zum Reformationstag am 31.10., in 95 Thesen.

NETTE/OESTRICH

, 04.11.2016, 01:59 Uhr / Lesedauer: 5 min

Zum 499. Mal wiederholt am 31. Oktober 2016 der Anschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg durch Martin Luther. Er wollte damit die Kirchenobrigkeit an Missbräuche und Fehlentwicklungen in ihrer Kirche hinweisen - und sein Protest führte zur Gründung der Evangelischen Kirche, deren Anhänger sich "Protestanten" nannten.

Daran angelehnt will die Noah-Gemeinde ihre Mitglieder zum Protest gegen den Presbyteriums-Beschluss aufrufen, die Kirchen in Oestrich und Nette aufzugeben. In ihren "95 Thesen für Noah" verfassen sie die Forderungen Martin Luthers neu und passend auf ihre Situation.

Vor rund einem Jahr gab es die ersten Gerüchte, mittlerweile ist es Gewissheit: Die evangelische Noah-Kirchengemeinde, in der sich die Gemeinden Bodelschwingh, Mengede, Nette, Oestrich, und Westerfilde vereinigen, will die Kirchen und Gemeindehäuser Nette und Oestrich aus Kostengründen schließen. In Nette haben diese Pläne einen kleinen Kreis von Protestanten mobilisiert, die versuchen, bereits getroffene Beschlüsse des Gemeinde-Vorstandes wieder rückgängig zu machen.

Carl-Wilhelm Schmälter notierte sich von Beginn an die wichtigsten Argumente, die gegen eine Schließung der Kirche in Nette sprechen. So entstand die Idee zu den 95 Thesen. An die Kirchentür konnten die Gruppe sie nicht schlagen, die ist in Nette aus Glas. In der Kirche durfte die Gruppe sie nicht verteilen. So verteilte der Arbeitskreis die 95 Thesen am Sonntag nach einem Konzert und am Reformationstag vor der Kirche. „Bislang haben wir nur positive Resonanz bekommen“, freut sich Carl-Wilhelm Schmälter über eine seiner Meinung nach gelungenen Aktion.

Die Thesen sind eine Mischung aus Kritikpunkten und Vorschlägen. These 7: „Kaufen und Verkaufen hat nichts mit Nächstenliebe zu tun.“ Die Protestler sehen hinter den Entscheidung des Presbyteriums vor allem finanzielle Gründe. Seelsorge wird ihrer Ansicht nach vernachlässigt.

These 35: „Aussitzen ist keine Lösung des Problems:“ Damit kritisieren die Verfasser für sie nicht nachvollziehbare demokratische Strukturen bei der Entscheidungsfindung in der Gemeinde und beklagen die ihrer Meinung nach schlechte Informationspolitik des Presbyteriums. „Das ist nicht zeitgemäß“, sagt Dr. Heinrich Mönnighoff.

These 42: „Warum nimmt man der Jugend ihre Gemeinschaftsräume?“ Beispielhaft wird die Jugend genannt für die vielen Gruppen, die nach einer Schließung, keine Treffpunkte mehr haben, wie die Netter Ferienspiele oder das Repair-Café.

These 76: „Nette ist das geografische Zentrum der Noah-Gemeinde:“ Die Netter führen an, dass sich die drei verbleibenden Gemeindezentren – Mengede, Bodelschwingh und Westerfilde – allesamt Außenbereich des Stadtbezirks Mengede befinden.

These 80: „Viele Kirchenaustritte als Folge der Kirchenschließung sind unvermeidlich.“ Der Arbeitskreis hält Nette für die Gemeinde mit den meisten aktiven Christen der Gemeinde. „Nette hatte in diesem Jahr die meisten Konfirmationen aller Noah-Gemeinden“, sagt Dr. Heinrich Mönnighoff. Ohne gut erreichbares Gotteshaus, so glaubt er, werden viele der Kirche den Rücken kehren.

Den Nettern stoßen diverse Dinge bitter auf. So merkten sie eines Tages, dass im Zusammenhang mit der Schließung in Nette immer nur vom Gemeindehaus gesprochen wird. „Das ist eine bewusste sprachliche Herabsetzung. Es handelt sich um geweihten Boden, es ist eine Kirche“, sagt Heinrich Mönnighoff. Einmal sei er von einem Mengeder angesprochen worden, die Netter seien ja selber schuld, wenn sie sich mehr um ihre Gemeindehaus gekümmert hätten, wäre auch der Riss in der Wand nichtentstanden. „Da habe ich nur gefragt, welcher Riss denn. Und mir wurde klar, dass in Mengede Gerüchte kursieren, unsere Kirche in Nette sei baufällig.“

Das Presbyterium konnte bislang nicht zu den Vorwürfen Stellung beziehen, weil nicht alle an den Entscheidungen Beteiligte erreichbar waren. 

Der Arbeitskreis hofft auf neue Gespräche mit dem Presbyterium über den Erhalt des Gemeindezentrums.

Das sind die "95 Thesen für Noah"

  • Am Anfang war das Wort.
  • Seid mutig im Widerspruch.
  • Nur gemeinsam sind wir stark!
  • Wer schweigt macht sich schuldig.
  • Seid unverzagt und streitet für die Verkündigung des Wortes des Herrn.
  • Die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus ist der wahre Schatz der Kirche.
  • Das Kaufen und Verkaufen hat nichts mit Nächstenliebe zu tun.
  • Wichtiger sind gute Werke der Nächstenliebe, wie die Unterstützung für Arme oder Hilfsbedürftige.
  • Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten.
  • Gott wird den Bannstrahl gegen diejenigen schleudern, die Betrug hinsichtlich der  heiligen Liebe und Wahrheit sinnen.
  • Wer aus Unwissenheit Falsches sagt, ist dumm, wer wissentlich Falsches sagt, ist ein Lügner.
  • Eine Lüge ist wie ein Schneeball: je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.
  • Man braucht sieben Lügen, um eine zu bestätigen.
  • Noah baute eine Arche, in Nette soll sie versenkt werden.
  • Möge die Kraft des Heiligen Geistes auch ihre irdischen Verkündiger erreichen.
  • Kein Irrtum ist so groß, der nicht seinen Zuhörer hat.
  • Sollen die Werke gut sein, so muss zuvor der Mann gut sein, der sie tut, denn wo nichts Gutes inne ist, da kommt nichts Gutes raus.
  • Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, so wird geschehen, was besser ist.
  • Das Recht ist ein zeitlich Ding, das zuletzt aufhören muss, aber das Gewissen ist ein ewig Ding, das nimmermehr stirbtUnsere gut gemeinten Ratschläge  
  • Wer glaubt, dass er mit Finanzgeschäften unsere Kirche retten kann, der irrt.
  • Wer seine eigenen Interessen über das Wohl der Gesamtheit stellt, der irrt.
  • Wer das Haus Gottes nur aus finanziellen Erwägungen zerstört, begeht eine Sünde.
  • Wer das Christensymbol Kreuz auf den Müll wirft, begeht eine schwere Sünde.
  • Wer die Schwächsten in der Gemeinde des Herrn missachtet, ist mit dem  Teufel im Bunde.
  • Wer der Jugend das Haus nimmt, verrät die Gemeinschaft.
  • Wer die Interessen der Christengemeinschaft verletzt, ist nicht würdig seines Amtes.
  • Wer einem Bedürftigen nicht hilft, aber stattdessen Handel betreibt, erzürnt Gott.
  • Wer Tatsachen verschweigt, belügt die Menschen.
  • Die Prediger irren, wenn sie Vergebung gegen Geld versprechen.
  • Die Prediger irren, wenn sie sagen: „Jede Strafe wird erlassen.“
  • Es ist falsch, wenn im Haus des Herrn länger über Geschäfte gesprochen wird als über Gottes Wort.
  • Der Schatz der Kirche besteht nicht aus weltlichen Gütern.
  • Demokratisches Miteinander sei auch in der Kirche Maxime des Handelns.
  • Entbindet die Presbyter von dem ihnen auferlegten Schweigegelübde.
  • Aussitzen ist keine Lösung eines Problems.
  • Wo Gott eine Kapelle baut, da baut der Teufel eine Kirche daneben.
  • Für Heuchelei gibt’s Geld genug, Wahrheit geht betteln.Unsere Fragen  
  • Warum hilft die Landeskirche nicht bei der Erhaltung des Hauses?
  • Wo bleibt die Solidarität der wohlhabenden Gemeinden? 
  • Warum ignoriert man die vielen Proteste in der Gemeinde?
  • Warum verwehrt man den Frauen ihre Gemeinschaft in der Frauenhilfe?
  • Warum nimmt man der Jugend ihre Gemeinschaftsräume?
  • Warum nimmt man der Gemeinde ihren Glockenturm?
  • Warum beteiligt man die Gemeinde nicht an den Planungen?
  • Warum nimmt man den örtlichen Lehranstalten ihre Schulgottesdienste?
  • Warum wirft man Spenden aus der Gemeinde auf den Müll?
  • Warum nimmt man in Kauf, den rechten Chaoten den Weg zu ebnen?
  • Warum verpflichtet man die  Kirchenangestellten zum Schweigen?
  • Warum ignoriert man die über Religionsgrenzen hinaus gewachsene Akzeptanz des Kirchenareals?
  • Warum verweigert man der Gemeinde einen genauen Einblick in die Pläne?
  • Warum  beteiligt man die Gemeindemitglieder nicht an den Zukunftsplänen?
  • Warum gibt es für den Erhalt der Kirche keine zweite Chance?
  • Warum wagt man keine öffentliche Diskussion über die beschlossenen Vorhaben?
  • Warum gibt es so unterschiedliche Angaben über die Kosten der Renovierung?
  • Warum wird alles getan, um das Ergebnis für Nette „schlecht“ zu rechnen?Unsere Kirche  
  • Dieses Haus ist das Haus Gottes.
  • Streitet für den Bestand dieses Hauses.
  • Erhaltet dieses Haus für Eure Kinder und Kindeskinder.
  • Unsere Kirche bietet ihren ruhigen Rückzugsort jedem an, der an ihr vorbei geht.
  • Unsere Kirche lädt zum stillen Verweilen ein.
  • Solche Kirchen mitten im Ort braucht es heute noch genauso wie zu der Zeit, als sie gebaut wurden.Unsere Politiker  
  • Alle politischen Parteien sind gegen die Schließung des Hauses.
  • Warum ignoriert man den Appell der Politiker?
  • Warum gibt es kein Beteiligungsangebot an die Politik?Unser Turm  
  • Unser Glockenturm ist ein denkmalwürdiger Baukörper.
  • Unser Glockenturm ist eine weithin sichtbare Werbesäule für die Kirche.
  • Unser Glockenturm ist eine Landmarke.
  • Unser Glockenturm hat eine Identifikationsfunktion für Nette.
  • Das Geläut unserer Glocken ist ein Lobgesang an Gott.
  • Die Glocken rufen: Hier bist du richtig.
  • Unsere Glocken sind Gott geweiht und haben eine Renovierung verdient.Unsere Stärken  
  • Es gibt keinen Saal der Gemeinde mit ähnlich guten Akustik-Eigenschaften.
  • Es gibt kein Gebäude in der Gemeinde mit vergleichbarem Raumangebot.
  • Unsere Jugendarbeit ist beispielhaft im gesamten Noah-Kirchenbereich.
  • Unsere Kirche hat eine wichtige kulturelle Funktion.
  • Nette ist das geografische Zentrum der Noah-Gemeinde.
  • Im Gemeindebezirk Nette wohnen die meisten Gemeindemitglieder der Noah-Gemeinde.Unsere Sorgen  
  • Der Schließungsbeschluss des Presbyteriums ist nicht alternativlos.
  • Es braucht viele Generationen für den Bau einer Kirche, aber nur eine, um sie zu vernichten!
  • Viele Kirchenaustritte als Folge der Kirchenschließung sind unvermeidlich.
  • Mit weniger Sälen verlieren wir Seelen!
  • Eine lebendige Gemeinschaft droht in die Brüche zu gehen.
  • Leerstehende Ladenlokale sind für Zusammenkünfte von Gemeindegruppen völlig ungeeignet.Unsere Bitten an das Presbyterium der Noah-Gemeinde  
  • Lasst unsere Kirche ein Ort sein, an dem es keine Denkverbote gibt!
  • Nehmt den Christinnen und Christen in Nette nicht ihre Heimat!
  • Nehmt der Jugend nicht ihre Musik!
  • Nehmt den Bedürftigen nicht ihre Kleiderkammer!
  • Nehmt unseren Frauenvereinen nicht ihre Kaffeerunden!
  • Nehmt den Bürgern in Nette nicht ihre Bildungsveranstaltungen!
  • Nehmt unserem Chor nicht seine Übungsstätte!
  • Nehmt den Kindern nicht ihren Ferienspaß!
  • Erhaltet unsere Kirche und ihre Fähigkeit, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu erwärmen!
  • Lasst unsere Kirche der Ort sein, wo man aufatmen kann und akzeptiert wird!
  • Lasst unsere Kirche der Ort sein, wo die Menschen Nähe und Verbundenheit erfahren!
  • Macht den unseligen Schließungsbeschluss rückgängig!

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