Atom-Experte: "In Japan wurden Prinzipien verletzt"

Interview-Serie zum Jahresende

Das Jahr 2011 geht dem Ende entgegen. In einer mehrteiligen Interview-Serie blicken wir auf Themen zurück, die dieses Jahr Schlagzeilen gemacht haben. Heute geht es um die Katastrophe von Fukushima. Bei einem Erdbeben der Stärke 9,0 und einem Tsunami starben im März in Japan mehr als 15.000 Menschen.

Aachen

von Lisa Seiler

, 27.12.2011, 12:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Auf Platz 5 der meistgesuchten Nachrichten bei Google: Fukushima - Die ganze Welt hat nach Fukushima geschaut, voller Furcht nach den Folgen der Atomkatastrophe gegoogelt.

Auf Platz 5 der meistgesuchten Nachrichten bei Google: Fukushima - Die ganze Welt hat nach Fukushima geschaut, voller Furcht nach den Folgen der Atomkatastrophe gegoogelt.

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Erdbeben in Japan

14.03.2011
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Die Art der Diskussion in Deutschland. Was Fukushima selbst angeht: Ich hätte nicht gedacht, dass es Reaktoranlagen gibt, in denen elementarste Grundregeln der Kerntechnik von vorneherein verletzt werden.

Ein Beispiel: Ich hatte gedacht, dass die Druckentlastung, wie in Europa üblich, automatisch über Filter erfolgen würde, aber in Fukushima gab es eine ungefilterte Entlastung. Die ist dann, weil man den richtigen Zeitpunkt verstreichen ließ, auch noch zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt erfolgt, nämlich als der Wind aus Südosten kam. Dadurch haben wir jetzt im Nordwesten diesen relativ großen Raum, der stark kontaminiert ist.

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Erdbeben in Japan

14.03.2011
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An manchen Stellen war es nicht optimal. Ich glaube aber auch, dass so ein Krisenmanagement am Idealzustand gemessen immer versagt. Das ist keine japanische Spezialität. Es handelt sich in solchen Momenten um extreme Ausnahmesituationen ohne belastbare Informationen über den tatsächlichen aktuellen Anlagenzustand.

Ja. Wenn man sich zum Beispiel in den ersten Wochen solche Mühe gibt, zur Kühlung Wasser in die Anlage zu schaffen, dann weiß man auch, dass dieses Wasser anschließend irgendwohin muss. Man hätte also frühzeitig dafür sorgen müssen, dass das radioaktiv verseuchte Wasser in Behälter kommt, in denen es aufgearbeitet wird. Eine Frage des Managements.

In der Form sicher nicht, weil dort schon Prinzipien verletzt worden sind, die bei uns sicher nicht verletzt werden. Nur muss man auch klar sagen, dass wir bei einem Kernkraftwerk, wie bei jedem technischen Gerät, nicht garantieren können, dass es störungsfrei arbeitet. Deshalb können wir letztlich auch nicht ausschließen, dass es zu Störfällen oder Unfällen kommt. Wir würden sie wahrscheinlich besser managen. Aber dass so etwas bei uns grundsätzlich ohne Auswirkungen für Mensch und Natur bliebe, das kann man nicht sagen.

Das kommt darauf an, wie man „unter Kontrolle“ definiert. Ich denke, es ist richtig, dass von dem AKW nicht mehr die Gefahr der ersten Wochen ausgeht. Einfach, weil die Wärme, die darin produziert wird, inzwischen viel geringer ist. Anders sieht es in der Frage des halbwegs sicheren Einschlusses der Anlage aus. Man kann sie ja schlecht da stehen und verrotten lassen.

Nein. Das wird zumindest in den nächsten 30 Jahren nicht möglich sein. Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Art Zeltkonstruktion, die man über die Blöcke schiebt.

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Bilder von den Reaktoren in Fukushima
16.03.2011
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So eine Betonkonstruktion würde ich nicht wählen. Man sollte etwas nehmen, das witterungsbeständig und belüftbar ist.

Wenn man auf der sicheren Seite sein will, ist die nähere Umgebung für die nächsten 300 Jahre unbewohnbar.

In den äußeren Zonen schon, in den inneren nicht. Man muss im Grunde Quadratmeter für Quadratmeter nachmessen. Man kann nicht pauschal sagen, ab 1. Januar 2014 können alle wieder in eine bestimmte Zone ziehen.

Ich zweifle immer. Und an allem. Ich zweifle an mir, an der Religion und natürlich auch an dem, was ich beruflich mache. Jeder Tote bedrückt mich. Was in Japan geschehen ist, ist schrecklich. Und wenn man sich dann vorstellt, dass elementare Mängel vom amerikanischen Lizenzgeber für den ersten Block geduldet worden sind, dann nährt das die Zweifel. Nach Tschernobyl hatte ich gehofft, dass ich so etwas nie mehr erleben müsste. Aber ich halte Kerntechnik nach wie vor für eine faszinierende Technik. Ich bin nur nicht sicher, wie sie wirklich sicher gehändelt werden kann, wenn wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Man muss den Sicherheitsaspekt noch stärker in den Vordergrund stellen.

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Japan kommt nicht zur Ruhe

Die japanische Regierung lässt weitere Gebiete außerhalb der bestehenden Sperrzone um die Atomruine Fukushima Eins evakuieren. Derzeit gilt die Evakuierungszone nur für einen 20-Kilometer-Radius um das Atomkraftwerk. Da sich die Krise in der Anlage hinziehe, würden einige Gemeinden in einem Radius zwischen 20 und 30 Kilometern um Fukushima Eins als zusätzliche Evakuierungszonen ausgewiesen, erklärte Regierungssprecher Yukio Edano am Montag.
11.04.2011
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Sie waren natürlich sehr betroffen. Aber von den Diplom- und Promotionskandidaten hat niemand sein Studium geschmissen. Wir haben aber über das Thema Kerntechnik auch schon immer sehr differenziert diskutiert – nicht erst seit Fukushima.

Immer. Verantwortungsbewusste Leute, die wissen, worum es geht, werden dringender denn je gebraucht. Ich sage meinen Studenten aber auch immer: Ihr müsst euch im Klaren sein, dass ihr bei jeder Partydiskussion angefeindet werdet. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch einlasst.